Acht Nonnen am Ende der Welt: Zu Besuch im «Haus des Thomas»

Sie leben Tag für Tag nach demselben Rhythmus von Gebet und Arbeit: Die acht Nonnen im einzigen Frauenkloster der syromalabarischen Kirche Indiens. Eine Welt für sich. Religionsredaktorin Deborah Sutter hat die Frauen zwei Tage lang begleitet.

Deborah Sutter und sieben orange gewandete Nonnen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Deborah Sutter und sieben der insgesamt acht Schwestern. In der Tat fröhlicher als gedacht. SRF / Deborah Sutter

Eigentlich war ich in Kerala, einem südindischen Bundesstaat, weil ich die syromalabarische Kirche genauer untersuchen wollte. Von dieser Kirche hatte ich noch nie gehört. Obwohl sie weltweit rund vier Millionen Gläubige zählt. Und eigentlich war ich auch mit einem Priester dieser Kirche verabredet. Doch der hatte dann leider keine Zeit, als ich vor seiner Tür stand. Also organisierte er kurzerhand ein Alternativprogramm.

Holzschild mit der Aufschrift Bet Toma, übersetzt Haus des Thomas. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mitten im indischen Urwald das Kloster Bet Toma: Haus des Thomas. SRF / Deborah Sutter

Er brachte mich ins Bet Toma – ins Haus des Thomas, zu den syromalabarischen Nonnen. Die Christinnen und Christen dieser Kirche glauben, dass der Apostel Thomas im ersten Jahrhundert nach Kerala gelangt sei. Und die Region christianisiert habe. Historisch lässt sich das nicht zweifelsfrei belegen. Dennoch nennen sich die Mitglieder der syromalabarischen Kirche auch Thomaschristen.

Acht Nonnen am Ende der Welt

Es ist Mittagszeit, als ich bei den Schwestern des Heiligen Thomas ankomme. Das Kloster liegt abseits von einem Dorf, mitten in einem Urwald. Ein grosser Garten umgibt das einstöckige Gebäude. Zerschlissene Moskitonetze rahmen das Kloster ein. Die acht Nonnen versammeln sich zum Mittagsgebet in ihrer kleinen Kapelle. Anders als etwa in der römisch-katholischen Tradition werden hier die Gebete meist gesungen, auf aramäisch, auch syrisch genannt. Aramäisch war die Sprache, die Jesus gesprochen hat. Voller Stolz zeigen mir die Nonnen später ihre syrischen Lehrbücher. Sie unterrichten angehende Priester in dieser Sprache, die heute nicht mehr gesprochen wird.

Nach einer guten halben Stunde ist das Mittagsgebet vorbei. Wir gehen miteinander ins Esszimmer. «Komm, setz dich hierhin, schau, das haben wir für dich gekocht, nicht zu scharf, magst du Curry?» Die Schwestern sind sehr besorgt um mein Wohlergehen: «Hast du auch nicht zu heiss, sollen wir die Ventilatoren anstellen?» Dass eine Westlerin vorbeikommt, das ist höchst selten der Fall. Umso interessierter sind die Frauen. Genauso, wie ich sie zu ihrem Leben ausfrage, werde ich auch selber ausgefragt. «Hast du Kinder? Bist du verheiratet? Wie hast du deinen Freund kennengelernt?» Fragt etwa die Vorsteherin Schwester Theresia.

Sieben Mal am Tag wird gebetet

Die Nonnen setzen sich zum Mittagessen auf den Boden. Natürlich nicht, ohne vorher gebetet zu haben. Tisch, Stuhl sowie Besteck, das sind Luxusdinge, denen sie entsagen. Denn die syromalabarischen Nonnen und ihre Kirche stehen ganz in der Tradition von Indien: Genauso wie hinduistische Mönche verzichten sie auf gewisse Dinge. Und tragen die Farbe Orange – im Fall der Sisters of Saint Thomas ist es eine erdfarbene Ordenstracht, die an diese Tradition erinnern soll.

Die meisten der acht Frauen leben seit der Gründung des Klosters 1989 hier. Wie sie das machen, immer mit denselben Gesichtern zusammen sein, jeden Tag nach dem gleichen Muster verbringen, das ist mir ein Rätsel. Sieben Mal am Tag wird gebetet, das erste Mal um vier Uhr morgens, das letzte Mal um neun Uhr abends.

Eine Nonne mit einer Kuh Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Kloster, das sich selbst versorgt: Bananen, Mango, Kokos, Milch – alles da. SRF / Deborah Sutter

Fröhlicher als gedacht

Dazwischen arbeiten die Nonnen, um sich zu ernähren und um etwas Geld zu verdienen. «Willst du unseren Garten sehen?». Fragt Schwester Maryam nach dem Mittagessen und nimmt mich an der Hand. Besorgt, ich könnte im Blätter- und Gebüsch-Gewirr umfallen. «Hier wachsen Bananen. Da, siehst du die Mangoblüten?», fragt mich Schwester Maryam. Wir laufen vorbei an Kardamompflanzen, Kokospalmen, Chilistauden. Der Garten gibt praktisch alles her. In einem kleinen Stall leben ausserdem eine Büffelkuh mit ihrem Jungen, in einem Holzverschlag zwei Geissen. Aus der Milch machen die Nonnen Käse, den sie verkaufen. Fleisch essen sie keines, auch das in Übereinstimmung mit ihrer indischen Herkunft.

Die acht Frauen machen praktisch alles selber, nur für die schwersten Arbeiten haben sie einen Helfer. Trotz der Krampferei, trotz des vielen Betens und des immer gleichen Rhythmus, der immer gleichen Gefährtinnen: Mein anfängliches Unverständnis ist in den zwei Tagen mehr und mehr verflogen. Spätestens nachdem die Nonnen eine Frau aus dem Dorf organisiert hatten, die mich in einen Sari einwickelte und sie sich krumm lachten darüber, wie ich in den sieben Metern Stoff lief – spätestens da habe ich eingesehen: Die sind fröhlicher unterwegs, als ich dachte. Gleichzeitig bewahren sie eine alte Tradition und befolgen sie mit fast heiligem Ernst.

Als es darum geht, sich wieder zu verabschieden, sind die Herzen auf beiden Seiten schwer. Am liebsten hätten sie mich behalten – doch so weit geht meine Begeisterung fürs Klosterleben dann doch nicht.

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