Alles erfunden: Wie die Ente in die Zeitung kam

Eine «Zeitungsente» nennen wir eine bewusste oder irrtümliche Falschmeldung in den Medien. Der Begriff kommt vermutlich aus dem Französischen. Nun sind in Deutschland Archivunterlagen aufgetaucht, die eine andere Erklärung nahelegen – eine Provinzposse zu skurril, um wahr zu sein.

Eine Plastikente auf einer Zeitung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Begriff «Ente» stimmt zwar. Aber wie sie in die Zeitung kam, war wohl doch ganz anders. Imago/eyevisto

Bisher ging man davon aus, dass der Begriff «Zeitungsente» zurück aufs Französische geht: «Donner des canards», wörtlich «Enten geben», heisst nämlich so viel wie «lügen». Nun aber sind in der norddeutschen Kleinstadt Klein-Wülferode Archivunterlagen aufgetaucht, die eine andere Erklärung nahelegen. Diese scheint so stimmig, dass man die ursprüngliche Herleitung wohl ersetzen muss.

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April, April!

Die «Zeitungsente» kam wohl im 19. Jahrhundert aus dem französischen in den deutschen Sprachgebrauch – in Anlehnung an den Ausdruck «donner des canards» – «Enten geben», lügen – oder «vendre des canards à moitié» – «Enten zur Hälfte verkaufen», nicht die ganze Wahrheit sagen. Mehr über die mediale Ente erfahren Sie in «100 Sekunden» Zeitungsente.

Am Anfang war eine Karikatur

Der Begriff «Ente» stimmt zwar schon. Aber die Ente, die dazu geführt hat, ist sehr viel konkreter als die der französischen Redewendung. Es handelt sich nämlich um eine gezeichnete Ente. Eine Karikatur also, was damals, in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts, noch relativ neu war und Aufsehen erregte.

Blenden wir zurück: Das norddeutsche Klein-Wülferode im Jahr 1873, zwei Jahre nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs. Wie jede anständige Kleinstadt von überregionaler Bedeutungslosigkeit besitzt auch Klein-Wülferode zwei lokale Zeitungen: die Klein-Wülferoder Nationalzeitung und die Klein-Wülferoder Nachrichten. Erstere linksliberal, die zweite bürgerlich-konservativ.

Um sich nun von der Konkurrenz abzusetzen – schon damals war der Markt hart umkämpft – kommen die Macher der Klein-Wülferoder Nationalzeitung auf die Idee, zur Erheiterung des Publikums lustige Falschmeldungen zu verbreiten, wie zum Beispiel «Bismarck wird Katholik» oder «die Schweiz gewinnt ein Fussballspiel».

Aus dem «Ende» wird die «Ente»

Im Unterschied zu heute war es aber damals nicht gestattet, einfach irgendwelchen Blödsinn in die Zeitung zu schreiben; das verbot damals noch die sogenannte «journalistische Ethik». Und so erfanden die Zeitungsmacher eine Figur, die das übernahm.

Was liegt näher als eine Ente? Denn das lustige Zeug in einer Zeitung musste schon damals auf die letzte Seite. Ans «Zeitungsende». Und so entsteht aus der Ente am Klein-Wülferoder Zeitungsende der Begriff «Zeitungsente», der sich bis in den ganzen deutschen Sprachraum ausbreitet, und von dort aus in den französischen und englischen.

Die Klein-Wülferoder Nationalzeitung aber ging trotzdem Pleite. Sie wurde fusioniert mit den Klein-Wülferoder Nachrichten zur Klein-Wülferoder Zeitung, die sich die ersten vierzig Jahre ihres Bestehens vor allem durch Profillosigkeit auszeichnete.

Die Ente ist weg, der Begriff noch da

Dann aber – nun schon in der Zeit des jungen Kaisers Wilhelm II. – änderte sich das, als ein ostpreussischer Grossgrundbesitzer und rechtslastiger Reichstagsabgeordneter namens Otto von Blochow – der Mann mit fünf O – das Blatt aufkaufte.

Er schoss den Vogel, sprich die Ente, kurzerhand ab – entweder aus Humorlosigkeit oder aber, weil er darauf bestand, auch punkto Falschmeldungen das Monopol zu besitzen. Das weiss man heute nicht mehr so genau. Und so verschwand die Ente. Geblieben aber ist der Begriff und eine hübsche Provinzposse.

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