Minderjährige Asylsuchende Bessere Betreuung für jugendliche Asylsuchende in der Schweiz

Die Zahl der Jugendlichen, die in der Schweiz Asyl suchen, ist stark angestiegen. Das stellt den Bund vor neue Aufgaben. In drei Pilotprojekten sucht er nach einer angemessenen Betreuung. Asylorganisationen begrüssen das, äussern sich aber auch skeptisch.

Drei UMA stehen vor dem Asylzentrum in Weinfelden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Bund will minderjährige Asylsuchende ohne Angehörige altersgerecht betreuen. Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Rund 2000 minderjährige Asylsuchende sind im letzten Jahr ohne Angehörige in der Schweiz angekommen.
  • Weil die Zahl der unbegleiteten Minderjährige in der Schweiz in den letzten beiden Jahren sprunghaft angestiegen ist, testen die Bundesbehörden mit einem Pilotprojekt, wie diese besser betreut werden können.
  • NGOs begrüssen das neue Betreuungskonzept. Sie kritisieren aber die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in den Bundeszentren.

Manche fliehen vor Krieg, Armut oder Verfolgung. Andere werden von ihren Familien alleine in die Schweiz geschickt, in der Hoffnung auf Arbeit und eine bessere Zukunft: Kinder und Jugendliche, die ohne Angehörige in die Schweiz kommen.

Die Bundesbehörden haben für sie einen Namen: UMA, kurz für unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Die Zahl dieser UMA ist in den letzten beiden Jahren sprunghaft angestiegen.

Asylgesuche von unbegleiteten Minderjährigen seit 2004 Quelle: Zentrales Migrationsinformationssystem des Bundes (ZEMIS)

Tendenz: Zahl der UMA angestiegen

In den letzten beiden Jahren kamen mehr unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) in die Schweiz: 2015/2016 war einer von 15 Asylsuchenden minderjährig. Zum Vergleich: 2014 war es noch rund einer von 30, 2013 rund einer von 60 Asylsuchenden. Im aktuellen Jahr sind diese Zahlen bisher wieder rückläufig.
Zwei Drittel der UMA sind 16 bis 17 Jahre alt.
Die meisten kommen aus Eritrea, Afghanistan und Somalia.
8 von 10 sind männlich.
Quelle: Jährliche Erhebung des Staatssekretariat für Migration (SEM).

Jugendliche besser betreuen

«Weil wir im vergangenen Jahr mit sehr viel mehr UMA konfrontiert waren, als in den Jahren davor, suchten wir nach einem klaren Vorgehen bei ihrer Unterbringung», sagt Roger Lang. Er ist Chef des Empfangs- und Verfahrenszentrums des Bundes (EVZ) in Basel.

Seit anfangs Juli läuft hier, und in zwei weiteren Bundeszentren in Zürich und Losone, ein Pilotprojekt des Staatssekretariats für Migration (SEM). In diesen Bundeszentren verbringen die UMA die erste Zeit nach ihrer Ankunft in der Schweiz.

Wie ein Jugendlager

Bis Ende 2018 erprobt das Bundeszentrum in Basel das neue Betreuungskonzept mit 15 Jugendlichen, so viele wie auch in Zürich. Für Losone gibt es keine Zahlen.

Zwei UMA und eine Betreuerin in der Küche des Asylzentrums Weinfelden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die meisten UMA sind fast volljährig und kommen aus Eritrea, Afghanistan oder Somalia. Keystone

In Basel sind die Jugendlichen in einem eigenen Haus untergebracht, in zwei grösseren Wohnungen. «Man kann sich das wie in einem Jugendlager vorstellen», erklärt Roger Lang.

Deutschkurse und Singlehrerin

Wie in einem Jugendlager gibt es von Montag bis Freitag ein fixes Tagesprogramm: «Am Vormittag finden eher kopflastige Dinge statt, etwa Schulunterricht, Deutschkurse oder Gesundheits-Prävention. Der Nachmittag gilt der gemeinsamen Freizeitgestaltung, zum Beispiel Sport.» Auch eine Singlehrerin unterrichtet in Basel.

Sozialtherapeuten kümmern sich von morgens bis abends um die Gruppe. «In der Gruppe werden die Jugendlichen auch mit Werten wie Anstand und Rücksicht vertraut gemacht», sagt Lang.

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Haltung der NGOs

«Eine gute Entwicklung»

NGOs und Beobachtungsstellen begrüssen das Pilotprojekt des Bundes. «Wir halten es für eine gute Entwicklung, dass die Situation der Kinder und Jugendlichen dadurch stärker in den Fokus gerät», sagt Marianne Hochuli, Leiterin der Fachstelle Migrationspolitik bei Caritas Schweiz.

Auch Christoph Braunschweig ist erfreut, dass sich bei der Betreuung der UMA etwas tut. Er ist Sozialarbeiter und Fachperson in der Sektion «Unbegleitete Minderjährige» beim Internationalen Sozialdienst Schweiz (SSI).

Neue Verantwortung

Kritisch sehen beide eine Änderung im Asylwesen, die ein solches Pilotprojekt erst notwendig macht: Durch das revidierte Asylgesetz können Asylsuchende künftig bis 140 statt 90 Tage in den Empfangszentren des Bundes untergebracht werden. Das gilt auch für Minderjährige. Dadurch kommen sie möglicherweise erst später in kantonale Wohnheime oder Pflegefamilien.

Unbegleitete Minderjährige bleiben also länger in der Obhut des Bundes. «Das ist eine drastische Veränderung: Der Bund erhält dadurch mehr Verantwortung für eine sehr verletzliche Gruppe», gibt Christoph Braunschweig zu bedenken.

Doch ist er zuversichtlich: «Wir begrüssen, dass der Bund seine neue Rolle anerkennt, mit dem Pilotprojekt Erfahrungen sammelt und Vorbereitung trifft, um dieser Verantwortung Rechnung zu tragen.»

UMA in einem Durchgangszentrum in Weinfelden, 2015. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: UMA bleiben künftig länger im Bundeszentrum, bevor sie in Kantone, wie hier ins Thurgau, wechseln. Keystone

Kein Ort für Minderjährige?

Marianne Hochuli zweifelt, ob die Bundeszentren eine altersgerechte Betreuung sicherstellen können: «Die Bundeszentren sind in unseren Augen kein Ort, wo unbegleitete Minderjährige unterkommen sollten», sagt sie.

Jugendliche sollten in ihren Augen möglichst rasch in den Kantonen untergebracht werden: «Pflegefamilien und Wohnheime wie der Lilienberg in Zürich sind sicher jugendgerechter.»

Ein Schüler im Durchgangszentrum in Weinfelden beugt sich über ein beschriebenes Blatt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In den Kantonen werden UMA oft in eigenen Wohnheimen untergebracht: Wie Samuel in Weinfelden. Keystone

Denn wichtig für unbegleitete Minderjährige ist laut Hochuli ein soziales Netz – Konktakt zu gleichaltrigen Einheimischen, Sporttrainer, Mentoren. «Diese Kinder und Jugendliche sind oft traumatisiert. Sie brauchen Bezugspersonen, mit denen sie über ihre Wünsche und Ängste sprechen können.»

Positive Reaktionen

Auf die Erfahrung solcher kantonaler UMA-Wohnheime stütze man sich beim Pilotversuch ab, sagt Roger Lang vom EVZ Basel.

Um eine Bilanz über den Erfolg des neuen Betreuungsangebots zu ziehen, sei es zur Zeit noch zu früh. Von Seiten der Jugendlichen und Betreuer erhalte er nach den ersten Wochen gute Rückmeldungen. Und auch er ist zufrieden: «Um es etwas salopp auszudrücken: Es ‹verhebet›.»

So kommen UMA in der Schweiz an

Ein Jugendlicher, der ohne Begleitung von Angehörigen in die Schweiz kommt, stellt am Flughafen oder im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) des Bundes einen Asylantrag. Etwa in Basel, Zürich oder Lonsone, wo jetzt das Pilotprojekt läuft.
Im EVZ darf der Jugendliche aktuell maximal 3 Monate bleiben. In der Praxis sind es meist drei bis vier Wochen. Ab 2019 tritt das revidierte Asylgesetz in Kraft: Dann kann der Aufenthalt im Bundeszentrum bis 140 Tage dauern.
Danach weist der Bund den Jugendlichen einem Kanton zu, prozentual zur Einwohnerzahl. Die kantonale Behörde bestimmt Aufenthaltsort und Unterkunft.
Ist er jünger als 12 Jahren, ist die Chance gross, dass der Jugendliche zu einer Pflegefamilie kommt. Ältere kommen oft in ein spezielles Wohnheim für UMA. Manche Jugendliche und Kinder werden in regulären Asylzentren untergebracht mit Erwachsenen und Familien.
Die Befragungen und das weitere Asylverfahren laufen wie bei Erwachsenen ab. Mit zwei Unterschieden: Asylgesuche von UMA werden vorrangig behandelt. Ihnen wird zudem eine Vertrauensperson zur Seite gestellt.

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