«Bollwerk» oder «Gefährten» – Welcher Familientyp sind Sie?

Familie ist nicht gleich Familie. Zu unterschiedlich sind die Erwartungen und Vorstellungen, was einen guten Vater, eine gute Mutter oder ein gutes Kind ausmacht. Der Soziologe und Familienforscher Eric Widmer hat in einer grossen Studie fünf Familien-Modelle abgeleitet.

Eine Familie sitzt am Tisch und isst. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wie verteilt eine Familie die Rollen? Der Soziologe Eric Widmer untersucht verschiedene Formen des Zusammenlebens. Keystone

Seit fast 20 Jahren befragt ein Team um den Genfer Soziologen Eric Widmer in regelmässigen Abständen per Telefon verheiratete und unverheiratete Paare mit und ohne Kinder zu ihrem Zusammenleben. Die Forscher folgen einem umfangreichen Fragekatalog: Wie stark fühlen sich die Partner verbunden? Wie ähnlich sind sie sich? Wie teilen sie sich die Arbeit? Rund 1500 Paare aus der ganzen Schweiz machen mit. Herausgekommen sind fünf Beziehungs-Modelle:

    • Eine Mutter, ein Vater und ein Kind sitzen nebeneinander. Alle stützen ihre Arme auf. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Modell «Bollwerk»: Hier hat die Kernfamilie Priorität vor der Aussenwelt. Colourbox

      Modell «Bollwerk»

      Hier ist die Kernfamilie stark in sich selbst geschlossen. Sie hält die Verwandtschaft, Freunde oder auch Institutionen eher auf Distanz. Die Kernfamilie hat Priorität vor der Aussenwelt, aber auch vor individuellen Wünschen der einzelnen Familienmitglieder. Das Modell zeichnet sich zudem durch eine starke Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau aus: Die Frau ist die Hausherrin, sie reduziert bei der Geburt des ersten Kindes radikal ihre Berufstätigkeit und konzentriert sich ab dann auf den Haushalt und die Kinderbetreuung. Der Mann hingegen verdient den Lebensunterhalt und mischt sich nur sehr wenig in Kindererziehung und Haushalt ein. Ein Sechstel der Familien funktioniert nach diesem Modell.

    • Eine Frau steht hinter einem Mann und hat ihre Hand auf seine Schulter. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Laut Eric Widmers Studie fielen mehr als ein Viertel der Teilnehmer unter das Modell «Zusammenschluss». Colourbox

      Modell «Zusammenschluss»

      In diesem Modell herrscht etwas mehr Gleichstellung zwischen Mann und Frau. Die Autonomie der Partner ist zentral. Äussere Impulse, sei es über Beruf, Freundschaften oder individuelle Aktivitäten, sind fixer Bestandteil dieses Modells. Innerhalb der Kernfamilie ist vieles Verhandlungssache, die Spielregeln werden von den Partnern immer wieder neu definiert. Das Modell ist weit verbreitet, mehr als ein Viertel der Stichprobe in Eric Widmers Studie fiel darunter – vor allem kinderlose Paare und Paare mit guter Ausbildung und höherem Einkommen.

    • Eine Familie mit zwei Kindern steht nebeneinander. Die Mutter hält das kleinere Kind auf dem Arm. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Das Modell «Kokon» ist etwas weniger anfällig auf Trennungen als «Zusammenschluss» und «Parallele». Colourbox

      Modell «Kokon»

      Dieses Modell ähnelt insofern dem Modell «Bollwerk», als dass das Gemeinsame, Geteilte in der Familie zentral ist – allerdings weniger als Abschottung gegen aussen als vielmehr als Ort der Erholung, der Unterstützung und der Zärtlichkeit. Die Rollen zwischen den Partnern sind zudem weniger starr verteilt. Der Vater bringt sich mehr in Kinderbetreuung und Haushalt ein und die Idee, dass der Platz der Frau zu Hause, am Herd, bei den Kindern sei, ist viel weniger stark ausgeprägt. Dieses Modell wählt ein Sechstel der Befragten – meist jüngere Familien.

    • Eine Frau sitzt mit dem Rücken zu einem Mann, vor ihnen sitzt ein Kind. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Beim Modell «Parallele» sind die Rollen der Familienmitglieder klar verteilt. Colourbox

      Modell «Parallele»

      Die Partner in solchen Familien leben quasi in verschiedenen, je eigenen Welten. Gemeinsame Aktivitäten sind nicht so wichtig. Und die Rollen sind klar verteilt: Die Welt der Frau ist jene des Haushalts und der Kindererziehung; sie ist für Unterstützung und Trost zuständig. Die Welt des Mannes ist jene des Arbeitslebens; er entscheidet und ist der Macher. Dieses Modell wählt ein Sechstel der Befragten.

    • Eine Darstellung einer Familie mit Mutter, Vater und Sohn. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Geht es um die Scheidungsrate, ist das Modell «Gefährten» am stabilsten. Colourbox

      Modell «Gefährten»

      In diesem Modell gibt es nur wenige Unterschiede in den Rollen von Mann und Frau. Die Familienmitglieder sind sehr offen gegen aussen. Es ist eine Offenheit, die in die Familie zurückgetragen wird. Die Kernfamilie unternimmt viel gemeinsam, aber eben im Austausch mit der Aussenwelt, indem zum Beispiel Freunde eingeladen werden, so das Familienleben mit Freunden geteilt wird. Ein Viertel der Familien funktioniert nach diesem Modell.

Die Familien in Eric Widmers Langzeitstudie verharrten nicht zwingend in einem dieser fünf Familienmodelle. Gewisse wechselten das Modell mit der Zeit auch. Bei der Ankunft des ersten Kindes steigen zum Beispiel viele Paare von Modell «Zusammenschluss» auf eines der Modelle «Bollwerk» oder «Kokon» um.

Die fünf Familien-Modelle unterschieden sich ausserdem in den Scheidungsraten. Während die stark auf persönlicher Autonomie pochenden Modelle «Zusammenschluss» und «Parallele» die höchsten Risiken für Trennungen aufweisen, sind die Modelle «Bollwerk» und «Kokon» etwas weniger anfällig. Am stabilsten ist das Modell «Gefährten».

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