Wenn der Strand zu teuer ist: surreale Preise in der WM-Stadt Rio

In Rio de Janeiro explodieren im WM-Jahr die Preise. Doch nun regt sich Protest: «Rio ist surreal», ein Wortspiel mit der brasilianischen Währung Real, ist zum Schlachtruf einer ganzen Bewegung geworden. Sie macht kreativ gegen die Überteuerung mobil.

Blick auf den Strand von Rio de Janeiro. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wenn sogar der Strand zu teuer ist: An Rios Touristenorten spielen die Preise verrückt. Alberto Vaccaro/flickr

Die fein geschwungene Konkave der Bucht, die schwarz-weissen Wellen im Pflaster der Promenade, der Sinusschwung des Zuckerhuts. An der Copacabana scheint Rio de Janeiro wie eine Urlaubspostkarte – fast surreal. «Rio ist surreal!», sagt auch Ana Pacheco, allerdings aus einem anderen Grund. Die 35-jährige Kunsthistorikerin lässt den Blick über den berühmten Strand schweifen: «Hier her zu kommen, kann ich mir nur noch selten leisten» sagt sie. Denn in Rios Touristenvierteln spielen die Preise verrückt.

Brasilianische 100-Reais-Note, gefälscht mit Porträt von Salvador Dali statt einem Bild der Republik. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vom Falschgeld zur Protestnote: wo sonst das Bildnis der Republik prangt, schaut einem Salvador Dali entgegen. Patricia Kalil

Eine Omelette für nur 36 Franken

Ein Kugel Eis für umgerechnet über vier Franken, eine kleine Pommes Frites für 12 Franken oder ein 275-Milliliter-Fläschchen Bier im Strandlokal für fast fünf Franken. Regelrecht zum Star der Medien wurde ein in Copacabana serviertes Omelett aus vier Eiern und sechs grossen Garnelen für lässige 36 Franken – sicherlich ein Exzess, aber das ändert nichts an einer generellen Tendenz. «Die Mentalität in Rio de Janeiro ist derzeit, zu versuchen, das grosse Geld mit der WM und den Olympischen Spielen zu machen», sagt Ana Pacheco, die gerade aus der Südzine wegziehen musste. Die Miete ihrer kleinen Zwei-Zimmerwohnung wurde verdoppelt, fast zwei Drittel ihres Monatslohnes von knapp 1800 Franken hätte sie nun dafür aufbringen müssen.

Zur Inflation von rund sechs Prozent kommt die WM-Spekulation. Ein Problem für viele Cariocas, so nennen sich die Einwohner der Stadt – doch die machen nun mobil.

«Wir zahlen nicht mehr!»

Mitte Januar brachte ein Designer den Stein ins Rollen: Statt Real sollte die brasilianische Währung besser «Sur-Real» heissen, postete er auf Facebook. Eine Grafikerin reagierte mit selbstgebastelten Surreal-Geldscheinen, auf denen das Konterfei Salvador Dalis prangt – und Webdesigner Flavio Soares entwarf mit zwei Freundinnen eine Facebook-Seite, auf der Fotos und Vergleichspreise gepostet werden können: Wo spielen die Preise verrückt, wo gibt's ein besseres Angebot. «Wir wollen damit nicht anklagen, wir wollen die Leute aufrütteln und zu einem bewussten Konsumieren anregen.», sagt Flavio Soares. «Rio Surreal – Wir zahlen nicht mehr!», mit diesem Schlachtruf hat die Seite einen Nerv getroffen. Sie hat mittlerweile über 250 000 Mitglieder und Ableger in zehn weiteren Grossstädten Brasiliens.

Party am Strand von Rio Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Bewohner Rios machen «Kühlbox-Parties» – und bringen ihr Bier selbst mit an den Strand. AFP

Revolution per Kühlbox

Erste Erfolge gab es schon: einige Bars am Edelstrand Leblon haben ihre Bierpreise gesenkt, die Verbraucherschutzbehörde will an Rios Stränden fortan «missbräuchliche Preise» kontrollieren. Die Behörden inspizieren und verteilen eventuell Abmahnungen. Aber im Einzelfall müsste ein Richter entscheiden und wegen einer teuren Pommes wird wohl kaum einer vor Gericht ziehen. Stattdessen rufen immer mehr Cariocas zum «Isoporzinho» auf – zu deutsch «kleine Kühlbox».

Statt Getränke in Bars oder Kiosken zu kaufen, schleppen auch Ana Pacheco und Freunde ihr Bier und ihre Snacks selbst an den Strand. Früher galt das in Rio als verpönt, als Habitus der Unterschicht. Nun wird es immer mehr zum Trend – auch der Unternehmer Delfin Dias ist mit Kühlbox angerückt. «Dieser Preiswahnsinn trifft nicht nur uns selbst, sondern hinterlässt auch ein schlechtes Bild bei den Touristen, von denen oftmals noch ein Extra-Aufschlag abverlangt wird.»

Im Hintergrund des Grüppchens, das mit Gitarre und Kühlbox im Sand sitzt, steht Walter Moraes, ein mobiler Getränkeverkäufer. Er müsse ja selbst zu überteuerten Preisen einkaufen, verteidigt er sich, vor allem das Eis werde immer teurer. Zu Grossereignissen koste ein Sack Eis umgerechnet fast 30 Franken. «Und warmes Bier will ja auch niemand trinken.» Später am Abend kommen die Kunden dann doch noch zu ihm – die «kleine Kühlbox» ist leer, auf den Durst wird dann doch wieder der Geldbeutel gezückt.