Breslau – von der Flüchtlingsstadt zur Kulturhauptstadt

Breslau hat über eine halbe Million Einwohner; die meisten von ihnen leben seit weniger als 70 Jahren dort. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem deutschen Breslau das polnische Wrocław – und die ganze Bevölkerung ausgetauscht. Von diesem Drama hat sich die Stadt überraschend gut erholt.

Ein Platz mit Fussgängern, im Hintergrund Häuserreihe und Kirche. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Herkunft zählt in Breslau weniger als Vielfalt, und das erzeugt eine offene Atmosphäre. Foto: der Marktplatz. Keystone

Als Europäische Kulturhauptstadt 2016 zelebriert Breslau seine schillernde Identität. Man hat viele Künstler aus ganz verschiedenen Nationen eingeladen, und die meisten verbindet etwas mit Breslau. Immer schon lag die Stadt mal auf der einen, mal auf der andern Seite der Grenze zwischen dem slawischen und dem germanischen Kulturraum. Heute ist man stolz auf diese internationale Dimension. Doch im 20. Jahrhundert litt die Stadt darunter schwer.

Blick auf einen alten Gebäudekomplex mit Kirche, gesäumt von breiten Bürgerpassagen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Breslau, Beispiel einer wechselvollen, aber positiven, europäischen Geschichte. Imago/Westend61

Drei Generationen bis zur Heimat

Breslau ist eine polnische Stadt. Eine Selbstverständlichkeit ist das für ihre Bewohner aber erst seit 1991, als die Bundesrepublik Deutschland die heutige Grenze zu Polen endgültig anerkannte. Davor herrschte Unsicherheit.

Denn Breslau war bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges eine deutsche Stadt in Deutschland. Doch dann entschieden die Siegermächte, Polen nach Westen zu verschieben, und die Stadt befand sich neu in Polen. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben – und polnische Flüchtlinge aus dem neu sowjetischen Osten des Landes übernahmen Stadt und Häuser. Aus Breslau wurde Wrocław.

Es dauerte drei Generationen, bis die neuen Breslauer ihre Stadt als Heimat empfinden konnten. Und so kam auch der Wiederaufbau der Stadt erst so richtig in Gang, nachdem die Frage der Grenze zu Deutschland geregelt worden war. Jetzt erst konnte die prächtige Altstadt renoviert und wieder aufgebaut werden – und zwar ohne ihren deutschen Charakter zu verleugnen.

Nicht nur das Deutsche und Polnische

Inzwischen aber ist man vielleicht nirgendwo in Polen unbefangener Polnisch als in Breslau, einer Stadt, die frei ist von Alteingesessenen: Herkunft zählt weniger als Vielfalt, und das erzeugt eine freundliche, offene Atmosphäre.

Breslau habe eine Geschichte zu erzählen, sagen die Organisatoren des Kulturhauptstadtjahres. Es ist eine positive, europäische Geschichte. Sie versuchen sie einzufangen mit einer Fülle an Lesungen, Konzerten oder Filmfestivals, die international konzipiert sind. Denn zur schillernden Identität Breslaus gehören mehr Facetten als die des Deutschen und des Polnischen.

Während Jahrhunderten lebten hier vier Glaubensrichtungen miteinander. Das nahe Tschechien beeinflusste die Stadt, zu den Herrschern Breslaus zählten auch die Habsburger oder die Ungaren.

Dunkle Momente und Sternstunden

Die Geschichte Breslaus ist ein typisch mitteleuropäisches Durcheinander. Der Zweite Weltkrieg bildet darin den dunkelsten Moment. Daneben gibt es viele Sternstunden. Kulturhauptstadtbesucher können dies in historischen Ausstellungen erfahren: etwa von dem Buch, das den ersten polnischen Satz überhaupt enthält. Geschrieben hat es im 13. Jahrhundert ein deutscher Mönch in der Nähe Breslaus. Er schrieb hauptsächlich Latein, lässt in diesem Satz aber einen tschechischen Bauern zu seiner polnischen Frau sagen: «Ich arbeite für dich, du sollst dich jetzt ausruhen.»

A propos ausruhen. Wer in Breslau eine Pause einlegen und etwas zu sich nehmen will, kann das natürlich. Doch der Geschichte der Stadt entkommt er auch dabei nicht. Denn egal, ob man ein «jüdsches Beisel» sucht, Lust hat auf eine polnische Teigtasche, einen ukrainischen Borscht oder den Durst in einer deutschen Bierhalle stillen möchte: In jedem Fall macht man etwas für Breslau Typisches.

Sendung zu diesem Artikel