Flucht über das Mittelmeer «Das Boot begann schon nach zwei Stunden zu lecken»

Mishgina* desertierte vom eritreischen Nationaldienst. Über die gefährliche Mittelmeerroute kam er in die Schweiz. Nur die Stärksten überstehen diesen Weg, erzählt der 36-Jährige.

Mann in Decke gehült sitzt auf einem Schiff. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein eritreischer Flüchtling auf einem Rettungsschiff (Symbolbild). Getty Images

SRF: Was hat Sie bewogen, die gefährliche Flucht aus Eritrea, die Durchquerung der Sahara, des Bürgerkriegslands Libyen und die hochriskante Flucht übers Mittelmeer zu wagen?

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Eritreischer Nationaldienst

Der Nationaldienst ist für Männer und Frauen obligatorisch und zeitlich unbefristet. Die Regierung schuf ihn zur Verteidigung und den Wiederaufbau Eritreas nach dem Kampf um die Unabhängigkeit (1961-1991). Zur Ausreise müssen Eritreer den Dienst abgeschlossen haben oder davon freigestellt sein. Wer desertiert, wird bestraft. (Quelle: SEM)

Mishgina*: Ich wurde nach der Sekundarschule zum «Nationaldienst» eingezogen. Das war 1997. Dort sollte ich dann für die nächsten 18 Jahre bleiben.

18 Jahre – das ist die Hälfte meines Lebens. 18 Jahre, die ich in den Schützengräben verbrachte, um die eritreische Grenze zu schützen. 18 Jahre, in denen ich keine sinnvolle Arbeit tun, mir und meiner Familie nichts aufbauen konnte.

Ich musste an drei Kriegen gegen Äthiopien teilnehmen und in unzähligen weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen kämpfen. Ich konnte diese Situation, dieses Leben nicht länger ertragen und beschloss schliesslich zu fliehen.

Das war vor drei Jahren. Wie sind Sie geflohen?

Ich überquerte zunächst die Grenze nach Sudan. Dort blieb ich etwa fünf Monate lang. Es war sehr schwierig für mich im Sudan – auch wegen der religiösen und kulturellen Umstände. Ich entschied mich daher für den härtesten Weg: die Flucht übers Mittelmeer.

Auf dieser Reise würde es um Leben und Tod gehen. Das wusste ich. Aber ich hatte keine Wahl. Eine Rückkehr nach Eritrea war undenkbar. Ich musste dieses Risiko eingehen und irgendwie nach Libyen gelangen.

«  Ich musste an drei Kriegen gegen Äthiopien teilnehmen. Ich konnte dieses Leben nicht länger ertragen. »

Wie gelangten Sie von Sudan nach Libyen?

Ich machte mich Richtung Norden auf und durchquerte angeführt von Menschenschmugglern die Sahara. In Libyen sperrten uns die Schmuggler in einem Haus ein. Dort wurden wir wochenlang festgehalten. Später mussten wir auch in Löchern ausharren.

Es gab fast nichts zu essen. Vielleicht zwei, drei Handvoll am Tag. Manche von uns verhungerten. Alles war voller Ungeziefer und Parasiten. Es war unglaublich schmutzig. Wir bekamen die Krätze. Menschen wurden krank, steckten sich gegenseitig an und starben.

Von dort zu fliehen wäre zu gefährlich gewesen. In der Umgebung wütete der IS. Ringsum war ein Morden und Schlachten. Wir waren ununterbrochen in grosser Angst. Es war so schwer.

Nach zwei, drei Monaten ging es endlich weiter ans Meer. Wer es bis dahin nicht geschafft hatte, die Kosten für die Flucht vollständig zu bezahlen, wurde einfach zurückgelassen. Wir anderen wurden nach Tripolis transportiert und von einer weiteren Schmugglergruppe übernommen. Die Schmuggler steckten uns in Container und lotsten uns später in die Boote für die Fahrt übers Mittelmeer.

«  Manche von uns verhungerten. Alles war voller Ungeziefer und Parasiten. Menschen wurden krank und starben. »

Wie ging das vor sich?

Zuerst verfrachteten die Schmuggler 700 Menschen in ein einziges Boot. Das Boot war derart überladen, dass es gar nicht ablegen konnte. Dann teilten sie uns in zwei Gruppen auf.

Ich kam mit 400 anderen Menschen auf ein Boot, das schon nach zwei Stunden zu lecken begann. Während zehn Stunden schöpften wir ununterbrochen das eindringende Wasser ab.

Mitten auf See stieg dann auch noch der Motor aus. Das war eine sehr beängstigende Situation. Hätte uns nicht die Besatzung eines italienischen Schiffs aufgegriffen, wären wir alle ertrunken.

«  Das Boot begann schon nach zwei Stunden zu lecken. Mitten auf See stieg dann auch noch der Motor aus. »

Waren Sie sich vor der Flucht bewusst, was auf Sie zukommen würde?

Ich wusste schon in Eritrea, dass dies eine sehr gefährliche Reise werden würde. Ich wusste, dass Menschen unterwegs sterben – in der Wüste, im Mittelmeer. Verwandte, Freunde und Kollegen von mir hatten bereits auf diese Weise ihr Leben verloren.

Aber ich hatte keine Wahl. In Eritrea sah ich keine Perspektive. Ich hatte 18 Jahre lang nichts verdient. Ich konnte meine Familie, meine Frau, meine Kinder nicht unterstützen. Ich konnte meinen vier Kindern keine Ausbildung bezahlen, nicht einmal Kleider. Ich musste das Risiko der Flucht auf mich nehmen.

«  Ich hatte keine Wahl. In Eritrea sah ich keine Perspektive. »

Eritrea zu verlassen, bot mir zwei Perspektiven: zu leben oder zu sterben. In Eritrea zu bleiben aber, bedeutete nur eines: den Tod. Wir alle riskierten diese Überfahrt, um im Leben zu landen oder im Tod.

Sie berichten von unheimlichen Strapazen. Wer diese Reise von Eritrea übers Mittelmeer wagt und durchsteht, muss wohl sehr stark sein.

Ja, die gesamte Fluchtroute ist sehr hart. Es gehen daher nur die Stärksten diesen Weg. Zähigkeit und Widerstandskraft sind nötig, um die Hitze in der Wüste, den Durst, den Hunger zu überleben.

Manchmal steigt mitten in der Wüste der Motor aus. Dann steckt man tagelang fest ohne Essen, ohne Trinken. Man muss in brütender Hitze zu Fuss gehen.

Man verliert viele Menschen. Es grassieren Krankheiten unter den Flüchtenden, die man überstehen muss – ohne Medikamente, ohne angemessene Ernährung, ohne Trinkwasser und ohne Wasser, um sich sauber zu halten. Man ist dauernd einem grossen Krankheitsrisiko ausgesetzt. Ohne Widerstandskraft übersteht man solche Umstände nicht.

«  Wir alle riskierten diese Überfahrt, um im Leben zu landen oder im Tod. »

Jetzt sind Sie hier, ohne Ihre Frau, ohne Ihre vier Kinder. Vermissen Sie Ihre Familie sehr?

Natürlich. Ich vermisse meine Familie, meine Kinder, die in Eritrea zurückgeblieben sind. Immer. Ich kann ihnen nicht helfen. Ich verdiene hier in der Schweiz kein Geld. Ich bin erst ein Jahr hier und kann noch nicht arbeiten. Aber ich hoffe, dass sich das ändern wird und ich ihnen bald helfen kann.

Wie geht es Ihnen heute? Leiden Sie unter den Erinnerungen?

Ich habe auf der Flucht viele Menschen sterben sehen – im Sudan, in der Sahara, auf dem Meer. So viele Eritreer ertrinken im Mittelmeer.

«  Es ist sehr schwierig davon zu erzählen.  »

Es ist sehr schwierig davon zu erzählen. Die Worte klingen so simpel, so einfach, aber was ich gesehen habe, ist unvorstellbar. Ich kann es nicht beschreiben. Ich finde keine Worte für die schreckliche Reise, die ich zurückgelegt habe. Das kann man nicht vergessen. Die Erinnerungen werden für immer mit mir sein, in meinem Leben, in meinem Herzen.

Ich allein weiss, was ich durchgemacht habe. Trotzdem: Heute bin ich glücklich. Ich bin davon gekommen. Gott sei Dank. Jetzt bin ich sicher.

Das Gespräch führte Katharina Bochsler.

*Name geändert. Mishgina ist ein selbstgewähltes Pseudonym.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 6.9.2017, 9.02 Uhr

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