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Gesellschaft & Religion Der Märtyrer und der Papst: Seligsprechung in El Salvador

Einst standen sich der Vatikan und die Befreiungstheologie unversöhnlich gegenüber. Heute ist das anders: Am Samstag wird Erzbischof Óscar Romero aus El Salvador, Inspirator der christlichen Basisbewegung, nach langem Widerstand selig gesprochen. Mit Papst Franziskus verbindet ihn einiges.

Eine Frau steht vor einem Bild Romeros
Legende: Ein Frau schaut sich in San Salvador ein Bild an des früherer Erzbischofs Óscar Romero. Keystone

In El Salvador herrschten wenige Reiche über viele bitter Arme. Für jene, die sich dagegen wehrten, gab es Gefängnis und Kugeln. Die Reichen regierten mit eiserner Faust, unterstützt von Armee und paramilitärischen Verbänden. Doch jene, die sich wehrten, wurden immer zahlreicher, und immer mehr liessen ihr Leben dafür.

Berühmter Appell an die Soldaten

Am 23.3.1980 richtete sich eine mächtige Stimme in der dichtgedrängten Kathedrale von San Salvador an die Soldaten der Armee. Erzbischof Óscar Romero predigte, sie hätten keine Verpflichtung, Befehle auszuführen, die sich gegen die Gesetze Gottes richteten. Reformen, die mit Blut bezahlt würden, seien nichts wert. Und dann schmetterte er folgenden Satz in die Menge der Gläubigen, gefolgt von tosendem Applaus:

«Im Namen Gottes, und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Klagen immer lauter zum Himmel steigen, bitte ich Sie, flehe ich Sie an, befehle ich Ihnen im Namen Gottes: Machen Sie der Repression ein Ende.»

Startschuss für den Bürgerkrieg

Am nächsten Tag war Romero tot. Die Kugeln der berüchtigten Todesschwadrone trafen ihn, als er am Altar die Messe las. Der Mord brachte das Fass zum Überlaufen, es folgte ein lang andauernder Bürgerkrieg mit 75'000 Toten. Und die katholische Kirche war um einen Märtyrer reicher.

Für viele Priester in anderen Ländern von Zentral- und Südamerika war Monseñor Romero fortan ein Vorbild des kompromisslosen Engagements an der Seite der Armen. Zum Beispiel für die Brasilianer Leonardo Boff und Dom Helder Camara in Brasilien oder für Ernesto Cardenal in Nicaragua. Ihnen zufolge ist Theologie etwas Politisches, sie zielt auf Befreiung von Armut und Unterdrückung – Befreiung im Diesseits, nicht erst im fernen Jenseits.

Vatikan gegen Befreiungstheologen

Eine solche Haltung konnte die damalige römische Kurie nicht tolerieren. Im Kalten Krieg zwischen Ost und West wollte der Vatikan jegliche Nähe zum kommunistischen Osten vermeiden. Die marxistisch orientierten Befreiungsbewegungen wiederum kämpften gegen Regimes, die von den USA am Leben gehalten wurden.

Der Vatikan pfiff rebellische Priester zurück, wenn es sein musste mit handfesten Verweisen. Berühmt ist die Szene in Managua, als Papst Johannes Paul II Ernesto Cardenal, damals Kulturminister der sandinistischen Regierung, öffentlich massregelte und später als Priester suspendierte.

Arme Kirche für die Armen

Heute stehen die Zeichen im Vatikan anders. Papst Franziskus vertrat schon als José Mario Bergoglio in Buenos Aires Anliegen, die durchaus vergleichbar waren mit jenen, die damals die Theologie der Befreiung formuliert hatte. Damals schickte Bergoglio seine Priester raus in die Armenviertel.

Kurz nach seiner Wahl zum Papst schon definierte er eine Zielvorstellung, die dem Erzbischof Romero gefallen hätte: eine «arme Kirche für die Armen», für jene an den Ränder der Gesellschaft, in den Gefängnissen, in den Flüchtlingsbooten. Privilegien für abgehobene, elitäre Priester und eine Kurie, die mit sich selber beschäftigt ist, sind ihm ein Greuel.

Es wäre falsch, Papst Franziskus als Befreiungstheologen zu bezeichnen. Doch es könnte durchaus sein, dass Romeros Mut und Entschiedenheit auch Papst Franzsikus inspiriert hat. Anfang Juli reist Franziskus nach Ecuador, Bolivien und Paraguay. Dort wird er Gelegenheit haben, deutlich zu machen, was seine Vision der «armen Kirche» in Lateinamerika genau meint und welchen Stellenwert er den Anliegen der Befreiungstheologie zumisst.

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