Eveline Widmer-Schlumpf Die Alt-Bundesrätin sinniert über das Alter

Eveline Widmer-Schlumpf hat einen neuen Job: als Präsidentin von Pro Senectute Schweiz. Ihr Engagement für die Alten hat viel mit ihrem eigenen Leben zu tun.

Eveline-Widmer Schlumpf., Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Lauf des Lebens hat sie gelernt loszulassen: Eveline-Widmer Schlumpf. SRF

Wer Eveline Widmer-Schlumpf zu Hause besucht, muss erst einmal raten, wo sie wohnt. Die drei Klingelknöpfe sind noch nicht angeschrieben. «Es ist noch nicht alles ganz perfekt», sagt mir Eveline Widmer-Schlumpf bei der Begrüssung.

Vor drei Wochen erst war der Einzug. Sie und ihr Mann wohnen oben, die beiden Töchter mit deren Familien unten. Ein Mehrgenerationenhaus: gross, schlicht und mit viel Gemeinschafts-Fläche.

Ein Haus, mehrere Generationen

Wenn das Fernsehen zu Besuch kommt, herrscht aber andächtige Stille im modernen Betonbau. Sich mit ihren Enkelkindern im Fernsehen zu dekorieren: Das ist nicht Eveline Widmer-Schlumpf. Aber die Kleinen haben in der grossen Stube Spuren hinterlassen.

Bunte Holzspielsachen lassen erahnen, dass die Bündnerin den Beruf der Grossmutter nicht nur vom Hörensagen kennt. Wenn die Enkel die Treppe hoch zu ihr in die Wohnung kommen, wissen sie: Jetzt sind sie bei Nona. Jetzt muss man sich benehmen.

Eveline Widmer-Schlumpf lächelt und nimmt einen Schluck Kaffee. Es gehe in so einem Haus nicht ohne klare Regeln und Grenzen. Es sei immer klar, jeder könne auch mal sagen, heute brauche ich Zeit für mich allein.

Man müsse die Kontakte bewusst gestalten, damit niemand eingeschränkt werde. Nur dann funktioniere dieses generationenübergreifende Wohnen und biete sich als Wohnform für die Zukunft an.

Dok-Film über Eveline-Widmer Schlumpf

Der Rücktritt – Die Ära Widmer-Schlumpf

Engagement für die ältere Generation

Später am Rheinufer erzählt mir Eveline Widmer-Schlumpf, wie wichtig es sei, alt nicht mit Pflegeheim gleichzusetzen. In ihrer neuen Funktion will sie sich auch für neue Wohnmodelle und Betreuungs-Angebote stark machen. Damit ältere Menschen, die keine Pflegefälle sind, möglichst lange zu Hause bleiben können.

Die 61-Jährige erinnert sich an ihre Mutter: «Sie musste für fast drei Jahre ins Pflegeheim, hat das aber beeindruckend gelassen genommen. Ob ich das auch so könnte, bin ich mir nicht sicher».

Eveline Widmer-Schlumpf über Kinder und Karriere

1:37 min, vom 27.4.2017

Die Mutter musste einspringen

Das Engagement der Bündnerin für die Alten, für den Dialog zwischen den Generationen hat viel mit ihrem eigenen Leben zu tun.

Als die junge Anwältin Eveline Widmer-Schlumpf ihre Karriere beginnen will, sind Kinderkrippen in Graubünden nicht en vogue. Und Frauen, die Kind und Beruf wollen, auch nicht.

Ihre Mutter sagt von Anfang an ja zum Leben als aktive Grossmutter,. Sie schaut zu den drei Kindern und unterstützt so massgeblich die Karriere der ersten Regierungs-Rätin des Kantons und der späteren Bundesrätin.

Schlumpfs Schulzeit: Von links nach rechts

Wir verlassen das Rheinufer, gehen durch das dicht bebaute Dorf – vorbei an Einfamilienhäusern, hin zum Gemeindehaus. In Eveline Widmer-Schlumpfs Kindheit gingen hier die Primarschüler ein und aus.

Eveline Widmer-Schlumpf: Die Linkshänderin

0:35 min, vom 27.4.2017

Auch sie selbst. Auf der Bank unter der grossen Linde kommen die Erinnerungen an die Schulzeit. Sie sei ein sehr lebhaftes Mädchen gewesen, temperamentvoll. Der Lehrer habe mit ihr und den anderen 37 Kinder alle Hände voll zu tun gehabt.

Sie erinnert sich gerne an die Tage hier, obwohl sie als Linkshänderin das Schreiben mit der rechten Hand mit einer brachialen Methode beigebracht bekam. Sie wurde mitsamt der linken Hand am Stuhl festgebunden, bis sie mit der rechten schreiben konnte. Andere Zeiten.

Das Loslassen kam mit dem Alter

In der Schule habe sie gelernt, dass man über alles im Leben reden könne. Egal welches Problem, Hauptsache man spricht es an. Diese Haltung begleitet Eveline Widmer-Schlumpf bis heute durch das Leben.

Das Loslassen hingegegen habe sie erst später in der Politik gelernt, erzählt die Alt-Bundesrätin. Sich von Ideen verabschieden, Adieu zu so mancher Vision sagen und akzeptieren, dass Menschen sich nur beschränkt verändern lassen. Das gelinge ihr heute gut.

Eveline Widmer-Schlumpf schaut in Richtung Dorfbrunnen und zitiert den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt «Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt es nicht.»

Da sei viel Wahres dran, sagt Eveline Widmer-Schlumpf. Sie könne die Dinge heute so stehen lassen, wie sie sind. «Nicht, dass mir alles gefallen würde, das nicht», sagt sie und lächelt. «Aber ich weiss jetzt, dass es sich nicht lohnt, da noch viel zu investieren.»

Sendung: SRF 1, Kulturplatz, 26.04.2017, 22:25 Uhr.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 26.04.2017 22:25

    Kulturplatz
    «Hey Alter!»

    26.04.2017 22:25

    Wie können wir in Würde altern? Dieser Frage widmet sich «Kulturplatz». Nina Mavis Brunner trifft Golden Agers im Italienischkurs der Pro Senectute Bern. Die Stiftung wird 100 Jahre alt und erreicht nach eigenen Angaben pro Jahr rund 700' 000 Rentnerinnen und Rentner inklusive Bezugspersonen.