Die Welt in der Krise: Es braucht nur einen Funken bis zum Knall

Die aktuelle Sicherheitspolitik biete keine Sicherheit, sondern sei in einer gefährlichen Experimentierphase, sagt Sipri-Direktor Tilman Brück. Die Bedrohungssituation ähnele jener vor 1914, vor dem Ersten Weltkrieg: Bei den vielen weltweiten Konflikten braucht es nur einen Funken zum grossen Knall.

Malische Soldaten trainieren für den Ernstfall. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Soldaten trainieren für den Ernstfall: Westliche Mächte haben die Situation in Mali unterschätzt. Reuters

Nein, dem Kalten Krieg mit seiner «scheinbaren Stabilität» trauere er wirklich nicht nach, sagt Tilman Brück, Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstitutes Sipri. Aber ein wirkliches Friedenskonzept haben Ost und West nach dem Fall der Berliner Mauer noch nicht gefunden. Sicherheitspolitisch wird – von Irak bis Libyen – zu viel experimentiert, meint der 43-jährige deutsche Wirtschaftswissenschaftler, der der renommierten Stockholmer Denkfabrik seit einem Jahr vorsteht.

Sorge bereitet dem jüngsten Direktor in der 50-jährigen Geschichte des Sipri eine weltweite sicherheitspolitische Unübersichtlichkeit. In weiten Teilen Asiens, Afrikas sowie des Nahen und des Fernen Ostens schwelen kleine und grosse Konflikte, die Brück an die Situation vor dem Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren erinnern. Irgendwo muss nur jemand an der Lunte zündeln und es könnte zum grossen Knall kommen – eine These, die übrigens auch der australische Weltkriegsforscher Christopher Clark vertritt.

Ganze Regionen wurden destabilisiert

Die Situation in Ländern wie Afghanistan, Irak oder Libyen, die im letzten Jahrzehnt im Krieg waren, schätzt Brück deshalb als so gefährlich ein, weil dort die staatliche Ordnung auseinandergefallen ist. Die ausländischen Invasionen in diesen Ländern haben nach Ansicht des Friedensforschers ganze Regionen auf eine gefährliche Weise destabilisiert. Für Brück hat sich bei diesen Kriegen erneut erwiesen, dass man mit Gewalt keinen Frieden schaffen kann.

Das gelte auch für Länder wie Mali oder Zentralafrika, in denen der Westen die Dramatik viel zu lange unterschätzt habe und dieses Versäumnis nun wieder gutmachen möchte durch militärische Interventionen. «Aber selbst wenn wir Mali retten oder befreien – die Terroristen gehen ja davon nicht weg,» sagt der Sipri-Direktor und erinnert daran, dass sein Institut schon 2011 vor der Situation gewarnt habe, die heute in Mali herrscht. Aber die internationale Sicherheits-Politik habe immer noch nicht gelernt, präventiv zu denken.

Wenige profitieren stark

Besonders beschäftigt den Ökonomen und Friedensforscher die Kostenfrage beim Thema Krieg. «Krieg ist für wenige ein sehr gutes Geschäft,» meint Brück mit Hinblick auf die Rüstungsindustrie, deren Milliardenumsätze von einem Jahreshoch zum nächsten springen. Frieden dagegen ist für viele ein gutes Geschäft, aber nicht so profitabel. Das Problem sei, dass jeder ein bisschen profitiere vom Frieden, aber einige wenige ganz stark profitieren vom Krieg.

Und ein anderes Problem ist für Brück die mangelnde Transparenz bei den Kriegskosten. Während die deutsche Regierung zum Beispiel behaupte, sie habe seit Beginn des Afghanistankrieges vor zwölf Jahren jährlich eine Milliarde Euro für diesen Krieg ausgegeben, habe sein Institut ausgerechnet, dass es etwa drei Milliarden pro Jahr waren. Milliarden, mit denen man viel Gutes in der Region hätte tun können, argumentiert der Sipri-Chef.

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