Kulturgeschichte des Friseurs Eine kleine Kulturgeschichte der Haarkunst

«Haarscharf», «Hairlich» oder «Haireinspaziert»: Inhaber von Coiffeursalons bemühen sich oft um kreative Namen und versuchen sich so, von der Masse abzuheben. Denn Haare waschen und frisieren lassen kann man sich heute an jeder Ecke. Das war nicht immer so.

Den Coiffeur oder Friseur gibt es seit Jahrhunderten. Doch so richtig etabliert sich der Beruf erst um 1800, im Zeitalter der Romantik – und des Individualismus. Perücken verlieren ihren Reiz: Sie gelten als zu konform und nicht authentisch.

So entsteht eine Marktlücke, die die Friseure geschickt nutzen. Sie bezeichnen sich selbst als «Haarkünstler» und verkaufen ihre Frisuren als individuelle Meisterwerke.

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Zur Person

Wie der Beruf des Friseurs eigentlich entstanden ist – darüber über macht sich der britische Literaturwissen-schaftler Seán Williams von der Universität Sheffield Gedanken. Seine Habilitation ist der Kulturgeschichte des Friseurs gewidmet.

Ein gutes Händchen

Eine clevere Marketingstrategie, findet Literaturwissenschaftler Seán Williams: «Auch mit Hinblick auf diesen neuen Bedarf des Friseurs, seiner Existenz und manchmal seine sehr hohe Preise zu rechtfertigen, hat der Friseur künstlerische Diskurse in die Friseursprache einbezogen.»

Friseure hätten immer ein Händchen dafür gehabt, Diskurse ihres Zeitalters auf das Friseurgeschäft anzuwenden.

Friseure sind Aussenseiter

Dieses «Händchen» ist auch notwendig. Denn im Gegensatz zu Perückenmachern sind Coiffeure nicht in Zünften organisiert. Stattdessen führen sie ein unabhängiges Leben, reisen viel. Deshalb sind sie vielen Zeitgenossen suspekt. Gesellschaftlich sind sie Aussenseiter. Doch wer geschickt genug ist, kann den Aufstieg schaffen.

«In einer Gesellschaft als Friseur aufzusteigen, hiess als Mensch charismatisch und begabt zu sein und damit weiter zu kommen. Damit meine ich, dass der Friseur paradigmatisch war für den Selfmademan in dieser Zeit um 1800.»

Kein idealer Aufsteiger

Dieses Bild vom Friseur als Selfmademan wandelt sich im Laufe des 19. Jahrhunderts. In einer Welt, in der sich alles um technischen Fortschritt dreht, kann der Friseur die Rolle als idealer Aufsteiger nicht mehr erfüllen. Der neue Zeitgeist und das neue Bild vom Coiffeur spiegeln sich auch in der Literatur wider, die Seán Williams untersucht hat:

«Wenn man sich diese Romane des Selfmademans anschaut, während sie um 1800 Friseure waren, sind sie um 1900 nicht Friseure, sondern Grossunternehmer – oder wie man im Englischen sagt ‹Entrepreneurs›.»

Verwehrte Liebe

Fabrikanten klettern also die Gesellschaftsleiter hoch – Friseuren dagegen bleibt der Aufstieg verwehrt. Besonders anschaulich spiegelt sich dieser Konflikt in dem Berner Original Dällebach Kari.

Diesem legendären Coiffeur blieb die Heirat mit seiner grossen Liebe Annemarie auch wegen seines sozialen Status verwehrt. Wie wenig standesgemäss diese Liaison aus Sicht von Annemaries Eltern ist, illustriert eine Szene im Dällebach-Spielfilm von Kurt Früh.

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Filmausschnitt «Dällebach Kari»

3:01 min, vom 2.3.2015

Offen für Minderheiten

«Aus Dällebach konnte man keinen Geschäftsmann machen. Und ich finde, insofern ist Dällebach Kari symptomatisch für den Verfall des Friseurs um 1900», so Sean Williams.

Und für noch etwas ist Dällebach wohl symptomatisch: für das Bild vom Friseur als Aussenseiter. Ein Bild, das bis heute fortwirkt, sagt Williams. Mit durchaus positiven Folgen: Dadurch sei der Coiffeurberuf durchlässiger als andere Berufssparten und offen für Minderheiten.

Bis heute gelinge einigen wenigen so der gesellschaftliche Aufstieg. Bestes Beispiel: Promifriseure – von denen sich übrigens nicht wenige wie zu Zeiten der Romantik als Haarkünstler bezeichnen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 12.12.2016, 17:06 Uhr.