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Gesellschaft & Religion Entlassungen, Hungerstreik: Was ist mit der Kirche im Waadt los?

Der Hungerstreik des reformierten Pfarrers Daniel Fatzer in Lausanne sorgte in den letzten Tagen für einige Aufmerksamkeit. Fatzer war fristlos entlassen worden – wegen Aussagen in einem Radiogottesdiensts. Steckt die reformierte Kantonalkirche Waadt in einer Krise?

Im Hungerstreik: Pfarrer Daniel Fatzer in der Kirche Saint-Laurent in Lausanne.
Legende: Im Hungerstreik: Pfarrer Daniel Fatzer in der Kirche Saint-Laurent in Lausanne. Keystone

Die Fronten zwischen Pfarrer Fatzer und der waadtländischen Kantonalkirche sind verhärtet: Beide Seiten schieben einander die Schuld in die Schuhe, dass es zu Entlassungen und Hungerstreik kommen musste. Der Pfarrer kritisiert die Kantonalkirche, die autoritär handle und viele Pfarrer einfach entlassen habe. Die Kantonalkirche wiederum findet, der Pfarrer habe mit seiner Radiopredigt, Link öffnet in einem neuen Fenster (die Aufzeichnung ist aus juristischen Gründen nicht mehr verfügbar) gegen die Regeln verstossen.

Daniel Fatzer hat Verhandlungen abgelehnt

In dem umstrittenen Gottesdienst hatte Fatzer die Entlassung von anderen Pfarrern und Pfarrerinnen kritisiert. Dieser Vorwurf ist gerechtfertigt. Im Kanton Waadt wurden einige Pfarrpersonen entlassen – zwar nicht so viele wie von Fatzer behauptet – aber 2015 doch zwei. Dazu wollte eine Person selber gehen und ein befristeter Vertrag wurde nicht verlängert. 2016 wurde eine Person entlassen – plus jetzt noch Fatzer.

Marianne Weymann, selber lange Pfarrerin in Waadt und Genf und heute Journalistin für die Reformierten Medien und Spitalseelsorgerin, relativiert die Geschichte: «Der Radiogottesdienst war rechtlich bedenklich. Pfarrer Fatzer hat darin Namen genannt und damit das Persönlichkeitsrecht verletzt. Das ist berufsethisch nicht korrekt.» Auch sei Fatzer nicht sofort entlassen worden. Man wollte verhandeln. Es gab ein Angebot für eine Weiterbeschäftigung, falls er sich zukünftig an die Regeln hält – er habe aber alles abgelehnt und wurde darauf fristlos entlassen.

Pfarrerentlassungen in der Schweiz unüblich

Pfarrer und Pfarrerinnen werden im Kanton Waadt von der kantonalen Kirche angestellt, nicht von den Gemeinden, wie es in der Deutschschweiz üblich ist. Die Kantonalkirche hat dadurch eine grössere Macht. Fatzers Vorwurf, dass die Kirche ihre Macht missbrauche und voreilig Leute entlassen würde, die ihr nicht passen, findet Marianne Weymann nicht ganz zutreffend: «Natürlich sind es viele Entlassungen, wenn man bedenkt, dass Pfarrerentlassungen in der Schweiz unüblich sind. Ich kann mir auch vorstellen, dass es ein gewisses autoritäres Verhalten gibt von Seiten der Kirchenleitung und des Personalbeauftragten. Aber ich denke nicht, dass einfach grundlos Leute entlassen werden – da wird schon mit Sorgfalt vorgegangen.»

Entgegenkommen notwendig

Die Tatsache, dass Pfarrer Daniel Fatzer zum Mittel des Hungerstreiks greift, hält Weymann hingegen für etwas übertrieben – und schlussendlich für eine medienwirksame Massnahme, möglichst viel Aufsehen zu erregen. Dennoch: Eine gewisse Unsicherheit herrscht unter den Pfarrerinnen und Pfarrer im Kanton Waadt. Die Kantonalkirche müsse deswegen viel Fingerspitzengefühl aufwenden, damit personell alles rund läuft, sagt Weymann. Eine noch ziemlich neue Aufgabe für die evangelisch-reformierte Kirche im Kanton Waadt.

Die waadtländische Kiche war bis 2007 eine reine Staatskirche. Die Pfarrer waren vom Staat angestellte Beamte. Dann gab es einen kollektiven Arbeitsvertrag und die Kirche wurde Arbeitgeber. Und weil die Kirche nun Arbeitgeber ist, kommt es halt auch zu Arbeitskonflikten. Aber von einer Krise zu sprechen, findet Marianne Weymann übertrieben: «Es könnte sein, dass eine Personalpolitik, die den Bedürfnissen von Pfarrpersonen und Gemeinden angepasst ist, dieser Kirche guttun würde. Ich sage nicht, dass alles wunderbar läuft. Aber von einer Krise würde ich nicht sprechen.» Eher handle es sich um einen akuten Konflikt mit verhärteten Fronten. Die sollen nun mit einer professionellen Mediation abgebaut werden.

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