Federer heult, Obama schluchzt: Weinen ist wieder salonfähig

Früher galten Tränen als Zeichen der Schwäche. Heute hingegen kann es stark wirken, öffentlich in Tränen auszubrechen. Weinen ist eine Art Performance geworden, die man unter bestimmten Umständen sogar abliefern muss. Ein Augenschein am Tränenmeer.

Irgendetwas ist in den letzten Jahren passiert. Die Tränen sind vom stillen Kämmerchen auf die Weltbühne getreten: Heute ist es für VIPs, Stars und Politiker völlig in Ordnung, öffentlich zu weinen.

Obama weint, Federer weint, Ronaldo weint – und es schadet ihrem Ansehen nicht. Der Tränenforscher Ad Vingerhoets von der Universität Tilburg in den Niederlanden begrüsst diese Entwicklung: «Das hilft, weil wir uns sagen können: Wenn die weinen dürfen, dann dürfen wir das auch.»

Barack Obama verzieht seinen Mund und hält die Hand davor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Barack Obama weint immer wieder einmal öffentlich – hier nach dem Amoklauf an der Schule von Sandy Hook. Keystone

Mit Tränen ins Herz der Fans

Man muss seine Tränen nicht mehr verbergen, Weinen ist etwas Normales. Fürs Image kann es heute sogar gut sein, öffentlich eine Träne zu verdrücken.

Zum Beispiel nach einem verlorenen Match – eine Disziplin, die der Schweizer Tennisprofi Roger Federer sehr gut beherrscht: «Tränen verleihen diesen sportlichen Supermännern ein menschliches Antlitz», sagt der niederländische Psychologe.

Eine Träne zum richtigen Zeitpunkt macht den Popstar. Diese Entwicklung hat auch die deutsche Kulturwissenschaftlerin Renate Möhrmann beobachtet. «Weinen ist eine Art Performance geworden. Man muss zeigen, wie sehr man Anteil nimmt, wie sehr man etwas liebt.»

Wir leben in einer tränenreichen Zeit. Wer nicht weint, hat möglicherweise ein Problem, wie zum Beispiel die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Sie musste sich in einem Interview des Nachrichtenmagazins «Stern» tatsächlich die Frage anhören, weshalb sie eigentlich nie öffentlich weine – wo doch ihr Vorgänger Helmut Kohl des öfteren Tränen vergossen habe.

Ein Restrisiko bleibt

Öffentliches Weinen ist also erwünscht, und doch bleibt es ein Risiko, gerade für Politikerinnen. Frauen gelten immer noch wahlweise als schwach oder als Manipulatorinnen, wenn sie ihre Tränen nicht zurückhalten können.

Ad Vingerhoets nennt das Beispiel von Hillary Clinton, der bei einer Pressekonferenz im Vorwahlkampf 2008 die Tränen in die Augen stiegen. Es gab damals drei verschiedene Reaktionen darauf:

1. Sie ist ein echter Mensch!
2. Wie soll jemand unsere Geschicke lenken, der seine Tränen nicht zurückhalten kann?
3. Das ist doch bloss Taktik, um Stimmen zu gewinnen.

Die Reaktion auf öffentliche Tränen hänge eben immer mit den Gefühlen zusammen, die man der weinenden Person ohnehin schon entgegenbringe, meint Ad Vingerhoets.

Das zeigt auch das Beispiel Ronaldo: Manche halten ihn für eine Heulsuse, weil er nach Niederlagen oft weint. Und sie ändern diese Meinung auch nicht, wenn er – wie nach dem EM-Final am vergangenen Sonntag – für einmal Freudentränen vergiesst. Für andere hingegen machen ihn genau diese Tränen besonders menschlich.

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