Zum Inhalt springen

Header

Video
Filosofix: Das Gedankenexperiment «Geiger»
Aus Filosofix vom 13.01.2016.
abspielen
Inhalt

Filosofix Ist Schwangerschaftsabbruch erlaubt? Gedankenexperiment: Geiger

Ungewollte Schwangerschaft – was tun? Was ist höher zu gewichten: die Selbstbestimmung der schwangeren Frau oder das Leben des Kindes? Um diese Fragen kreist das Gedankenexperiment «Geiger». Die Erfinderin argumentiert für die Selbstbestimmung der schwangeren Frau – und spricht von Notwehr.

Das Gedankenspiel mit dem Geiger stammt von der US-amerikanischen Philosophin Judith Jarvis Thomson. Das Thema ist Abtreibung, genauer die Frage: Darf man eine ungewollte Schwangerschaft abbrechen?

Ungewollte Schwangerschaften sind keine Seltenheit, denken Sie nur an das Versagen von Verhütungsmitteln oder an Vergewaltigungen. Thomsons Gedankenexperiment bezieht sich – das ist wichtig – nur auf solche Fälle von ungewollter Schwangerschaft.

Verbunden auf Leben und Tod

Stellen Sie sich vor, ein weltberühmter Geiger leidet an einer Nierenkrankheit und Sie sind aufgrund Ihrer Blutgruppe die einzige Person, die ihn retten kann. Das wissen auch die Fans des Geigers, welche Sie betäubt und ihren Blutkreislauf mit dem des Geigers verbunden haben. Würden Sie sich von den Schläuchen lösen, wäre das sein Tod. Sie müssen neun Monate mit ihm ausharren, damit er nicht stirbt.

Gemäss dieser Analogie entspricht der Geiger dem ungewollten Kind im Bauch und Sie sind die schwangere Frau. Neun Monate lang kann der Geiger nicht ohne Sie überleben, ebenso wie das im Bauch heranwachsende Kind.

Freiheit oder Leben?

Meist wird im Rahmen der Abtreibungsdebatte darüber diskutiert, ob und ab wann Embryonen ein Lebensrecht haben. Dabei wird gerne unterstellt, dass der Schwangerschaftsabbruch ethisch unzulässig ist, falls das Ungeborene bereits ein Lebensrecht besitzt.

Thomson möchte zeigen, dass dies alles andere als klar ist. Der Geiger ist nämlich ein erwachsener Mensch, der definitiv ein Lebensrecht hat – auch wenn sein Überleben von Ihnen abhängt. Doch dieses Lebensrecht des Geigers kollidiert mit Ihrem Recht auf Selbstbestimmung. Die Frage ist nun: Welches Recht ist stärker zu gewichten?

Schwangerschaftsabbruch als Notwehr

Thomson ist der Ansicht, die Musikfreunde haben auf drastische Weise in Ihr Leben, Ihre Freiheit und Ihre körperliche Unversehrtheit eingegriffen. Das geht nicht, meint sie. Jeder habe das Recht, sich von dem Geiger loszukoppeln. Das entspreche einer Notwehr. Und dazu habe man immer das Recht.

Stimmt das? Würden Sie sagen, man dürfe den Geiger auf keinen Fall von Ihrem Blutkreislauf trennen? Wenn ja, was würden Sie sagen, wenn er nicht neun Monate, sondern neun Jahre an ihnen hängen würde? Wie würden Sie die Sache beurteilen, wenn Ihre Gesundheit und Ihr Leben dadurch bedroht wären und Sie nur überleben könnten, wenn der Geiger von Ihnen abgekoppelt wird?

Zwischen Töten und Sterbenlassen

Mit dieser Variante fordert Thomson diejenigen Abtreibungsgegner heraus, die finden, man dürfe auf keinen Fall abtreiben, auch nicht bei Schwangerschaften, die für die Mutter tödlich verlaufen. Das heranwachsende Kind aktiv zu töten, sei moralisch verwerflicher, als die Mutter sterben zu lassen. Schliesslich gelte das Tötungsverbot. Doch ist aktives Töten in jedem Fall schlimmer als passives Sterbenlassen? Wie sehen Sie das?

Schreiben Sie Ihre Meinung ins Kommentarfeld oder diskutieren Sie mit auf Facebook , Link öffnet in einem neuen Fensterund Twitter , Link öffnet in einem neuen Fensterunter #filosofix.

Stellen Sie sich vor...

Box aufklappen Box zuklappen
Stellen Sie sich vor...

Die Philosophie stellt die ganz grossen Fragen und hilft uns mit Gedankenexperimenten, eigene Antworten zu finden. «Filosofix» stellt die wichtigsten Gedankenexperimente in animierten Kurzfilmen vor – eine unterhaltsame Anregung zum Selberdenken. Hier finden Sie:

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

47 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Wie wäre es, wenn "Mensch", wieder vermehrt "Hirn" einschalten würde, bevor es ans "Kindermachen" geht!
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von yanick kiener  (max6969)
      "vergewaltigung"
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Der Mensch, ist es gewohnt, Lebewesen aus reinem Eigennutz zu quählen und zu töten! Nun bringt - ausgerechnet - die Medizin, die Option auf freie "Nachwuchs-Auswahl"!?? Menschen - Frauen und Männer, könnten zukünftig - wie als KonsumentIn -, eigenständig, mit tatkräftiger Unterstützung der Medizin (Leben erhalten), den absoluten Kinderwunsch (Mädchen oder Bube) ausleben! Allein schon die Idee einer aktiven Selektion und damit "Mord bei Nichtgefallen", ist absurd und mörderisch!!
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Adrian Sousa-Poza  (adriansousapoza)
    Ebenfalls interessant ist, dass wir täglich Lebewesen konsumieren, obwohl wir dies nicht müssten. Ausgewachsene Schweine haben vergleichbare kognitive Fähigkeiten, wie ein 1-2 jähriges Kind. Es würde uns allerdings nie in den Sinn kommen ein bereits jähriges Kind 'abzutreiben'. Dies ist ein Paradoxon welches Fleischkonsumenten und Kritiker der Abtreibungspolitik (und solche Personen gibt es etliche) nicht zu verstehen scheinen. Die Frage nach dem 'wann?' bei der Abtreibung ist nicht trivial.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten