Zum Inhalt springen
Inhalt

Gesellschaft & Religion Flüchtlinge in München: Ein Kuscheltier – und dann?

München gilt als Weltstadt mit Herz. In diesen Tagen zeigen die Bayern viel menschliche Wärme für Flüchtlinge. Sie geben Tausenden Zuflucht, Nahrung und Kleider. Emotion pur. Doch welche Zukunft haben die Flüchtlinge? Ein Augenschein vor Ort.

Sie sind glücklich. Für einen Moment. Sie sind neu eingekleidet. Sie sind beschenkt. Die Familie mit drei Kindern aus Syrien hat unglaubliche Strapazen hinter sich. Sie sind über die Türkei und die Balkanroute nach München geflohen. Gelobtes Land. Das Familienoberhaupt spricht Englisch: «Do you know Switzerland?» – «Malmö?» Nein, er verwechselt die Schweiz mit Schweden. Der gelernte Geologe will deutsch lernen und bald arbeiten.

Menschen zwischen Kleiderstangen mit Kleidern.
Legende: Improvisation ist Trumpf: Die Kleiderkammer in der Erstaufnahme für Asylsuchende. SRF/Norbert Bischofberger

Kleider, Registrierung und medizinische Versogung

So sehen sie also aus, die Menschen, die man täglich im Fernsehen und in der Zeitung sieht. Sie stehen vor der Kleiderkammer der Diakonia, einer Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Vom Hauptbahnhof sind sie direkt in diese ehemalige Kaserne der Bundeswehr gebracht, registriert und medizinisch versorgt worden.

Die Münchner spenden, was das Zeug hält. In den Lagerräumen stapeln sich die Kisten bis unter die Decke. Vorerst gilt ein Spendenstopp. Berge von Klamotten und Schuhe müssen erst sortiert werden.

Nur die Kleider auf dem Leib

«Salam alaikum» – «Friede mit Euch», begrüsst die ehrenamtliche Helferin Geraldine Brunner die Bedürftigen am Eingang der Kleiderkammer. Der Gruss passt immer, die meisten sind Muslime, denkt sie. Sie sind unsicher. «Die Menschen kommen hier an mit einem Mobiltelefon und den Kleidern, die sie auf dem Leib tragen, mehr nicht», erklärt sie. Im Moment sind es Menschen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Nigeria und Senegal.

Es riecht nach Schweiss. Sie haben eine Viertelstunde Zeit, um sich einmal gratis einzukleiden. Heute wird 300 Menschen geholfen. Das Neugeborene der nigerianischen Familie schläft mitten im Trubel auf dem Arm einer Helferin. Es ist vor einer Woche in München zur Welt gekommen. Zukunft ungewiss.

Unvermittelt bricht es aus einer Helferin heraus: «Wir geben den Flüchtlingen ein Kuscheltier und etwas zu Essen. Eine Banane – und dann? Schule? Wohnung? Keiner macht etwas. Es sind zu viele». Geraldine Brunner widerspricht. Sie arbeitet an zwei bis drei Tagen in der Kleiderkammer und unterstützt privat acht Flüchtlinge in der Stadt: «Es geht.»

Nur drei überleben, die anderen ertrinken

Das Schlauchboot kentert. Der Junge aus Afghanistan überlebt mit zwei anderen Insassen. 94 Menschen ertrinken. In München findet er Halt. Nein, er resigniert nicht. Er will etwas aus seinem Leben machen. Er ist ein sogenannter UMF – ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Traumatisiert. Schwierige Klientel. Von ihren Familien allein auf die Reise geschickt, um Krieg und Elend zu entkommen. Für eine bessere Zukunft. Andere mussten mit ansehen, wie ihre Eltern getötet wurden.

30 solche Jungs leben in der Meindlstrasse im Münchner Stadtteil Sendling in einem ehemaligen katholischen Pfarrhaus. Zu dritt oder viert in einem Zimmer. Es riecht nach Kantine. Sie pauken drei Stunden täglich deutsch, bekommen therapeutische Hilfe.

«Jugendliche können Fuss fassen»

Zwei Wachleute sind da. «Wir beschützen die Jugendlichen und die Betreuer. Hier ist es ruhig», meint der Bewacher mit Wurzeln im Kosovo. In anderen Erstaufnahmen mit Hundert und mehr Jugendlichen gebe es täglich Schlägereien.

Ulrich Pointner hat sich für dieses Flüchtlingshaus mächtig ins Zeug gelegt. Der Sozialpädagoge ist bei der Katholischen Jugendfürsorge für den Flüchtlingsbereich zuständig. Was normalerweise Monate dauert, hat er in zwei Wochen hingekriegt: verhandeln, möblieren, einziehen. Pointner ist davon überzeugt: «Jugendliche können Fuss fassen, wenn sie begleitet werden.» Eine Herkulesaufgabe steht bevor. Doch erst einmal stemmt München das Oktoberfest. Das sind sechs Millionen Besucher – in zwei Wochen.

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von W.Ineichen, Luzern
    Sperret alle Tore auf // zum grössten aller Feste // putzt euch säuberlich heraus // für all die lieben Gäste. // Streuet Blumen auf den Weg // auf dem sie reinspazieren // lasst sie mit Fanfarenklängen // eure Gastfreundschaft verspüren. // Und läuft dann alles schief // bedenkt: “Die Geister die ich rief “.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Marianne Känzig, Basel
    Herr Wuhrmann! Das sind keine Geister. Das sind Menschen, die in grosser Not sind. Sie verschwinden nicht einfach, in dem man sie wegdenkt. Und hier jammert auch niemand. Es wird doch wohl noch erlaubt sein, sich über seine Arbeit diesbezüglich und der Schwierigkeiten zu äussern, ohne dass das gleich als "jammern" ausgelegt wird. Wollen Sie den Menschen den Mund verbieten? Und nebenbei gesagt: Arbeit ist nichts Schlechtes. Orakeln Sie bitte im Stillen weiter.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Eric Wuhrmann, Hägglingen
      Frau Kränzig, dass ist nur eine Redewendung und ist nicht so zu verstehen das die Menschen als Geister bezeichnet werden. Mich wundert es bloss das nun plötzlich die Erkenntnis blüht, dass es wohl doch nicht so leicht ist, nach dem zuvor alle mit welcome Schildern herumstanden. Verstehen Sie? Ich finde das faszinierend, andere merken das schon früher.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Marianne Känzig, Basel
      Herr Wuhrmann, so viel ich weiss hat niemand behauptet, dass diese Situation einfach ist oder einfach wird. Gerade deshalb haben sich viele viele Menschen hingestellt und sind bereit mitzuhelfen. Wäre keine Not, wären diese auch lieber zu Hause geblieben und hätten vielleicht ein Zitat oder eine besonders passende Redewendung ausgegraben.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      @M. K.: "Das sind Menschen, die in grosser Not sind". Doch bei vielen Bildern von Säuglingen & kleinen Kindern, welche man uns immer wieder gerne zeigt, fällt doch auf, dass sie in dieses Elend, in einen Krieg, in grosse Not hinein geboren worden sind, um sie dann auf eine gefährliche Flucht durch div. sichere Länder mit zu schleppen. Egoismus oder ein gewisses Kalkül für bessere Chancen auf Asyl, weil solche Bilder von Kindern die Herzen berühren, sie uns nicht kalt lassen?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Eric Wuhrmann, Hägglingen
    Und jetzt? Ich sage nur eins: Die Geister die sie riefen! Deutschland wollte ja, also da habt ihr, jetzt muss man sicher nicht jammern, es seien ja so viele und was mit diesen Leuten nur geschehen soll. Jeder normale Mensch sieht im Voraus was passiert wenn man mehrere 10000 Leute einfach so ins Land lässt, dass kann doch nicht einfach gut gehen, da kommt gewaltige Arbeit auf einen zu und auch gewaltiger Krach je nach Kultur.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Ein Interview mit einer Frau aus Syrien in D gesehen sagte sie aus:" In meiner Familie haben wir ausgelost, wer von uns nach Europa flüchtet. Das Los ist auf mich gefallen." Sobald ihr Asyl-Antrag bewilligt ist, will sie ihren Mann & ihre beiden Kinder nachholen. Fazit: Es werden also wesentlich mehr werden.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen