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Frauen in der Philosophie «Die Klassiker sind nunmal alle von Männern geschrieben»

Frauen argumentieren emotional, Männer rational? Warum es in der Philosophie so wenig Frauen gibt – auch heute noch.

Schauspielerin Nadja Tiller vor einer Sokrates-Büste im Film «Gestatten, mein Name ist Cox».
Legende: Alter Mann, junge Frau: Schauspielerin Nadja Tiller vor einer Sokrates-Büste im Film «Gestatten, mein Name ist Cox». Keystone

Wer über Frauenmangel in den Wissenschaften spricht, denkt häufig an die MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Weniger beachtet wird die Philosophie.

Dort gibt es aber auch einen eklatanten Frauenmangel, sagt die Gesellschaft für Frauen in der Philosophie Schweiz (Swip).

Was hält Frauen von der Philosophie ab? Unterscheidet sich weibliche Philosophie eigentlich von der männlichen? Ein Gespräch mit Melanie Altanian, der Präsidentin von Swip Schweiz.

SRF: Die MINT-Fächer haben ein Frauenproblem, Geisteswissenschaften nicht. Was ist bei der Philosophie anders?

Melanie Altanian: Ich forsche an der Universität Bern, eine Uni, die stolz darauf verweisen kann, dass in den Geisteswissenschaften der Frauenanteil über 50 Prozent liegt.

Die philosophischen Fakultäten stehen in Sachen Frauenquote oft auf dem gleichen Niveau wie die MINT-Fächer.

Was man dabei aber oft übersieht, sind die einzelnen Fächer: Die philosophischen Institute stehen in Sachen Frauenquote tatsächlich oft auf dem gleichen Niveau wie die MINT-Fächer – je nachdem, welche Stufe man ansieht, sogar schlechter.

Melanie Altanian

Melanie Altanian

Philosophin

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Melanie Altanian ist Philosophin und Präsidentin der Society for Women in Philosophy Switzerland (Swip). Sie hat in Bern und Berlin studiert und arbeitet derzeit an der an der Ludwig-Maximilians-Universität Münchenan ihrer Doktorarbeit.

Wieso ist das so?

Dazu tragen viele Faktoren bei. Die Philosophie war schon immer männerlastig. Es gab diese falsche Vorstellung, Frauen seien als emotionale Wesen definiert, die nicht rational denken können. Männer hingegen seien vernünftige und analytische Wesen.

Unterscheidet sich weibliche Philosophie von der männlichen?

Das ist eine sehr komplexe Frage. Man könnte sagen, dass die Menschen je nach Geschlecht, andere Interessen haben und andere Erfahrungen machen.

Die Klassiker sind alle von weissen Männern geschrieben.

Das hat sicher einen Einfluss darauf, welche Themen Frauen bearbeiten. Ich will bei dieser Frage aber auch nicht von mir selbst auf andere schliessen.

Kommen wir trotzdem auf Sie zu sprechen. Sie forschen gerade zum Thema Genozid. Wie genau?

Genau gesagt forsche ich nicht zu Genozid, sondern zur Leugnung eines Genozids. Ich untersuche die Frage, was aus ethischer und erkenntnistheoretischer Sicht problematisch ist an der systematischen Leugnung eines vergangenen Völkermords.

Dabei geht es beispielsweise darum, wie solches Verhalten ignorant macht, indem es Unwissen verbreitet und den Menschen wichtiges Wissen verwehrt.

Wird Ihre Arbeit davon beeinflusst, dass Sie eine Frau sind?

Diese Frage habe ich mir nie selbst gestellt. Was ich aber sicherlich sagen kann ist, dass mein Ansatz von Philosophinnen und Philosophen inspiriert ist, die sich mit sozialer Ungerechtigkeit und Unterdrückung, aber auch dem Aspekt der sexistischen Diskriminierung beschäftigen. Teilweise sind das eben auch Werke aus der feministischen Philosophie.

Es gibt beispielsweise den Ansatz der epistemischen Ungerechtigkeit: Einer bestimmten sozialen Gruppe wird aufgrund eines Vorurteils keine Glaubwürdigkeit entgegengebracht. Das verunmöglicht es dieser Gruppe, relevantes Wissen mitzuteilen.

Bei Sexismus kann man das gut beobachten. Dieser Ansatz lässt sich meines Erachtens aber auch auf das Leugnen eines Genozids anwenden.

Ein Ziel Ihrer Organisation Swip ist es, Praxisbeispiele vorzuschlagen, um die Frauenquote zu erhöhen. Was bräuchte es, um mehr junge Frauen zur Philosophie zu bringen?

Ein Beispiel sind die Texte: Man liest im Philosophiestudium die Klassiker – und die sind natürlich alle von weissen Männern geschrieben. Da wäre es ein Ansatz, zu schauen, dass in Einführungskursen auch Philosophinnen vorkommen.

Wir arbeiten beispielsweise an Listen mit Texten von Philosophinnen, die sich genauso gut eignen, den wesentlichen Gehalt eines Arguments zu übermitteln wie die Texte von Männern.

8 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Männlich und weiblich ist immer auch wandelbar sogar in einem Leben. Bäume machen uns das vor. Es gibt Einhäusige, Zweihäusige und Dreihäusige sowie Zwitter und dann noch Einhöusige die plötzlich Zweihöusig werden. Das ist Biologische Philosophie und zum Schluss kann man ihn einfach in den Boden Stecken und es geht auch, manchmal. Wenn also ein männlich Einhäusiger 5000 Jähriger Buchs plötzlich hormonell altersbedingt weibliche Äste bekommt warum soll das nicht auch dem Mensch gelingen?
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    1. Antwort von Roger Stahn (jazz)
      Wünschen Sie sich das, Herr Künzi? Wir sind ja auf dem Weg dahin, aber nicht wegen natürlicher Evolution. Zusammen mit anderen östrogenartig wirkenden Stoffen in unserem Wasserkreislauf, gefährdet das nicht nur die Amphibien (Geschlechtsumkehr von genetisch männlichen zu weiblichen Tieren, was wiederum zum Aussterben einer Population führen kann), stellt also auch für uns Menschen eine ernst zu nehmende Beeinträchtigung dar.
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  • Kommentar von Roger Stahn (jazz)
    «Es gab diese falsche Vorstellung, Frauen seien als emotionale Wesen definiert, die nicht rational denken können. Männer hingegen seien vernünftige und analytische Wesen.» So pauschal hat das die letzten tausend Jahren niemand ernsthaft behauptet und man kann die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht weg philosophieren. Es gibt Ausnahmetalente, wie eine Hannah Arendt zum Beispiel. Männer sind eher rational veranlagt und Frauen eher emotional. Der Grund liegt in unserer Natur...
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    1. Antwort von Michael Studer (Mi_St)
      Die Frage ist vielmehr, welche Schlüsse eine Kultur aus den biologischen Unterschieden zieht. Und: Ob eine Kultur über Generationen hinweg nicht selbst durch Konidtionierung zu den biologischen Unterschieden beiträgt (siehe Epigenetik). Ihre Aussage "der Grund liegt in unserer Natur" ist so gesehen äusserst holzhackerisch!
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    2. Antwort von Roger Stahn (jazz)
      Wie erklären Sie den Frauenmangel in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik und Philosophie? Alles Konditionierung, Herr Studer?
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    3. Antwort von Michael Studer (Mi_St)
      Es lassen sich viele Gründe für den Frauenmangel anführen. Das Argument, dass das Gehirn der Frauen betreffend logisch-technischem Denken anders funktioniert, wurde naturwissenschaftlich jedoch bereits in x-Studien widerlegt. Signifikante Mittelwertsunterschiede sind auch mit der Lupe kaum zu finden. Wie lassen sich die Unterschied nun also erklären?
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    4. Antwort von Michael Studer (Mi_St)
      Die von ihnen genannten Fakultäten sind ja traditionsmässig stark männlich geprägt, was sich nicht von heute auf morgen - auch nicht durch die ganzen Genderdiskussion - nicht so schnell verändern wird. Ein Experiment, welches besonders deutlich zu zeigen vermag, wie stark die Geschlechterstereotypen sich auf Handlungen auswirken, war so aufgebaut, dass Männer und Frauen einen mathematischen Test machten. Die Ergebnisse von Mann oder Frau waren da identisch. Musste aber vor dem Test das
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    5. Antwort von Michael Studer (Mi_St)
      Geschlecht angegeben werden, so wirkte sich das stark auf das Ergebnis aus. Frauen waren nun klar schlechter. Der Streotyp "Frau" wirkt sich also, wenn er explizit aktiviert ist, auf die Leistungsfähigkeit aus. Hier haben sie den Unterschied, den sie suchen (googeln sie das Experiment. Es wurde auch schon repliziert).
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