Griechenland: «Nur wer seine Geschichte kennt, kann handeln»

In Griechenland zeichnet ein Historikerteam Hunderte von Gesprächen mit Zeitzeugen auf. Die Befragten sollen über ihren Alltag sprechen, aber auch über Tabus aus der Vergangenheit. Das stärke die Gesellschaft, erklärt Projektchefin Tasoula Vervenioti.

Schwarzweissbild: Eine Frau und ein Mann sitzen auf Stühlen am Strassenrand Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Oral-History-Projekt will Griechinnen und Griechen über ihren Alltag sprechen lassen. Sascha Kohlmann/Flickr

Tasoula Vervenioti, bei Ihnen laufen die Fäden des Oral-History-Projekts in Griechenland zusammen. Was wollen Sie damit erreichen?

Tasoula Vervenioti: Das Ziel des Projekts ist, dass Griechinnen und Griechen ihre Geschichte kennen. Nur dann können sie eine Zukunft entwerfen. Die Sparmassnahmen haben die Identität der Griechen angegriffen. Sie müssen über ihr Leben und ihre Ideen nachdenken. Darüber, was sie bisher gemacht haben und wie sie ihre Zukunft gestalten wollen. Geschichte hilft ihnen dabei.

Hunderte von Frauen und Männern werden in Athen, aber auch in Nordgriechenland und auf der Insel Ikaria zu ihrer Lebensgeschichte befragt. Was kommt dabei heraus?

Es entsteht ein anderes Geschichtsbild. In den 1980er- und 1990er-Jahren war eine Erzählung vorherrschend: jene über die glänzende Vergangenheit der antiken Griechen und über die tapferen Frauen und Männer der Widerstandsbewegung während der deutschen Besatzung. Das war eine glorifizierte Geschichte.

Welche blinden Flecken verstecken sich hinter dieser «glorifizierten» Geschichte?

Zum Beispiel der griechische Bürgerkrieg, der 1946 auf den Zweiten Weltkrieg folgte und bis 1949 dauerte. Er ist ein Tabu, ein Trauma – genauso wie der Spanische Bürgerkrieg für Spanien ein Trauma ist. Erstmals fangen die Leute an, laut darüber zu sprechen.

Wo geschieht das?

Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Besatzung und den Bürgerkrieg kommen in den Gesprächen hoch, besonders bei alten Leuten. Das Oral-History-Projekt wird von 14 Gruppen im ganzen Land betreut und gleichzeitig auch an die Öffentlichkeit getragen.

Zeitzeugen treten an Veranstaltungen wie Stadtfesten auf und kommen miteinander ins Gespräch. Die Beschäftigung mit Geschichte findet zum ersten Mal nicht nur in Seminarräumen oder an wissenschaftlichen Konferenzen statt, sondern auf Plätzen und auf der Strasse.

Wie sieht es mit einer offiziellen Aufarbeitung dieser blinden Flecken aus?

Das griechische Parlament entschied 1989, sämtliche Archive mit Polizeiakten anzuzünden, um die hässliche Wahrheiten aus der Bürgerkriegszeit zu vernichten. Keine politische Parteie wollte etwas von diesem historischen Erbe wissen. Also wurde das Gedächtnis verbrannt. Für eine Forschungsarbeit über den Bürgerkrieg musste ich weit reisen: Ich fand Material dazu in Genf und in New York, aber nicht in Athen.

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Die Bilder

Die Bilder unten stammen von der Schweizer Fotografin Eveline Konstantinidis-Ziegler. Sie lebt in Athen. In Ihren Bildern dokumentiert sie das Leben in Athen – zum Beispiel von den Menschen, die unter der Krise leiden.

Ist die Konfrontation mit diesen dunkeln Kapiteln der griechischen Geschichte eine zusätzliche Belastung für das krisengeschüttelte Land?

Nein, denn die interviewten Zeitzeugen stellen fest: Ihr Leben ist heute – trotz der Krise – besser als damals. Ihnen wird bewusst, dass die Menschen früher mit gleichen oder ähnlichen Problemen umgehen mussten und erst noch keine Arbeit hatten und hungerten. Das zu sehen, stärkt die griechische Gesellschaft. Wenn sie es schafft, auf das Trauma des Bürgerkriegs einzugehen, wird es ihr besser gehen, sogar wirtschaftlich. Die Menschen könnten sich endlich befreien und handlungsfähig werden.

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