Ein Leben für Kunst und Therapie: Das Ehepaar Hubert-Bolland

Zwei Künstler, zwei Psychotherapeuten, ein Ehepaar: Die Genferin Anne-Dominique Hubert und der Deutsche Ulf Bolland. Er kam vor 24 Jahren in die Schweiz. Sie ist vor 30 Jahren über den Röstigraben nach Basel gezogen. Die beiden über Heimat, Heimweh und Fremdheit und was sie der Schweiz wünschen.

In der Gesprächsreihe «Hier mit dir» kommen Menschen unterschiedlicher Herkunft zu Wort, die in der Schweiz zusammen arbeiten, leben oder sich lieben. Zum Beispiel: Das Ehepaar Anne-Dominique Hubert und Ulf Bolland. Als Einstieg zum Gespräch haben die beiden einen kurzen Fragebogen beantwortet.

Ulf Bolland

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Ulf Bolland

Ulf Bolland

SRF/Gina Folly

Der 66-jährige Ulf Bolland kommt aus Deutschland und wohnt in Basel, gemeinsam mit seiner Ehefrau Anne-Dominique Hubert. Er ist seit 1990 in der Schweiz und als Psychotherapeut und Collage-Künstler tätig.

Wo würden Sie lieber leben?
Am Ufer eines größeren Gewässers mit einer Feuerstelle im Freien, umgeben von Wäldern.

Was möchten Sie sein?
Etwas gelassener hinsichtlich der Digitalisierung alles Lebendigen.

Was schätzen Sie an Ihren Schweizer Freunden am meisten?
Dass sie sich von meiner Andersheit und meinem Eigensinn nicht haben abhalten lassen.

Worum beneidet man Sie?
Vielleicht darum, dass ich mir seit 1969 viel (unbezahlte) Zeit gebe, um zu tun, was ich gerne möchte. Ich bin zum Beispiel jedes Jahr lange in Griechenland, das mir eine zweite Heimat geworden ist.

Wie bereichern Menschen aus anderen Kulturen Ihr Leben?
Sie haben mir geholfen, der zu werden, der ich bin. Für hinreichend sensible junge Menschen meines Jahrganges war es schwierig, sich zu orientieren in einer Welt, in der die Deutschen kurz zuvor so unheilvoll gewirkt hatten. Ich musste erst in die Fremde gehen, um das Eigene zu entdecken. Die herzliche Aufnahme durch die Griechen etwa – nicht lange nach dem Krieg – war heilend für mich und wohl auch für sie. So habe ich nachträglich die Gastfreundschaft meiner Mutter schätzen gelernt. In meiner Kindheit hat es mich nämlich vorwiegend gestört, mein Bett für Besucher zu räumen und den Frühstückstisch mit ihnen zu teilen.

Was wäre ohne Menschen aus anderen Kulturen in ihrem Leben anders?
Einiges. Da gab es zum Beispiel meinen Freund Max. Er hieß eigentlich Mordechai. Wir hatten den gleichen Schulweg, aber samstags lernte er nicht. Er kam aus dem fernen Israel, das als Staat damals gerade so alt war wie ich (sieben Jahre). Von diesem jüdischen Jungen hörte ich zum ersten Mal von der Shoah und den Konzentrationslagern.

Sehr früh kamen mir damit Fragen auf, auf die ich als Kind keine Antwort hatte. Ich wurde kritisch, aber auch offen gegenüber allen möglichen Eigenarten. Manches, was mir unvertraut war, hatte vor allem mit der Armut der anderen zu tun. Damals gab es «die Schmuddelkinder», mit denen ich nicht spielen sollte und je mehr ich gerade deshalb zu ihnen ging, desto mehr war ich auf der Suche nach guten Antworten. Das hat mich geprägt. Ich bin mit sehr unterschiedlichen Menschen befreundet. Einer ist Markus, ein Outsiderkünstler. Er hat keinen Schulabschluss, aber Herzensbildung. Wir machen Filme über sein Leben am Existenzminimum und seine Kunst, die mir nah ist und so fremd zugleich – wie er selbst. Die Begegnungen mit ihm befruchten meine eigene künstlerische Arbeit mit Collagen und Installationen, wo ich mit Ungewohntem spiele und mich dem annähere, was ich nicht wissen kann.

Anne-Dominique Hubert

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Anne-Dominique Hubert

Anne-Dominique Hubert

SRF/Gina Folly

Die 61-jährige Anne-Dominique Hubert kommt aus Genf und wohnt seit 30 Jahren in Basel. Sie ist als Psychotherapeutin und Künstlerin tätig.

Wo würden Sie lieber leben?
Ich lebe gerne in meinem Quartier in Basel. Meine Traumwohnung wäre eine mit Kamin und Rheinblickterrasse.

Was möchten Sie sein?
Ich bin gern mich selbst, vielleicht noch einen Schuss aufgeräumter und frecher.

Was schätzen Sie an Ihren Schweizer Freunden am meisten?
Ihre Weltoffenheit, Wärme und eigene Art, aber das schätze ich bei vielen meiner Freunde. Mir fällt es schwer, den Unterschied zwischen Schweizer Freunden und – na ja, was denn? Fremden Freunden? Ausländischen Freunden? Nicht-Schweizer Freunden? – zu machen.

Worum beneidet man Sie?
Um den grossen Luxus, zwei Berufe auszuüben, die mich erfüllen. Und um die lange Auszeit in Griechenland.

Wie bereichern Menschen aus anderen Kulturen Ihr Leben?
Als Schweizer Frau habe ich gut gelernt, zu vermitteln und nach Harmonie zu trachten. Vor allem meine deutschen und jüdischen Freunde haben mich gelehrt, Kontroversen auszutragen, hitzige Gespräche zu wagen. In Griechenland bin ich die Fremde. Das erweitert meinen Horizont und fordert mich auf, andere Perspektiven einzunehmen.

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