Jesper Juul: Ein stummer Pädagoge, der viel zu sagen hat

Jesper Juul, Pädagoge und Lebemann, kann seit vier Jahren nicht mehr sprechen und sich kaum noch bewegen. Trotzdem hat der engagierte Däne ein neues Buch geschrieben. Darin fordert er: Eltern sollen ihre Verantwortung als Vorbilder bewusster wahrnehmen.

Porträt des dänischen Pädagogen Jesper Juul. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jesper Juul kann nicht mehr sprechen, hat aber trotzdem viel zu sagen. Jesper Juul

Man glaubt es kaum, wenn man ihn sieht. Er wirkt wie ein Vorortbeizer; ist unförmig, angegraut und raucht Kette. Und doch ist der 68-jährige Däne für Tausende von modernen Eltern eine Lichtgestalt ist, ein Wegweiser durch den Familienalltag, ein Leuchtturm, ein Leitwolf.

Vom Schiffsjungen zum Familienflüsterer

Juul ist ein Liebhaber von Umwegen. Die ist er auch selber gegangen. Studiert hat er erst, als ihm das Jobben als Schiffsjunge, Betonarbeiter und Barkeeper zu blöd wurde. Dann entschied er sich für Religion und Geschichte. Noch immer nicht das, was ihn später zum Sokrates der Pädagogen machen sollte.

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Buchhinweis

Jesper Juul: «Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie.» Beltz, 2016.

Auf den Geschmack seiner späteren beruflichen Passion kam er wohl, als er in einem Heim für schwere Jungs arbeitete. Dort kam er an seine Grenzen. Konfrontiert mit riesigen Wissenslücken, studierte er weiter und wurde zum Familientherapeuten. Dabei verlor sich der Erfinder der Gleichwürdigkeit nie ausschliesslich im Privaten und Intimen. Immer schon hatte Jesper Juul einen scharfen sozialkritischen Blick.

Flüchtlingsfamilien, Familienlabor und Bücher über Bücher

Für den engagierten Dänen ist Schwerarbeit die Norm. Lange Zeit arbeitete er jedes Jahr drei Monate lang in Kroatien. Dort half er Flüchtlingsfamilien und Kriegsveteranen seelisch auf die Beine. 2004 gründete er das «Family Lab International», ein länderumspannendes Erziehungsberatungsnetz. Die «Family Lab Schweiz» Chefin, Caroline Märki, sagt über Juul: « Man kann alle seine Bücher intus haben, aber wenn man ihn im Gespräch über Kinder und Eltern erlebt, hat man immer wieder grosse Aha-Erlebnisse.»

Jesper Juul ist auch ein Vielschreiber. In sieben Jahren sind vom Dänen 16 Bücher auf Deutsch erschienen. In allen ist viel zu lesen über elterliche Echtheit und kindliche Kompetenz, über persönliche Autorität und das «Nein aus Liebe», über Kooperation und Integrität, über Führung und Gleichwürdigkeit. Ein Begriff, der zu Denken gibt und weiter reicht als Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit.

Der verstummte Leitwolf

Nun ist Jesper Juul seit vier Jahren erlahmt und verstummt. Eine schwere Krankeit und ein chirurigischer Missgriff haben ihn zum «Disabled» gemacht, zum Behinderten. Sprechen kann er nicht mehr. Aber zu sagen hat er immer noch viel. Via E-Mail bietet er Konsultationen an und vor kurzem ist sein neues Buch herausgekommen: «Leitwölfe sein,- liebevolle Führung in der Familie».

Darin fordert er, dass Eltern ihre Verantwortung als Vorbilder und Leitfiguren sehr bewusst wahrnehmen sollten. Eine Abkehr vom Alltag auf Augenhöhe mit den Kindern? Der Tausendsassa unter den Pädagogen kontert: «Führung muss durchwoben sein von Empathie, Einsicht, Mut und dem Wunsch, viel von denen zu lernen, die man führt.»

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