Kino statt Drogenhandel in Marseilles Armutsvierteln

Marseille ist geteilt: Lebt man im falschen Viertel, hat man Pech. La Savine etwa ist so ein Ort. Doch es gibt Auswege aus der Sackgasse: Ein Filmprojekt holt Jugendliche aus ihrem Trott aus Armut, Drogen und Perspektivlosigkeit. Daniel Said hat den Ausstieg geschafft.

Hochhäuser, triste Balkone. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Einmal Sozialbau, immer Sozialbau? Das muss nicht sein. Ein Filmprojekt wirkt dagegen. SRF/Ursula Duplantier

Wie sind Sie zu diesem Projekt gekommen?

Daniel Said: Ich habe den Filmemacher Adam Pianko kennengelernt, als er nach La Savine kam und dort Proben für einen Film über ein Sozialbauviertel machte. Er wollte herausfinden, ob die Dialoge, die er geschrieben hat, mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Ich bin dort mit drei Freunden hingegangen und dann haben wir Videoaufnahmen gemacht. Danach habe ich ihm meine Telefonnummer gegeben und er hat mich angerufen, um mit mir als Berater für diesen Film zusammenzuarbeiten. Dabei haben wir uns angefreundet und beschlossen, weiter zusammen Kino zu machen.

Ein Mann mit Mütze und langen dunklen Haaren. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Daniel Said hat den Ausstieg aus dem Drogenhandel auch dank des Filmprojektes geschafft. SRF/Ursula Dupentier

Was bringt Ihnen das Filmprojekt?

Auf der einen Seite hält es mich von anderen Dingen, von Dummheiten fern, die es um mich herum gibt. Es macht mir wahnsinnig viel Spass und ich glaube, dass ich dafür gemacht bin. Es hat mir Selbstbewusstsein gegeben und ermöglicht mir, Geschichten zu erzählen. Ich lasse mich oft von meinem Alltag inspirieren und aus einigen Gesichtern und Persönlichkeiten entstehen dann Geschichten.

Wie reagieren die Kinder und Jugendlichen auf dieses Angebot?

Es holt sie aus ihrem Alltag raus und macht ihnen vielleicht Lust darauf, etwas aus ihrem Leben zu machen und es zeigt ihnen vor allem, dass nichts unmöglich ist. Das ist oft das Problem in diesen Vierteln. Man sagt sich: Weil wir hier isoliert sind, haben wir keinen Zugang zu dem, was es auf der anderen Seite gibt. Aber das stimmt nicht, alles ist möglich.

Wie gelingt das?

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Über das Projekt

Um Jugendliche von der Strasse wegzuholen, bietet der Filmemacher Adam Pianko in Marseille ein besonderes Projekt an: Improvisation vor der Kamera. Er produziert regelmässig Kurzfilme, von denen einige sogar im Rahmen eines Off-Filmfestivals vorgeführt wurden. Daniel Said macht von Anfang an bei diesem Filmprojekt mit.

Es gibt ja viele Beispiele aus dem Sport, der Comedy oder der Schauspielerei, von Leuten, die aus solchen Vierteln kommen. Selbst wenn wir dafür doppelt so hart arbeiten müssen, können wir es schaffen. Einer von den Jugendlichen hat sogar neulich in einem Spielfilm mitgespielt. Das macht uns stolz, weil es Kinder sind, die nie die Möglichkeit hatten, Theaterkurse zu besuchen und sie sich dennoch gegenüber hundert Personen im Casting durchgesetzt haben.

Und wenn man sieht, wie dieses Filmprojekt die Jugendlichen glücklich macht und sie sich anderen Dingen zuwenden, dann sind wir froh. Auch wenn wir es schaffen, nur einen zu retten, dann hat es sich schon gelohnt.

Meinen Sie damit auch das Retten vor dem Einstieg in den Drogenhandel?

In diesem Viertel hat jeder einen Freund, der im Drogenmilieu ist. Der kommt dann mit feschen Schuhen an und hat immer Zigaretten und Geld in der Tasche. Das macht Lust darauf, es ihm nachzumachen und nicht mehr auf die Eltern angewiesen zu sein. Das ist eine grosse Versuchung.

Aber auch diejenigen, die arbeiten gehen möchten, haben grosse Schwierigkeiten, weil in ihrem Lebenslauf die Adresse aus einem Sozialbauviertel steht. Selbst wenn sie ein oder fünf Jahre studiert haben, finden sie nur schwer Arbeit. Alle Nationalitäten hier leiden unter Diskriminierung durch einen «falschen» Wohnort.

Sie waren auch in der Drogenszene aktiv, sind aber jetzt ausgestiegen. Wäre das ohne das Filmprojekt anders verlaufen?

Ich wäre sonst noch mit denen zusammen oder vielleicht schon tot oder hätte eine grosse Gefängnisstrafe am Hals. Ich habe Adam Pianko sehr viel zu verdanken. Er ist genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Obwohl ich schon meine Kinder hatte, war ich noch ein bisschen in der Drogenszene aktiv, um sie zu ernähren.

Ich hatte versucht, arbeiten zu gehen, aber dabei grosse Probleme mit der Miete und allem, weil ich meine Lebensweise geändert und nicht mehr so viel Geld verdient habe. Da hat mich Adam motiviert und mir gesagt, dass er an mich glaubt und er hat vor allem nicht lockergelassen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 2.12.2015, 16:20 Uhr