Kunst aus Guantánamo Bilder, die Gefängnismauern überwinden

Zum ersten Mal sind Werke von Insassen des US-Militärgefängnisses in Guantánamo öffentlich zu sehen. Die Ausstellung in New York wird vermutlich auch die letzte sein.

Bild der Freiheitsstatue von Muhammad Ansi. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Neue Perspektive auf amerikanische Symbole: Muhammad Ansis Bild der Freiheitsstatue. PRESIDENT’S GALLERY / Muhammad Ansi

Das Wichtigste in Kürze

  • Zum ersten Mal zeigt eine Ausstellung Kunstwerke von Häftlingen aus Guantánamo.
  • Häufigstes Sujet ist das Meer, aber auch Skylines von amerikanischen Städten sind relativ oft vertreten.
  • Es wird wohl die einzige Ausstellung dieser Art bleiben, da die US-Regierung die Werke als ihr Eigentum betrachtet und sie künftig vernichten will.
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Ausstellungshinweis

Die Ausstellung «Ode to the Sea» ist noch bis zum 26. Januar 2018 in der President's Gallery in New York zu sehen.

Die Insassen von Guantánamo Bay können den Ozean hören und riechen, aber nicht sehen. Das verhindern die Planen über dem Stacheldrahtzaun, der das amerikanische Militärgefängnis auf Kuba umgibt.

Nur 2014 war die Sicht aufs unendliche Blau vier Tage lang frei. Ein Hurrikan drohte, die Planen waren vorsorglich entfernt worden.

Eine Ode ans Meer

Seither beherrscht das Meer die Bilder und Zeichnungen der Gefangenen. Da sind Strände, Leuchttürme und Stege ins Nirgendwo. Haifischflossen ragen aus dunklen Wellen.

Rund dreissig dieser Arbeiten sind nun zum ersten Mal öffentlich zu sehen und vermutlich zum letzten Mal. Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung «Ode to the Sea» im John Jay College for Criminal Justice in New York verbot das US-Verteidigungsministerium nämlich die Ausfuhr aller weiteren Werke.

Was Häftlinge auf der Insel pinseln und basteln, so die Direktive, gehöre der Regierung. Arbeiten von Ex-Häftlingen werden künftig verbrannt.

Ein Boot, dass Schiffbruch erleidete von Djamel Ameziane Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Meer ist ein häufiges Motiv: Wie auch in diesem Werk von Djamel Ameziane. PRESIDENT’S GALLERY / Djamel Ameziane

Eine Verbindung zur Aussenwelt

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Blick ins Gefängnis

Nur wenigen Journalisten wird Einlass in Guantánamo gewährt. «10vor10»-Korrespondentin Karin Bauer ist dies gelungen – ihre Reportage.

Erin Thompson ist Professorin am John Jay College und Kuratorin der Schau. Sie fühlt sich schuldig: «Ich wollte eine Verbindung zwischen den Insassen von Guantánamo und der Aussenwelt herstellen. Aber ich fürchte, ich habe sie stattdessen um eine der letzten dieser Verbindungen gebracht.»

Es war eine Anwältin, die Erin Thompson mit dem Vorschlag für die Ausstellung anrief. Alka Pradhan hat in den vergangenen Jahren mehrere Guantánamo-Häftlinge vertreten und wie viele ihrer Kollegen von ihnen Aquarelle, Skulpturen und Ähnliches erhalten: «Jeder einzelne unserer Klienten verfügt über Werke, die zu zeigen sich lohnt.»

Modellschiffbauer seit fünfzehn Jahren

Unter diesen Werken befinden sich auch die minutiösen Modellschiffe von Moath al-Alwi. Aus T-Shirt-Fetzen, Shampoo-Flaschen und Zahnseide fabriziert der «low value detainee», der «wertlose Gefangene» seit über fünfzehn Jahren Objekte, die jedem Playmobil-Kreuzer Konkurrenz machen.

Ein Modellschiff von Moath al-Alwi. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Modellschiff von Moath al-Alwi, hergestellt aus T-Shirt-Fetzen, Shampoo-Flaschen und Zahnseide. PRESIDENT’S GALLERY / Moath al-Alwi

Von den acht in der Ausstellung vertretenen Männern werden vier noch immer unter Terrorismusverdacht, aber ohne formelle Anklage, festgehalten – darunter Moath al-Alwi. Die anderen sind inzwischen freigesprochen und entlassen worden.

Versuch der «totalen Kontrolle»

«Wenn Sie die Künstler für Terroristen halten, ermöglichen Ihnen diese Werke einen Einblick in ihr Bewusstsein», sagt Erin Thompson über das Ziel der Ausstellung. «Wenn Sie sie für unschuldig halten, sprechen diese Arbeiten für die Widerstandsfähigkeit der menschlichen Natur und unser aller Bedürfnis nach Schönheit, selbst unter den fürchterlichsten Umständen. Ja, gerade dann.»

Abdualmalik Abud Bild einer Hängebrücke im Abendrot. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Abdualmalik Abuds Bild einer Hängebrücke im Abendrot. PRESIDENT’S GALLERY / Abdualmalik Abud

Die jüngsten Massnahmen des Pentagon hält sie für äusserst bedenklich: «Die Zensur und Zerstörung von Kunstwerken stellt immer den Versucht einer Macht dar, Menschen der totalen Kontrolle zu unterwerfen und letztlich sie selber zu zerstören.»

Ungewohnte Perspektive auf amerikanische Sujets

Dabei müssten viele Sujets in dieser Ausstellung gerade jenen schmeicheln, die um die Sicherheit und Grossartigkeit der Vereinigten Staaten bangen: Muhammad Ansi hat vor tiefblauem Hintergrund die Freiheitsstatue gemalt, Abdualmalik Abud die Golden Gate Bridge im Abendrot. Erin Thompson: «Als Vorlagen stehen den Künstlern bloss Zeitschriften aus der Gefängnisbibliothek zur Verfügung, meistens alte Nummern von National Geographic.» Das führt zu amerikanischer Symbolik aus ungewohnter Perspektive.

Ob die Werke nach dem Ende der Ausstellung den Leihgebern zurückgegeben werden können oder direkt auf einen Scheiterhaufen wandern, weiss Erin Thompson nicht. Ihr Schicksal ist so ungewiss wie das ihrer Schöpfer.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 4.12.2017, 17.12 Uhr