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Landesteile Vorurteile Die leichtsinnigen Romands

Wir zerschmelzen vor ihrem Jean-Paul-Belmondo-Charme und den Alain-Delon-Attitüden, gleichzeitig schauen wir kühl auf sie herunter: Die Romands sind weltgewandt und meinen, sie hätten das Savoir-vivre erfunden. Wenn sie dabei etwas umweltfreundlicher wären, kämen wir uns wohl ein ganzes Stück näher.

Legende: Video Das Klischee von den lockeren «bon-vivants» in der Westschweiz abspielen. Laufzeit 3:11 Minuten.
Vom 18.07.2013.

Hatten Sie auch schon den Eindruck, dass junge Deutschschweizerinnen immer gleich erröten und sich in Ausflüchten verlieren, wenn man sie nach ihren Erlebnissen als Au-Pair-Mädchen im Welschlandjahr befragt? Kein Wunder, denken Sie dann, man weiss ja um die ausschweifende Libido der jungen Westschweizer, um das Jean-Paul-Belmondo-Gehabe und die Alain-Delon-Attitüde dieser Gecken aus Neuchâtel, Genève oder Lausanne. Manch eine Deutschschweizerin wird da wohl schon schwach geworden sein und diese Momente lieber geheim halten wollen.

Eine Beziehung zwischen Neugier und Misstrauen

Ja, die Romands, Männer wie Frauen: freizügig und elegant, eloquent und weltgewandt. Etwas überheblich auch, als hätten sie das Savoir-vivre erfunden und für sich gepachtet. Unsere Einstellung schwankt zwischen neidvoller Bewunderung einerseits und kühler Herablassung andererseits. Denn wir vermuten ja auch: Die Westschweizer sind angeberisch und verantwortungslos, sie leben über ihre Verhältnisse und schieben die Schuld – egal wofür – grundsätzlich immer den Deutschschweizern zu.

Grosse Fragezeichen rund um Geld und Verantwortung

«Die Romands sind die Griechen der Schweiz», titelte jüngst ein Deutschschweizer Boulevardblatt. Die Empörung war gross. Aber insgeheim überlegte sich mancher, was dran ist am Vorurteil, dass der gemeine Romand etwas arbeitsscheu sei, gern auf Pump lebe, dass er lieber krank feiere und einen Wein trinke als fleissig schaffe und vorsorge.

Tatsächlich sind die Westschweizer Kantone im Vergleich ziemlich hoch verschuldet. Dazu passt auch das Ergebnis einer Erhebung zur Steuermoral, wonach jeder vierte Romand Steuer-Schwindeleien für eine lässliche Sünde hält. Wenn alle so dächten! Trotzdem: Wirtschaftlich hat die Romandie aufgeholt und liegt nur noch knapp hinter der Deutschschweiz, auch das ist Fakt.

In vino veritas: fragt sich bloss, welche Wahrheit

Die Westschweizer sind übrigens nicht die grössten Weintrinker der Schweiz, das sind die Tessiner, aber sie verursachen die meisten alkoholbedingten Verkehrsunfälle. Tja, was sagt uns das? Haben die Romands weniger Verantwortungsgefühl? Oder sind sie einfach weniger trinkfest als die Deutschschweizer? So manche Frage bleibt offen.

Uns das auch beim Natur- und Umweltschutz. Der Widerstand gegen das Verursacherprinzip bei den Müllentsorgungskosten ist in der Romandie traditionell gross. Freiwillig geht da nicht viel. Es brauchte einen Bundesgerichtsbeschluss, um die Kehrichtsackgebühr im Westen durchzusetzen. Sind die Romands deswegen notorische Umweltsünder? Dieses Image wurde lange besonders durch die lamentable Wasserqualität des Lac Léman genährt, doch heute ist der Genfersee dank grosser Anstrengungen wieder fast so sauber wie der Deutschschweizer Musterknabe Zürichsee.

Die heikle Kunst des laisser-faire

Sie haben also doch einen gewissen Sinn für Naturschutz, die Welschen. Dass sie darin nicht führend sind, könnte daran liegen, dass sie generell weniger beschlagen sind in den Naturwissenschaften, wie die Pisa-Studien zeigen. Vielleicht aber liegt das ja nur daran, dass die Romands nicht solche Streber sind wie wir – ein sympathischer Charakterzug, eigentlich.

Ich weiss nicht, was soll es bedeuten?

Uneinheitlich muss das Bild auch in Sachen Erotik und Sex bleiben. Zwar haben die Westschweizer generell eine deutlich höhere Scheidungsrate als wir, aber was will das schon heissen: Scheiden sie sich häufiger, weil sie mehr fremdgehen, und mutig die Konsequenzen ziehen? Oder scheiden sie sich im Gegenteil häufiger, weil sie noch grössere Sexmuffel sind als wir?

Wer blickt da schon durch, mes chers copains et copines? Wahrscheinlich macht Ihr das alles extra, um uns im Ungewissen zappeln zu lassen und so eure Sonderzüglein besser fahren zu können – oder etwa nicht?

3 Kommentare

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  • Kommentar von Philippe Mettauer, 3280 Murten FR
    Mit Klischees aufzuräumen ist so eine Sache. 25 Jahre habe ich in der Rhonestadt gelebt, und keinem der Hunderten von Journalisten, welche sich dort übers Jahr so kundig machen, wäre es in den Sinn gekommen, ausgerechnet auf der Mont-Blanc Brücke ein Interview zu machen und dabei vor lärmig-menschenfeindlicher Kulisse eine Vielzahl von Klischees zu bedienen! Gleich nebenan wäre der Fussgängern u. Velofahreren vorbehaltene "Pont des Bergues" gewesen; eine Brücke weiter neue Tramlinien... Zufall?
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  • Kommentar von Tatiana Vuilleumier, Zürich
    Ich habe soeben die Sendung über die Romandie gesehen und bin ein bisschen enttäuscht. Ich bin eine Romande aber lebe seit vielen Jahren in Zürich. Zwischendurch war ich auch noch 5 Jahre lang in Genf. Ich finde es schade, dass die Reportage ausgerechnet einen Genfer beinhaltete da es nicht die Romandie repräsentiert. Die Genfer werden für die anderen Romands als eine "bande à part" betrachtet da diese sehr von der französischen Kultur imprägniert sind. Leider bestätige ich es auch.
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    1. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Wenn diese Genfer nur nicht so "frankophon" eingebildet wären. Offenbar träumen die Francophonen immer noch von einer "grande Nation", die eigentlich nur noch auf dem Papier und in den Erinnerung der älteren Semester existiert. In der Welt haben nun mal die Angelsachsen das Sagen übernommen.
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