Reform von König Mohamed VI Marokkos König geht an Schulen gegen Radikalisierung vor

Der marokkanische König möchte Inhalte vom Lehrplan streichen, die einem offenen und toleranten Verständnis des Islams widersprechen.

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Bildlegende: Fnidek: Die Stadt im Norden Marokkos gilt als Hochburg der Radikalisierung. SRF/ Beat Stauffer

Das Wichtigste in Kürze

  • Koransuren, in denen negative Äusserungen über andere Religionen stehen, wurden auf Geheiss des marokkanischen Königs aus den offiziellen Lehrmitteln entfernt.
  • Bereits an Primarschulen soll eine mögliche Radikalisierung verhindert werden.
  • Religiös-konservative Kreise grollen. Doch dem «Anführer der Gläubigen» kann in Marokko niemand widersprechen.

Marokko versucht seit den Attentaten von Casablanca im Mai 2003 energisch gegen islamische Extremisten vorzugehen. Hassprediger und oft auch deren Sympathisanten wurden verhaftet und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt, Moscheen geschlossen. Seither müssen Imame ihre Predigten dem Religionsministerium vorlegen. Doch all dies reichte nicht: Rund 1500 junge Marokkaner sind in den letzten Jahren in den Dschihad nach Syrien gezogen.

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Bildlegende: Verfechter einer moderaten Modernisierung: Mohamed VI ist seit 1999 König von Marokko. Reuters

Experten überprüfen

Nun hat König Mohamed VI beschlossen, bereits an den Schulen gegen eine mögliche Radikalisierung vorzugehen. Er setzte vor rund einem Jahr eine Expertenkommission ein, welche die schulischen Lehrmittel im Fach Religionsunterricht auf Inhalte überprüfte, die einem offenen und toleranten Verständnis des Islams zuwiderlaufen.

Die Experten wurden schon bald fündig: In den bisherigen Lehrmitteln standen Koranverse, welche zum sogenannt «heiligen Krieg gegen die Ungläubigen» aufrufen und welche Juden und Christen abwertend darstellen. Diese Textstellen wurden aus den Schulbüchern entfernt und durch andere, allgemeiner gehaltene Verse ersetzt. Seit September 2016 sind die neuen Lehrmittel an allen öffentlichen Schulen im Gebrauch.

Berber-Aktivist als Vordenker

Einer der Vordenker dieser Reform ist der Schriftsteller, Berber-Forscher und zivilgesellschaftliche Aktivist Ahmed Assid. Seit mehr als 20 Jahren fordert der 55-jährige Kämpfer für die Trennung von Religion und Politik, die marokkanischen Lehrpläne und Schulbücher auf Inhalte zu überprüfen, die nicht mit modernen, demokratischen Grundsätzen vereinbar sind.

Ein Porträt von Ahmed Assid. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ahmed Assid setzt sich seit Jahren für die Überprüfung von marokkanischen Lehrplänen und Schulbüchern ein. SRF/Beat Stauffer

Einfluss der Religion verkleinern

Wir treffen Assid an seinem Arbeitsplatz im königlichen Zentrum für Berberkultur (IRCAM) ausserhalb von Rabat. Die Berber sind die ursprünglichen Bewohner Nordafrikas. Sie verfügen über eine eigene Sprache, die mit dem Arabischen nichts zu tun hat, und sie sind sehr stolz auf ihre uralte Kultur.

Zwar haben sie den Islam bereits vor mehr als tausend Jahren angenommen. Doch unter den Berbern sind besonders viele Säkularisten zu finden. Sie sind überzeugt davon, dass sich die arabische Kultur nur weiter entwickeln kann, wenn der Einfluss der Religion auf das tägliche Leben und die Politik zurückgebunden wird.

Als «Affe» und «Ungläubiger» beschimpft

Ahmed Assid wird von seinen Gegnern – vor allem von salafistischen Imamen – regelmässig angegriffen. Er sei ein «Ungläubiger», ja ein «Affe», sagte kürzlich ein radikaler Imam. Doch Assid lässt sich von diesen Angriffen nicht einschüchtern. Er weiss den König, aber auch die Mehrheit der Elite des Landes hinter sich.

Und er ist überzeugt, dass die fortschrittlichen Kräfte in der arabischen Welt längerfristig die Oberhand gewinnen werden. «Unsere Ideen sind zeitgemäss», sagte Assid gegenüber SRF. «Unsere Gegner, die zahlenmässig viel stärker sind, versuchen hingegen den Gang der Dinge aufzuhalten». Mit den Gegnern meint er die religiös-konservativen Kreise, welche eine zeitgemässe Lesart des Korans mit allen Mitteln verhindern wollen.

Der «Anführer des Gläubigen» will es so

Religiöse Fundamentalisten und Konservative, aber auch viele Lehrerinnen und Lehrer sind über die Reform gar nicht glücklich. Doch sie können sich nicht erlauben, gegen den Entscheid des Königs zu opponieren. So kommt es, dass Mohamed VI dank seiner Rolle als «Anführer des Gläubigen» fortschrittlichen Ideen zum Durchbruch verhelfen kann.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 9.1.2017, 9:02 Uhr.

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