500 Jahre Luther Martin Luther als verliebter Teenager

Asta Scheib erzählt in «Sturm in den Himmel» beeindruckend und sinnlich von Luthers Jugend.

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Bildlegende: Als Erwachsenen, als Reformator kennen wir ihn, als Kind und Jugendlichen aber kaum. Lucas Cranach d.Ä.

  • 2017 ist ein Luther-Jahr: 500 Jahre sind verstrichen, seit Martin Luther in Wittenberg öffentlich seine Thesen angeschlagen und damit die Reformation der Kirche eingeleitet hat.
  • Rechtzeitig zum Jubiläum sind nun etliche historische Romane zum Thema erschienen. Asta Scheib beleuchtet in «Sturm in den Himmel» die ersten zwanzig Jahre im Leben von Martin Luther und zeigt ihn als verliebten Teenager.
  • Luthers Kindheit und Jugend sind bislang kaum je in Büchern thematisiert worden. Diese Lücke füllt nun Asta Scheib mit «Sturm in den Himmel».

Züchtigung als pädagogisches Mittel

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Buchtipp

  • Asta Scheib über Luther: «Sturm in den Himmel», HoCa 2016
  • Asta Scheib über Segantini & Bugatti : «Das Schönste, was ich sah», HoCa 2009

Martin hatte keine glückliche Kindheit. Immer und immer wieder wurde er geschlagen; vor allem die Mutter zeigte kein Erbarmen. Wenn er nachts in der Speisekammer beim Naschen erwischte wurde, oder wenn er mal nicht rechtzeitig nach Hause zurückkehrte, holte sie unweigerlich die Rute.

Darüber hat Martin Luther später mehrfach in seinen Schriften berichtet. Wärme und Geborgenheit fehlten in seinem Elternhaus. Das ist historisch verbrieft und zieht sich wie ein roter Faden durch seine ersten Jahre.

Die Züchtigung als pädagogisches Mittel sei aber auch typisch gewesen für jene Jahre des ausgehenden Mittelalters, sagt Asta Scheib: «Das war eine schlechte Zeit für Kinder; Kinder galten wenig oder nichts – und offenbar glaubten die Eltern, wenn sie ein Kind schlagen würden, dann würde es ein besserer Mensch werden.»

Asta Scheib gelingt es, uns mit Haut und Haaren in diese rüde Zeit zurückzuversetzen und die Lektüre auch zu einem sinnlichen Erlebnis werden zu lassen. Man riecht die muffigen Gassen, man hört die Schreie der Frauen, die als Hexen verbrannt werden und man schüttelt den Kopf über die Masslosigkeit und Arroganz der Reichen.

Treffen mit Madlen

Im Roman «Sturm in den Himmel» findet Martin Trost bei einem grossen Baum am Rande der Stadt. Hoch oben in der dichtbelaubten Krone fühlte er sich geborgen und spürte auch die Nähe zu Gott. Eines Tages beobachtet er aus seinem Blätter-Versteck heraus, wie zwei Mönche einem Mädchen nachstellen und versuchen, es ins Gebüsch zu zerren.

Der Überfall misslingt, das Mädchen Madlen kann sich befreien und bittet Martin um Hilfe. Das ist der Beginn einer grossen, heimlichen Liebe. Erst als er sich – gegen den Willen der Eltern – entschliesst, ins Kloster einzutreten und sein Leben Gott zu widmen, gibt er Madlen frei.

Klassischer Entwicklungsroman

«Sturm in den Himmel» ist der mutige Versuch von Asta Scheib, uns die prägenden ersten Jahre von Martin Luther zu vermitteln: So gesehen ist das Buch auch ein klassischer Entwicklungsroman. Wir erleben, wie der eingeschüchterte Martin allmählich zum selbstbewussten jungen Mann heranwächst, der mit zunehmender Skepsis das Gebaren der Kirche verfolgt.

Warum betete der Papst nur für jene Menschen, die Ablass bezahlten? Wie sollte das überhaupt funktionieren? Und warum holte der Teufel die Armen, die sich nicht freikaufen konnten? Dies konnte doch wahrlich nicht der Wille des gütigen Herrn sein.

So erahnt man in Erfahrungen und Gedanken des jungen Luthers bereits die klarsichtigen Erkenntnisse und revolutionären Taten des späteren Reformators.

Ausstellung mit drei Lutherbildern Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 2017 wird ein Luther-Jahr. Der Thesenanschlag liegt dann 500 Jahre zurück. Keystone

Als Mensch lebendig

Asta Scheib, die mit einem reformierten Pfarrer verheiratet ist, hat sich jahrelang intensiv mit Luthers Schriften beschäftigt. Bereits 1985 erschien ihr Bestseller «Die Kinder des Ungehorsams» – die Geschichte von Luthers Ehe mit Katharina von Bora.

Luthers Kindheit und Jugend sind bislang kaum je in Büchern thematisiert worden. Diese Lücke füllt nun Asta Scheib mit «Sturm in den Himmel». Auch wenn sie etliches dazu erfinden musste, ist sie überzeugt, sehr nahe an der Wahrheit zu bleiben: «Je stärker ich mich in Luthers Werke vertiefte, umso lebendiger wurde dieser Mensch für mich; plötzlich stand er da und kam auf mich zu. So passiert es beim Schreiben. Es ist ein Mysterium.»

Es ist einer der grossen Verdienste dieses Romans, dass einem der legendäre Kirchenmann als intelligenter, feinsinniger Mensch entgegentritt – mit all seinen Ängsten, Zweifeln und Sehnsüchten. Deshalb wird dieses Buch wohl auch gerade junge Leserinnen und Leser begeistern können, die sich bislang kaum für den Reformator interessiert haben.

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