Überlebender des Holocaust Mensch bleiben – Robert Antelme hielt das Grauen der KZ fest

Robert Antelme wäre heute 100 Jahre alt. Mit «Das Menschengeschlecht» schrieb er ein bedeutendes Buch über die deutschen Konzentrationslager.

Gefangene von Dachau schauen aus Fenster. Ein Zaundraht schützt die Fenster. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: KZ-Häftlinge in Dachau. Auch Robert Antelme war dort gefangen – und schrieb darüber. Keystone

Robert Antelme hätte Dachau nicht überlebt, wenn man ihn nach der Befreiung nicht aus dem Lager geschmuggelt und zuhause in Paris über Monate aufgepäppelt hätte. Seine Schwester Marie-Louise starb an den Folgen der Haftbedingungen in Ravensbrück. Ihr widmete er «Das Menschengeschlecht».

Er schrieb das Buch 1946-1947. Darin lässt sich nachlesen, wie das Sterben in Dachau auch nach der Ankunft der amerikanischen Soldaten weiterging, und wie prekär das Leben war und für viele wohl immer bleiben sollte.

Dem Ende nah

Am 29. April 1945 wog Robert Antelme keine 40 Kilo mehr. Er hatte die Ruhr, Fieber, Läuse. Der Mann, der neben ihm auf der Pritsche lag, war noch schlechter dran. Und gefragt, wie er heisse, sagte er bloss: «Das ist nicht mehr wichtig.»

Seit Tagen kreisten Flugzeuge über dem Lager, man hörte Maschinengewehre. Dann plötzlich Stahlhelme vor der Baracke. Verzweifelt versuchte Antelme, seinem sterbenden Nachbarn begreiflich zu machen, dass sie frei sind – vergebens: «Die Stahlhelme sind schon vorüber. Es ist zu spät. Die Befreiung ist vorbei.» Mehr gibt es nicht zu sagen.

«Unvorstellbar»: Vergessen und Verdrängen

Nüchtern konstatiert Robert Antelme, wie unmittelbar nach der Befreiung das Vergessen und Verdrängen einsetzt. Die amerikanischen Soldaten sind überfordert, wollen nichts hören. In den geschundenen Häftlingen können sie sich nicht wiedererkennen.

«Unvorstellbar», schreibt Antelme, «das ist ein Wort, das sich nicht teilen lässt, das nicht einschränkt. Es ist das bequemste Wort. Läuft man mit diesem Wort als Schutzschild herum, diesem Wort der Leere, wird der Schritt sicherer, fester, fängt sich das Gewissen wieder.»

Robert Antelme trägt Brille. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für ihn blieb der Mensch Mensch – ob Henker oder Opfer: Robert Antelme. Diaphanes

Der Mensch als kämpfendes Es

Dachau war für ihn die Endstation eines sogenannten Todesmarsches. Zwei Tage vor der Befreiung war er dort angekommen. Zuvor war er in einem Aussenlager von Buchenwald interniert gewesen. Dort wurden die Häftlinge zwar nicht vergast, aber genauso systematisch durch Zwangsarbeit und Nahrungsentzug umgebracht.

Der Dreck, die Läuse, die Krankheiten, die Gewalt, die Kälte, und vor allem der Hunger: «Wir sind so weit, dass wir allem ähneln, das nur noch kämpft, um zu essen und stirbt, wenn es nicht isst.»

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Buchhinweis

Robert Antelme: «Das Menschengeschlecht», deutsch von Eugen Helmlé. Diaphanes Verlag, 2016.

Der Mensch bleibt Mensch

Trotzdem geht für Antelme die Rechnung der Nazis nicht auf. Ob er vom 24-tägigen Martyrium des Todesmarsches schreibt oder von der «planmässig als Hölle angelegten Gesellschaft» der Konzentrationslager: Für ihn bleibt der Mensch Mensch, sei er nun Mörder oder Opfer:

«Selbst das ärmste Opfer kann nichts anderes tun als festzustellen, dass die Macht des Henkers selbst bei seinem schlimmsten Tun immer nur die eines Menschen sein kann: die Mordmacht. Er kann zwar einen Menschen töten, aber er kann ihn nicht in etwas anderes verwandeln.»

Keine Zeit für Mitleid und Gedenken

Als das Buch «Das Menschengeschlecht» 1947 erschien, fand es kaum Beachtung. Schon im April 1945, am selben Tag, als Robert Antelme und seine Leidensgenossen auf den Todesmarsch von Buchenwald nach Dachau getrieben wurden, sprach Charles de Gaulle seine berühmten Worte: «Die Tage der Tränen sind vorbei. Die Tage des Ruhms sind zurückgekehrt». Es war kein Platz für Mitleid und Gedenken.

Robert Antelme hätte nach seinem Bericht eigentlich einen Roman schreiben wollen. Doch alle Fiktion, das merkte er bald, konnte nur nebensächlich sein angesichts der Worte, die er sich abgerungen hatte, um das Grauen, den Irrsinn und die tödliche Logik der Vernichtungslager zu beschreiben.

Sendung: Kultur aktuell, Radio SRF 2 Kultur, 5.1.2016, 07:20 Uhr.