Nackedeis, Schafsdarmkondome und Peitschen: Sex in Wien

Von der Vorstadtprostituierten Josefine Mutzenbacher über Sigmund Freud bis hin zu den notorischen Schweinigeln des «Wiener Aktionismus»: In Wien hat man seit jeher ein spezielles Verhältnis zum Erotischen. Dem trägt ab nun das «Wien-Museum» Rechnung – mit der Ausstellung «Sex in Wien».

  • Im Fin de Siècle war Wien die Welthauptstadt des Sexualdiskurses.
  • In der österreichischen Hauptstadt wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder versucht, die Bewohner zu züchtigen – beispielsweise mit der von Maria-Theresia einberufenen Keuschheitskommission.
  • Die sexuellen Tabus haben sich mit der Zeit stark verändert.

Besonders erfolgreich war sie nicht, die sogenannte Keuschheitskommission, die Maria Theresia, Österreichs fromme und gebärfreudige Kaiserin, Mitte der 1750er-Jahre eingerichtet hat, um die Wienerinnen und Wiener auf ein gottgefälliges Leben einzuschwören. Einige Jahre nach ihrer Gründung wurde die Züchtigkeitsbehörde wegen erwiesener Erfolglosigkeit auch schon wieder abgeschafft.

«Die Geschichte des Sex ist eine Geschichte der Tabus»

Ein Beispiel, an dem sich eindrucksvoll zeigt: Die Reglementierungen, die sich die Obrigkeiten im Lauf der Jahrhunderte einfallen liessen, um das Volk zu keuscherem Lebensvollzug zu zwingen, diese Reglementierungen wurden und werden von lüsternen Bürgerinnen und Bürgern stets von Neuem mit unermüdlicher Kreativität unterlaufen.

«Die Geschichte des Sex ist letztlich auch eine Geschichte der Tabus», betont Matti Bunzl, der Direktor des Wien-Museums. Galten in früheren Zeiten «Laster» wie Onanie und Homosexualität, aber auch ausserehelicher Geschlechtsverkehr als schändliche Verirrungen, die mit drakonischer Härte verfolgt wurden – so sind heute ganz andere Praktiken vom Ruch des Verbotenen umgeben.

Das Reich des Eros ist ein Reich der Reglementierungen

Praktiken, über die man früher mit augenzwinkernder Nonchalance hinweggegangen ist. Pädophilie und nicht einvernehmlicher Sex zum Beispiel. «In der Geschichte der Erotik hat es immer Dinge gegeben, die verboten waren», führt Matti Bunzl aus: «Anders wäre menschliches Zusammenleben überhaupt nicht möglich.»

Tabus stärken menschliche Gemeinschaften; in der Übereinkunft darüber, was verboten ist, vergewissern sich Kollektive ihrer selbst. Und verboten muss offenbar immer irgendetwas sein. Soll heissen: Wer das Reich des Eros betritt, betritt ein Reich der Reglementierungen.

Nach dem Sex ist vor dem Sex

Die Schau im Wien-Museum zeigt das eindrucksvoll. Keuschheitsapparaturen, Dildos, Schafsdarm-Kondome, intime Tagebücher und pikante Plakate legen Zeugnis davon ab, wie exzessiv – im Guten wie im Schlechten – sich die Menschen im Wechsel der Zeiten und Epochen mit ihren Lüsten auseinandergesetzt haben.

Die Ausstellung ist in drei Abschnitte untergliedert: «Vor dem Sex» – «Beim Sex» und «Nach dem Sex». Zu den eindrücklichsten Exponaten zählen ein «Onanieverhinderungsapparat», mit dem lastersüchtige Knaben dereinst von prüden Pädagogen malträtiert wurden. Ein Peitschenset des sagenumwobenen Wiener S/M-Originals Hermes Phettberg und der einzige im Original erhaltene «Rosa Winkel», mit dem homosexuelle Häftlinge einst in den KZs der Nationalsozialisten gebrandmarkt wurden – ähnlich wie die jüdischen Häftlinge mit dem gelben Davidstern.

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Aussstellungshinweis

Die Ausstellung «Sex in Wien» findet vom 15. September 2016 bis zum 22. Januar 2017 im Wien-Museum statt.

Wiens Ruf als sexualwissenschaftliche Weltmetropole

«Im Fin de Siècle war Wien die Welthauptstadt des Sexualdiskurses», erklärt Matti Bunzl. Das hängt mit dem Psychiater Richard von Krafft-Ebing zusammen, auf den Fachausdrücke wie «Sadismus» und «Masochismus» zurückgehen. Krafft-Ebing entwickelte in der Wien seine bahnbrechenden Theorien über sexuelle Psychopathologien. Später setzten Psychoanalytiker wie Sigmund Freud und Wilhelm Reich Krafft-Ebings Arbeit fort. Sie festigten Wiens Ruf als sexualwissenschaftliche Weltmetropole.

Die Schau im Wien-Museum bietet eindrückliche Exponate und erhellende Einsichten in die Kulturgeschichte des Sexus – oft von durchaus skurriler Qualität. Ein besonderes «Schmankerl» ist das Liebestagebuch eines notorischen Frauenverbrauchers, der über seine Geliebten penibel Buch geführt hat. Angesichts solcher Frivolitäten ist es nur natürlich, dass die Schau ausschliesslich für Menschen über 18 Jahre zugänglich ist. So viel Jugendschutz muss sein.

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