Old is the new Black – oder das Schöne am Älterwerden

Oft wird das Älterwerden als negativ empfunden: Falten spriessen, das Kopfhaar verabschiedet sich, der graue Star klopft an, die Puste nimmt ab und das Hirn wird vergesslicher. Doch die gute Nachricht ist: Das Älterwerden hat auch schöne Seiten – sogar sehr viele!

Ein Mann mit Hut hält eine Angelrute in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Gute am Älterwerden? Zum Beispiel, dass man endlich angeln gehen kann. Getty Images

Die Verrichtungen werden umständlicher. Die Dinge komplizierter. Habe ich den Herd ausgeschaltet? Geht er nicht von selbst aus, es ist doch so ein, wie heisst das noch, so ein Injektions-, Infusions-, egal – halt so ein Elektroherd. Das ist schon sehr praktisch heute. Umgekehrt ist nicht mehr ganz einsichtig, was jetzt am iPhone 27 wirklich dermassen besser sein soll als an der Nummer 26.

Man muss nicht mehr unbedingt mit der Zeit gehen. Man muss auch nicht mehr unbedingt alles begreifen. Man wird gelassener. Ausser, wenn im Restaurant die Bedienung nicht kommt.

Todesanzeigen lesen, Haare färben, einen Monolog halten

Man will niemand zur Last fallen.

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«Das Schöne am Älterwerden»

Zum Jahresbeginn widmet SRF Kultur den schönen Seiten des Älterwerdens eine Serie. Vom 4. bis zum 15. Januar sind die Beiträge jeweils werktags um 16:45 Uhr auf Radio SRF 2 Kultur zu hören.

Man baut einen Lift, in dem ein Rollstuhl Platz hat. Man sagt: «Ich kann mich nicht beklagen.» Die Jüngeren sagen: «Also, so wie du möchte ich auch alt werden.» Es ist ein Gemetzel. «Er gseht nöd guet und ghört nöd guet und cha nöd weidli laufe», heisst es im Kindervers. Man liest La Rochefoucauld: «La philosophie triomphe aisément des maux passés et des maux à venir. Mais les maux présents triomphent d'elle.»

Man fängt an, sich die Haare zu färben, und trägt Lila.

Man spricht weniger von Anmut, mehr von Würde. Schönheit zeigt sich in den Falten. Old is the new Black.

Nichts Menschliches ist einem mehr fremd. Man wird milde. Oder auch nicht: «Sie hänn kai Ahnig, was me lache kaa, als bitterböse alte Maa», sang Ruedi Walter. Das ist doch eine Perspektive.

Man liest die Todesanzeigen. Ins Bedauern mischt sich Triumph. Die Welten der Erinnerung werden grösser, die der Hoffnung kleiner. Aber die Sehnsuchts-Immersion in Mahler-Sinfonien funktioniert noch genau so zuverlässig wie mit fünfzehn.

Man wüsste schon, wie der Hase läuft. Nur fragt einen keiner mehr. Man neigt deshalb zum Monolog.

Proust lesen, Angeln gehen, Rotwein trinken

Man überzieht seine Zuhörer mit ausufernden Erzählflüssen und vergisst unterwegs, worauf man hinaus wollte. Aber es macht nichts, die Zuhörer kennen den Text, im Wortlaut.

Man kann endlich Vasari mit Musse lesen, oder den ganzen Proust noch einmal. Wenn es einem die Augen erlauben.

Man beginnt Raabe zu lesen.

Man bleibt der Firma beratend erhalten und engagiert sich ehrenamtlich. Man gibt Deutsch für junge Fremdsprachige und kann von ihnen viel lernen. Und gerade die Asiaten haben doch eine ganz andere Einstellung den Alten gegenüber.

Man wird listig.

Man kann endlich angeln gehen.

Man besucht den Turm von Michel de Montaigne.

Man sitzt in der Beiz und trinkt ein Glas Rotwein.

Ich freue mich auf das Altwerden. Doch. Vielleicht.