Olympische Momente mit politischer Strahlkraft

Politische Statements sind an den Olympischen Spielen verboten. Das besagt eine Regel der Olympischen Charta des IOK. Trotzdem: Die Taten einiger Athletinnen hatten politische Sprengkraft. Andere nutzten Olympia als Plattform, um gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen. 10 Momente, die nachhallen.

    • 1.
      Rafaela Silva holt Gold im Namen der Favelas
      Rafaelas vierjährige Cousine Giovana Silva wird von einem Nachbarsjungen umarmt, daneben hält eine Frau einen Zeitungsartikel mit dem Bild der Siegerin. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Rafaelas vierjährige Cousine Giovana Silva feiert in der Favela «Cidade de Deus» deren Sieg. Keystone

      Die 24-jährige Judoka Rafaela Silva bescherte Brasilien nicht nur die erste Goldmedallie. Sie gibt auch einer Seite Brasiliens ein Gesicht, die im Glanz von Olympia fast verschwand. Aufgewachsen ist Silva nur wenige Kilometer vom Olympiapark in Rio entfernt. In der Favela «Cidade de Deus», der «City of God», die der gleichnamige Film weltweit bekannt gemacht hat. In den Armenvierteln von Rio ist Gewalt an der Tagesordnung. «Wenn du hier nicht zuschlägst, dann schlägt dich jemand anders», schildert eine Schwester von Silva ihre Kindheit in der Favela.

    • 2.
      Feyisa Lilesa widersetzt sich mit gekreuzten Armen dem IOK-Verbot
      Feyisa Lilesa mit überkreuzten Armen. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Viele seiner Bekannten sitzen mit gefesselten Händen im Gefängnis, sagt Feyisa Lilesa. Keystone

      Der Marathonläufer Feyisa Lilesa holte in Rio Silber für Äthiopien. Im Ziel angekommen, erhob und überkreuzte er seine Arme, als ob er gefesselt wäre – später wiederholte er die Geste vor Journalisten.

      Damit protestierte er offen gegen die äthiopische Regierung. Diese verfolgt und tötete seit letztem November hunderte Angehörige der Oromo, einer ethnischen Minderheit. Die mutige Aktion des Läufers wird wohl nicht ohne Folge bleiben. «Wenn ich nach Äthiopien zurückgehe, werde ich vielleicht getötet», sagte Lilesa: «Oder sie werfen mich ins Gefängnis».

    • 3.
      Schleier statt Bikini: Eine kleine Revolution im Beachvolleyball
      Die ägyptischen Beachvolleyballerinnen in langen Kleidern, eine mit Kopftuch, die Deutschen im Bikini, am Netz. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Bikini oder lange Ärmel: Am Netz treffen Welten aufeinander. Getty Images

      Sportlich waren sie Aussenseiterinnen. Trotzdem sorgten die ägyptischen Beachvolleyballerinnen Doaa Elghobashy und Nada Meawad für Aufsehen. Ihre Gegnerinnen aus Italien oder Deutschland traten im Bikini ans Netz. Die Ägypterinnen trugen lange Hosen, Ärmeln – und Elghobashy auch Kopftuch.
      «Ich trage den Hijab seit zehn Jahren», erklärte die 19-Jährige: «Er hindert mich nicht daran, zu tun, was mir Spass macht». Möglich machts ein Entscheid des Volley-Weltverbands von 2012, der besagt: Beachvolleyball-Spielerinnen dürfen, müssen aber nicht mehr knapp bekleidet aufs Feld.

    • 4.
      Das Flüchtlingsteam repräsentiert Sportler ohne Heimat und Hymne
      Schwimmerin Yusra Mardini am Beckenrand. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Keine Medallie, viel Aufmerksamkeit: Schwimmerin Yusra Mardini. Keystone

      Zum ersten Mal ging an der Olympiade auch ein Team von Flüchtlingen an den Start: eine Schwimmerin und ein Schwimmer aus Syrien, zwei Judoka aus dem Kongo, ein Leichtathlet aus Äthiopien und fünf Sportler aus dem Südsudan.
      Die syrische Schwimmerin Yusra Mardini, 18 Jahre alt, wurde zum Gesicht des Teams ohne Heimat und Hymne – und in den sozialen Medien gefeiert. Denn ihre Geschichte klingt wie ein Heldenmärchen aus Hollywood: Bei dem Boot, mit dem Mardini aus Syrien floh, war auf offener See der Motor ausgefallen. Sie hatte es gemeinsam mit ihrer Schwester an Land gezogen – und hatte 18 Menschen das Leben gerettet.

    • 5.
      Ein Selfie überstrahlt die Feindschaft
      Lee Eun-Ju (r.) macht ein Selfie mit Hong Un-Jong. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: «Peace»: Lee Eun-Ju (r.) posiert mit Hong Un-Jong. Twitter/Eugene Cho

      Lee Eun-Ju, eine 17-jährige Kunstturnerin, knipst unbeschwert lächelnd ein Selfie mit ihrer Konkurrentin Hong Un-Jong. Die Reaktionen auf den Schnappschuss waren gewaltig, im Internet wurde es tausendfach geteilt. Denn Lee stammt aus Südkorea, Hong aus Nordkorea.

      Es ist nicht das erste Mal, dass Olympia einen Beitrag zur Annäherung der beiden verfeindeten Länder leisteten: 2000 und 2004 waren Nord- und Südkorea bei der Eröffnungsfeier unter gemeinsamer Flagge eingelaufen.

    • 6.
      Ein Sportfan fordert das Recht, ins Stadion zu gehen
      Darya Safai hält ein Transparent in die Kameras: «Let Iranian Women enter their Stadiums». Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Zum ersten Mal im Stadion – mit einer Botschaft: Sportfan Darya Safai. Keystone

      «Let Iranian Women Enter Their Stadiums» – lasst iranische Frauen in die Stadien: Die sportbegeisterte Aktivistin Darya Safai hielt bei einem Volleyballspiel ein Transparent mit dieser Aufschrift in die Kameras. Beim ersten Versuch musste sie das Stadion verlassen. Als Securitys sie erneut umplatzieren wollten, setzen sich Journalisten schützend neben sie.
      Im Iran ist es sportbegeisterten Frauen wie Safai verboten, zu Sportveranstaltungen mit Männern zu gehen. Erst im Juni war eine 25-jährige Iranerin mit britischem Pass von einem Gericht in Teheran zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden – weil sie sich ein Volleyballspiel ansehen wollte.

    • 7.
      Ein unterlassener Handschlag sorgt für Pfiffe
      Or Sasson streckt die Hand aus, Islam El Shebaby reagiert nicht. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Da streckte der Israeli Or Sasson vergebens die Hand aus. Keystone

      Pfiffe und Buhrufe: Das kassierte der Ägypter Islam El Shehaby. Im Judo verlor er gegen seinen Gegner Or Sasson aus Israel. Als dieser ihm nach dem Kampf die Hand geben wollte, drehte sich El Shehaby kopfschüttelnd weg. Zu Recht reagierte das Publikum empört auf den Affront: Der Handschlag nach und die Verbeugungen vor dem Kampf gehören zum Judo. Das IOK zögerte erst – dann schickte es El Shehaby nach Hause.

    • 8.
      Eine Fechterin sollte Obama eine Medaille bringen
      Ibtihaj Muhammad jubelt. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Unter dem Fechthelm trägt sie Hijab: Ibtihaj Muhammad. Keystone

      Unter dem Fechthelm trägt sie Kopftuch: Ibtihaj Muhammad ist die erste Sportlerin im «Team USA», die bei Olympia mit einem Kopftuch antrat. Muhammad ist schwarz und Muslima: Während Donald Trump im Wahlkampf gegen Muslime wettert, setzt sie mit ihrem selbstbewusst-kämpferischen Auftreten ein Zeichen.

      Während einem Moscheebesuch wünschte Barack Obama der Fechterin viel Glück: «Eine Athletin wird bei den Olympischen Spielen ihr Kopftuch tragen. Ich habe ihr gesagt, sie soll Gold mitbringen», so der US-Präsident. Gereicht hats für Bronze, im Säbelfechten, im bunt gemischten Frauenteam.

    • 9.
      Julia Stepanowa setzt mit ihrer Abwesenheit ein Zeichen
      Julia Stepanowa nach einem Lauf in Amsterdam. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Die Whistleblowerin musste zuhause bleiben: Julia Stepanowa, hier an einem Lauf in Amsterdam. Keystone

      Dürfen russische Sportler trotz des Dopingskandals an den Olympischen Spielen teilnehmen? Mit dieser Frage tat sich das IOK schwer. In letzter Minute entschied der Internationale Sportgerichtshof: Sie dürfen. Besser gesagt: Es dürfen alle, bis auf eine. Die Whistleblowerin Julia Stepanowa wurde von den Spielen ausgeschlossen. Obwohl sie als Kronzeugin aufgedeckt hatte, wie der russische Staat seine Athleten bewusst dopte. Eine unfaire Entscheidung: Statt um eine Medallie zu laufen, musste Stepanowa nun mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn untertauchen.

    • 10.
      Viel Jubel statt viel Häme für Caster Semenya
      Caster Semenya hält lächelnd die südafrikanische Flagge über sich. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Nach ihrem Goldlauf in Rio wurde Caster Semenya bejubelt. Keystone

      Die Südafrikanerin Caster Semenya sprintete über 800 Meter zu Gold – wie schon vor sieben Jahren an der WM in Berlin. Damals pfiff das Publikum. In ihrer Heimat folgten ihr Journalisten auf Schritt und Tritt. Wegen ihrer maskulin wirkenden Gesichtszüge wurde sie öffentlich gefragt: «Sind Sie eine Frau?»

      Semenya ist intersexuell – ihr Körper produziert also viel Testosteron. Medizinisch gesehen passt Intersexualität nicht ins binäre Schema der Sportveranstalter und sorgt nach wie vor für Kontroversen. Doch in Rio jubelten die Menschen Semenya nach ihrem Sieg vorbehaltslos zu. Man gönnt ihr den Moment des Glücks.

  • Sendebezug: Kultur Aktuell, Radio SRF 2 Kultur, 22.08.2016, 17:40 Uhr.