Satire mit Zukunft? Ein Kommentar zur Basler Fasnacht

Vierhundert Cliquezeedel, hundert Schnitzelbangg-Formationen, zehn Vorfasnachtsveranstaltungen und ein paar tausend Zweizeiler auf den Laternen. Das Angebot an Fasnachtssatire in Basel ist überwältigend. Aber wie steht es mit der Qualität? Und ihrer Zukunft? Gedanken von einem, der mit ihr arbeitet.

Am Morgenstraich leuchten die Laternen mit den verschiedenen Sujets auf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Noch leuchten sie: Die Basler Fasnachtslaternen mit ihren verschiedenen Sujets. Keystone

In meinem Büro herrscht das nackte Chaos. Auf drei Haufen liegen rund vierhundert sogenannte Cliquezeedel auf dem Boden. Für alle Nichtbasler: Cliquezeedel sind lange Papierzettel, die an der Fasnacht von Cliquen, den pfeifenden und trommelnden Fasnachtseinheiten, verteilt werden und auf denen das jeweilige Sujet – Thema – auf kunstvolle und witzig-satirische Weise beschrieben wird. In Versform.

Bunte Zettel liegen wild durcheinander auf dem Boden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hunderte von sogenannten Cliquezeedel werden an der Basler Fasnacht verteilt. Keystone

Und diese Cliquezeedel liegen nun alle auf drei Haufen im Büro. Links der ganz grosse Haufen mit dem Titel «unbrauchbar». In der Mitte der kleinere namens «vielleicht». Und rechts ein ganz kleiner. Und der heisst: «Kommt in die Sendung».

Dichten als Volkssport

Jedes Jahr ist es dasselbe. Jedes Jahr denke ich wieder: So viel Aufwand für so wenig Ertrag. Von vierhundert Cliquezeedel schaffen es vielleicht zehn in die Sendung. Und das nicht, weil die Sendung so kurz ist, im Gegenteil. Die Sendung dauert ganze zwei Stunden. Aber so denke ich jedes Jahr auch wieder, wie grossartig eine Stadt doch ist, die das Dichten zum Volkssport gemacht hat. Egal auf welchem Niveau.

Wie lange bleibt die Fasnacht satirisch?

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Zum Autor

Michael Luisier ist aktiver Fasnächtler, Literatur-Redaktor und führt durch den «Querschnitt durch die Basler Fasnacht» (16. März,14 Uhr, Radio SRF 2 Kultur).

In diesem Jahr ist etwas Merkwürdiges passiert: Der rechte Stapel ist ziemlich gross. Es sind mindestens doppelt so viele sendewürdige Cliquezeedel dabei wie in den letzten Jahren. Das irritiert mich. Ich gehöre nämlich eher zu den Leuten, die sagen, dass das mit der Fasnacht in Basel bald vorbei sei.

Natürlich wird es auch in Zukunft eine Fasnacht geben, aber meine Fasnacht, die anarchische, die politische, die satirische Fasnacht wird aussterben: die Fasnacht mit Rauchbombenanschläge aufs Comité (das Organisationskomitee für alle Nichtbasler), mit echter Empörung und grossartiger Umsetzung, mit der wunderbaren Durchmischung von Volkskunst und Hochkultur.

Die Fasnacht, die bewirkt, dass diese Stadt etwas Besonderes ist, etwas, das mit Freigeist zu tun hat, etwas, das man auch im Hochsommer spürt – diese Fasnacht wird es bald nicht mehr geben. Folgen wird ihr eine andere Fasnacht. Eine, die man besser Tattoo nennt. Eine, in der die Satire keine Rolle mehr spielt.

Eine neue Fasnachts-Generation

Zwei Männer mit Fasnachts-Larven tragen ihre Verse vor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dürfen nicht fehlen: Die Schnitzelbängg ziehen von Beiz zu Beiz. Keystone

Denn junge Leute interessieren sich nicht mehr für Satire an der Fasnacht. Sie pfeifen und trommeln, sie feiern sich selbst, sie feiern die Fasnacht, sie tun aber nichts. Sie entwickeln sie nicht weiter. Sie fangen ja nicht mal Streit mit uns an, wie wir das getan haben mit unseren Vorgängern. Sie surfen einfach auf der Welle, die wir losgetreten haben.

Und jetzt also dieser Stapel. Wo kommt der her? Kommt doch eine neue Generation mit neuem satirischem Anspruch? Oder liegt es an mir? Bin ich einfach ein alter Sack geworden, der nicht mehr sieht, was alles passiert? Hoffen wir’s. Es wäre ja schade um die Fasnacht, wenn ihre Satire nicht mehr wäre. Wir müssten sie sonst mit dem Kölner Karneval fusionieren.