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Gesellschaft & Religion Schweizer Seelsorger spendet Trost in Hongkongs Gefängnissen

Der Schweizer Pfarrer Tobias Brandner ist tagtäglich von Schwerverbrechern umgeben. Er ist mit Mördern und Mafiabossen per Du. Sein Arbeitsplatz sind die Gefängnisse von Hongkong. Auch nach bald 20 Jahren ist der 48-Jährige immer noch vom Bösen fasziniert.

Portrait Pfarrer Tobias Brandner
Legende: «Ich hatte auch noch nie Angst, obwohl mir da manchmal echt düstere Gestalten gegenüber stehen», sagt Tobias Brandner. SRF

Tobias Brandner, Sie leben und arbeiten seit 1996 in Hongkong. Was hat Sie damals hierher gebracht?

Ich habe bereits in der Schweiz im Gefängnis gearbeitet – in Regensdorf. Dort habe ich gemerkt, dass die christliche Gefängnisseelsorge eine sehr bedeutsame Arbeit ist. Und ich wollte unbedingt im Ausland arbeiten, als ich die Stelle hier in Hongkong ausgeschrieben sah, wusste ich: Das ist es. Ich habe mich dann bei der Basler Mission – heute Mission 21 in Basel – beworben.

Und wie unterscheidet sich Ihre Arbeit in Hongkong von Ihrer Arbeit in der Schweiz?

Die Haftbedingungen sind viel härter: Die Gefangenen können sich praktisch nicht frei bewegen, die Zellen sind karg, dürfen nicht individuell gestaltet werden. Langeweile ist das grösste Problem in den Gefängnissen, darum freuen sich die Häftlinge immer besonders, wenn ich komme. Schon nur alleine, weil ich Abwechslung bringe oder manchmal auch Gäste von aussen mitbringe. Die Gefangenen haben so wenigstens etwas Kontakt zur Aussenwelt.

Bemerkenswert ist aber, dass, obwohl die Haftbedingungen und Strafen hier viel härter sind als in der Schweiz, die Stimmung im Gefängnis besser ist. Das hat viel mit der asiatischen Kultur zu tun, wo negative Gefühle nicht gezeigt werden. Man will ja nicht das Gesicht verlieren. Das hat mich am Anfang sehr irritiert, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Ja ich kann dem sogar etwas Positives abringen: Denn wer negative Emotionen einfach «streut», sät quasi noch mehr Negativität.

Wie muss ich mir Ihre Arbeit konkret vorstellen? Gehen Sie bewaffnet in die Zellen rein oder sprechen Sie hinter Glasscheiben mit den Häftlingen?

Gefängnispfarrer Tobias Brandner links vom Gefängnisgitter, ein Häftling rechts davon.
Legende: «Unsere Seelen sind teilweise Mistgruben»: Gefängnispfarrer Tobias Brandner beim Gespräch im Gefängnis in Hongkong. SRF

Nein, ich bewege mich ganz frei. Ich hatte auch noch nie Angst, obwohl mir da manchmal echt düstere Gestalten gegenüber stehen. Aber da spielt sicher auch mein «Ausländer-Sein» eine Rolle: Ich komme von so weit ausserhalb, dass sich die Gefangenen mir anvertrauen können. Vor mir können sie ihr Gesicht nicht verlieren. Und konkret laufe ich durch die Gefängnisse, durch die Gänge und wechsle zwei, drei Worte da, tausche einen Handschlag dort. So versuche ich, mit möglichst vielen in Kontakt zu kommen.

Ich kann nicht mit allen Häftlingen, die ich an einem Tag sehe, tiefe Gespräche führen, aber schon nur alleine in diesen kleinen Begegnungen kann ich ihnen etwas geben. Dass ich Kantonesisch, die Sprache, die in Hongkong gesprochen wird, gelernt habe, macht das natürlich einiges einfacher. Ein zweiter Aspekt meiner Arbeit sind Gottesdienste, die ich zusammen mit Besuchern gestalte, etwa mit Studierenden der «Divinity School of Chung Chi», so etwas wie die Theologischen Fakultät von Hongkong.

Sie bewegen sich in einem Umfeld, wo das Christentum erst mit den Missionaren im 19. Jahrhundert, auch im Zuge der britischen Kolonialisierung, hinkam. Wie sehr können Sie denn christliche Gefängnisarbeit leisten – oder sind Sie einfach willkommene Unterhaltung?

Ich muss nicht ins Gefängnis gehen und dort mit den Gefangenen möglichst viel über den lieben Gott oder über Jesus reden, damit meine Arbeit christlich ist. Die christliche Qualität meiner Arbeit kommt durch meine Haltung zustande. In den Begegnungen mit den Männern versuche ich ihnen zu zeigen, dass sie wertvoll sind, dass sie geliebt werden.

Auch wenn sie vom Gericht für ihre Taten verurteilt worden sind, so verurteile ich sie nicht. Denn ein Mensch ist immer mehr als seine Tat. Man kann niemanden auf seine Tat zu reduzieren, denn die Lebensrealität ist immer komplexer als etwa ein Label wie «Mord» oder «Vergewaltigung». Und das ist die Verkündigung, die ich leiste: Ich lebe etwas von dem, was wir im Christentum als Vergebung bezeichnen.

Wie sind Sie zu dieser Theologie gekommen? War es Ihre Theologie, die Ihre Arbeit geprägt hat, oder umgekehrt?

Ganz klar hat die Arbeit meine Theologie geprägt. Zum einen habe ich erst durch die Gefängnisseelsorge erkannt, dass wir alle das Potenzial zum Bösen in uns haben. Unsere Seelen sind teilweise Mistgruben, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Nur weil wir uns ausserhalb der Gefängnismauern bewegen, heisst das noch lange nicht, dass wir die Guten sind.

Zum anderen wurde mir die Kategorie der Verletzlichkeit bewusst. Wir fügen nicht nur Verletzungen zu, sondern sind selber auch unheimlich verletzlich. Und Gott hat sich christlich gesprochen offenbart als verletzlich, er ist nicht der Blitze werfende «Superhero»-Gott; er ist ein Gott der Verletzlichkeit, der sich in der Ohnmacht von Folter und dem Tod am Kreuz von Jesus gezeigt hat. Das habe ich im Gefängnis sehr eindrücklich gelernt. Auch die Insassen sind nicht nur grobe und wüste Gesellen, sondern haben auch etwas sehr Weiches und Verletzliches.

Frühere Sendungen

Pfarrer Tobias Brandner zu Gast bei Aeschbacher (24.6.2010)

5 Kommentare

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  • Kommentar von yogi, schaffhausen
    Wunderbar..welche noble christliche Aufgabe..und hat sich der Mann schon mal überlegt wie es den Opfern dieser Kriminellen geht ??? Kümmert sich da überhaupt jemand wenn sie noch am Leben sein sollten ???
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    1. Antwort von Doris Loegel, Fulenbach
      Und schon wieder wird ein Mensch, mit einer vorbildlichen Haltung,welcher tiefgründig denkt und handelt, abschätzig gemacht. Arrogant ist allein schon der Gedanke, ihm zu unterstellen, dass er nicht auch an die Opfer denkt. seine Aufgabe als Gefängnisseelsorger die Betreuung der Gefangenen. Und das tut er vorbildlich im wahrsten christlichen Sinn. Oder hat Jesus jemals einen Täter verurteilt?
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    2. Antwort von Marlene Zelger, 6370 Stans
      Nein, Doris Loegel, zu Lebzeiten hat Jesus keinen Täter verurteilt. Aber haben Sie schon mal was vom "Jüngsten Gericht" gehört? Dort wird, laut Bibel, mit den Guten und Bösen durch den Sohn des himmlischen Chefs abgerechnet. Dann werden auch die Täter gehörig drankommen. Typisch linke Ideologie, die Täter in Schutz zu nehmen, wie Sie dies in ihrem Kommentar scheinbar tun.
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    3. Antwort von Doris Loegel, Fulenbach
      Liebe Frau Zelger. Mich mit Ihnen hier auf eine Diskussion über Religion einzulassen geht mir aufgrund der begrenzten Zeichen zu weit. Nur soviel: die Sicht über das biblische jüngste Gericht ist Interpretationssache und meine entspricht nicht der Ihren und das lasse ich einfach so stehen. Mir jedoch zu unterstellen, dass ich Täter in Schutz nehme geht zu weit. Sie wurden verurteilt und sitzen ihre Strafe ab! Man muss auch vergeben können. Wer von uns ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein.
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    4. Antwort von Ruth Ochsenbein, Dürnten
      Die Aufgabe von Pfarrer Brandern ist die Betreuung der Gefangenen. Es geht hier nicht um Wertung oder welche Menschen sind wichtiger. Das ist seine Aufgabe, der er sich verschrieben hat. Basta. Sie könnten ja die Aufgabe der Betreuung der Opfer übernehmen?! Reisen Sie nach Honkong, lernen Sie die Sprache und arbeiten Sie dort, dann können Sie über die Arbeit von Herr Brandner urteilen!!
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