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Gesellschaft & Religion «Schweizerhalle»: Ein Hörstück legt den Finger in die Wunde

Tote Fische bis Rotterdam, Grenzwächter mit Gasmasken: Das sind nur einige Bilder zum Chemieunfall «Schweizerhalle», die sich in die Gedächtnisse eingebrannt haben. Autor Lukas Holliger hat aus Tönen von damals eine Hörcollage zum Unglück gemacht. Ein Blick hinter die Kulissen.

Männer in orangenen Anzügen stehen in gelbem Nebel um ein Fass. Einer spritzt den Boden ab.
Legende: Mitglieder des Seuchenkommandos bei den Aufräumarbeiten nach der Brandkatastrophe vom 1. November 1986. Keystone

Was ist eigentlich passiert? Mit dieser Frage tauchte ich vor einem Jahr in den November 1986 ein, und ich bin noch nicht wieder aufgetaucht. Damals war ich 15 Jahre alt und bedauerte, dass das angekündigte Radiospiel zum 3. Geburtstag des jungen Lokalsenders nicht stattfinden konnte.

Sterbender Schwan auf der Bühne ...

Überhaupt war die Stadt in Feierlaune. Es war Herbstmesse. Das Schweizer Fernsehen hatte Stunden vorher eine Live-Übertragung von «Schwanensee» aus dem Basler Stadttheater erfolgreich beendet.

Man konnte spektakulär auf zwei Kanälen hin- und herzappen, wählen zwischen Backstage oder sterbendem Schwan. Ein Medienereignis!

... dann auf dem Rhein

Dann brannte die Lagerhalle 956 auf dem Areal der Firma Sandoz in Schweizerhalle. 1351 Tonnen Agrochemikalien gingen wenige Kilometer von Basel in die Luft und in den Rhein.

Personen vor einem riesigen Feuer.
Legende: Die Kollage aus Originaltönen «Am Feuer» ist eine Annäherung an das was geschehen ist. Keystone

Balletttänzer gerieten, betrunken von der Premierenfeier, direkt ins Heulen der Sirenen. Polizeilautsprecher verhängten eine Ausgangssperre.

Und eine ganze Region wusste vier Stunden lang nicht, ob der trockene Gestank tödlich, gesundheitsschädlich oder harmlos ist? Aus dem sterbenden Schwan im Theater war ein toter Rhein geworden.

Sandoz-Mitarbeiter werden bespuckt

Wenige Tage später war das Stadttheater erneut Schauplatz eines Medienereignisses.

Vertreter der Firma Sandoz wurden bei einer Publikumsdiskussion bespuckt und mit toten Fischen beworfen. Die aufgebrachten Basler wollten wissen: was ist eigentlich passiert?

Dieselbe Frage führte mich 30 Jahre später noch einmal zum Sendemitschnitt der Katastrophennacht von Radio Basilisk. Sie führte weiter ins Tonarchiv der SRG, in die Zeitungsarchive, und sie führte mich mit vielen Zeitzeugen zusammen.

Mann mit Netz zieht tote Fische aus dem Fluss.
Legende: Der Rhein stirbt: Tote Fische werden auch in Deutschland und den Niederlanden aus dem Fluss gefischt. Keystone

Recherche über unsere Risikogesellschaft

Auch 30 Jahre später kam ich noch einmal ins Staunen. Darüber, was da alles an Vor-, Neben- und Nachgeschichten zum Vorschein kam.

Dass das Seveso-Gift mitten in Basel verbrannt worden ist, dass Basel umgeben ist von illegalen Sondermülldeponien, dass die Muttermilch in der Region Basel mit erheblichen Schadstoffen belastet ist.

Ausserdem, dass die Unfallstelle trotz millionenschweren Sanierungsmassnahmen bis heute das Grundwasser bedroht, dass es in den Basler Chemiefirmen zwei weltweit beachtete «Whistleblower»-Skandale gab.

Aus einer Recherche über «Schweizerhalle» wurde plötzlich eine Recherche über unsere Risikogesellschaft und über die Mentalität in Grosskonzernen.

Ärzte fliehen, Kinder gehen zur Schule

Selbst wenn man nur auf die Katastrophennacht fokussiert, erfährt man groteske Details.

Zum Beispiel dass die Schweizer Grenzbeamten plötzlich Gasmasken überzogen, während ihre französischen Kollegen auf der anderen Strassenseite von nichts wussten. Mehrere Ärzte und der damalige Fernmeldechef sollen aus der Stadt geflüchtet sein.

Tragische Entdeckungen

Man findet heraus, wer wirklich den Entscheid, die Kinder in die Schule zu schicken, zu verantworten hatte.

Man entdeckt tragische Schlüsselfiguren, erfährt, dass der Krisenstab Radio Basilisk wegen Panikmache abschalten wollte, dass ein Chefarzt die Seiten aus dem Notfallbüchlein der Unglücksnacht herausgerissen haben soll, und man erkennt: diese Recherchen können kein Ende haben.

Annäherungen an die Wahrheit

Die Geschichte von «Schweizerhalle» ist genauso grenzenlos, wie das in den Rhein gelangte Quecksilber zeitlos ist. Man muss einen künstlichen Punkt setzen, einen Zeitpunkt.

Am 1. November 2016 jährt sich der Chemiebrand von Schweizerhalle zum 30. Mal.

Theater und Hörstück zum Thema

Zu diesem Anlass habe ich aus diesem dramatischen «Schadstoff» einerseits eine Hörcollage für Radio SRF und andererseits ein Theaterstück für ein freies Basler Theaterensemble zusammengebraut.

Zwei formal höchst unterschiedliche Annäherungen an ein und dieselbe Frage «Was ist eigentlich passiert?»

Sendehinweis

Das Hörstück «Am Feuer» von Lukas Holliger können Sie hier anhören.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Daniele Röthenmund (gerard.d@windowslive.com)
    Ich wurde erst um 5 Uhr Morgens durch meinen Nachbar geweckt. Da die Sirenen im Gundeli wegen Wartung nicht in Betrieb waren und ich die Polizei die durch das Quartier nicht hörte, da ich mich im tiefen schlaf befand. Ich schloss damals die Fenster nicht mehr, da das Unglück schon mehr als 3 Stunden her war, fand ich es nicht mehr als Sinnvoll. Angst kam bei mir nie auf, und ich muss sagen die Bevölkerung verfiel auch in keine Panik!
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  • Kommentar von Max Blatter (maxblatter)
    ... Viel später war ich Teilnehmer eines Zivilschutz-Ausbildungskurses zum Anlagenwart. Der Instruktor schilderte die Situation in der Zivilschutzanlage, in welcher der Krisenstab untergebracht war: Der Anlagenwart hatte, wegen der teilweise kettenrauchenden Regierungsräte, die Belüftung voll auf "Frischluft" geschaltet, über die Aktivkohlefilter. Nur - diese Filter sind auf langkettige Moleküle von chemischen Kampfstoffen ausgelegt; die Brandgase hätten sie gar nicht zurückhalten können...!
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  • Kommentar von Max Blatter (maxblatter)
    ... Am nächsten Morgen, nach der Entwarnung, fuhr ich für Einkäufe in die Stadt - und da begann ich erstmals die panische Reaktion mancher Basler zu verstehen: Der Geruch lag noch überall in den Strassen. - Zwei Wochen später begann an der Ingenieurschule beider Basel (heute Teil der FH Nordwestschweiz) in Muttenz, wo ich damals Assistent war, das Studienjahr. Den neuen Studierenden fiel der Brandgeruch in der nahen Velo-Unterführung auf - zwei Wochen hatten nicht gereicht, ihn wegzulüften...
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