«The Villages»: Ein Disneyworld-Reservat für reife Semester

In der Siedlung «The Villages» im Zentrum Floridas geniessen amerikanische Nordlichter ihren Lebensabend mit viel Sonne, Sport und Spass. Die Wirklichkeit ausserhalb der Siedlungsmauern scheint den meisten ziemlich einerlei. Doch ihre Selbstbezogenheit könnte sich rächen.

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Bildlegende: The Villages Getty Images

Der Siedlungskoloss «The Villages» im Herzen Floridas ist für Tausende und Abertausende von amerikanischen Rentnerinnen und Rentnern Endstation Sehnsucht. Nebst mildem Klima, tiefen Steuern, moderaten Lebenskosten und einem schier endlosen Freizeitangebot lockt der Verbund von ein paar Dutzend Siedlungen vor allem mit einem Argument: Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren sind in «The Villages» nicht erlaubt – es sei denn, sie kommen lediglich auf Besuch, und das nicht länger als 30 Tage im Jahr.

Magnet für sonnenhungrige Senioren

Das Konzept erweist sich als Goldgrube für den Rechtskonservativen Gary Morse. Der 77-jährige Baulöwe hat «The Villages» nicht nur zu einem Grosserfolg gemacht. Er besitzt sie auch zu einem guten Teil und kontrolliert sie, zusammen mit seinem Familienclan, praktisch ganz.

Wo einst Weideland war, schuf der Immobilienmogul mit Hilfe von Fachleuten aus Walt Disneys Unterhaltungsindustrie das grösste Seniorenparadies der USA. Auf einer Fläche, die eineinhalb mal so gross ist wie die Stadt Bern, entstanden in den letzten 20 Jahren über 40‘000 Häuser, vier Dutzend Golfplätze, ein künstlicher See sowie 40‘000 Quadratmeter kommerzielle Fläche für Shopping und Unterhaltung. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin «Forbes» kürte «The Villages» vor zwei Jahren zur am schnellsten wachsenden Kleinstadt der Vereinigten Staaten.

Das Leben in einer künstlichen Blase

Bild des "Villages Care Centers" als südländisch inspiriertes Gebäude. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Siedlungskoloss gibt es fast alles, natürlich auch eine gut ausgebaute Gesundheitsversorgung. flickr / Ted Eytan

Wer «The Villages» besucht, ist nicht nur perplex über die Grösse und Gleichförmigkeit von Siedlungen, Strassen, Golf- und Grünanlagen. Ebenso frappant sind die Ähnlichkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner: Alle sind alt, alle tragen denselben Freizeit-Look, und alle scheinen sie happy. «Meine Schwester kam zu Besuch und sagte: ‹Hier lächeln immer alle!› Und ich antwortete: ‹Klar, die sind glücklich!›», erzählt Camille aus Medford, Massachusetts. «Wer sich hier langweilt, ist selber schuld!», lacht Jim aus Pennsylvania. Und Penny aus New Jersey verrät: «Meine Kinder möchten auch einmal hier alt werden. Sie nennen den Ort ‹Disney World für Erwachsene›.»

«Ich mache den Villagers nicht zum Vorwurf, dass sie sich amüsieren. Ich glaube nur nicht, dass das gesund ist», sagt Andrew Blechman, Autor eines ebenso erheiternden wie erhellenden Buchs über «The Villages.» Die Leute dort wollten einfach möglichst wenig Steuern zahlen und fänden, sie hätten ihren Beitrag an die Gesellschaft geleistet, ist der 45-jährige Publizist überzeugt. «Sie möchten ein Leben wie im Club Méditerranée – aber einem Club Med mit 100'000 Gleichaltrigen.»

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Buchhinweis

Andrew Blechman: «Leisureville. Adventures In A World Without Children», Grove/Atlantic 2009.

Bumerang bereits im Anflug

Die Konsequenz dieser «Selbstgenügsamkeit»: Den Gemeindekassen ausserhalb von «The Villages» mangelt es zunehmend an Mitteln für öffentliche Schulen und Einrichtungen. Erste Parks und Kinderspielplätze mussten bereits geschlossen werden, weil es an lokalen Steuergeldern für deren Unterhalt fehlt.

Fachleute warnen schon jetzt, die Selbstbezogenheit der Rentner könnte sich als Bumerang erweisen. «Die Kinder, denen diese alten Leute heute die Unterstützung verweigern, werden ihnen dereinst die Katheter einführen oder ihnen Blutproben abnehmen», argumentierte beispielsweise Sean Snaith, Wirtschafts-Professor an der University of Central Florida gegenüber der Huffington Post. «Ich für meinen Teil möchte dies von möglichst gut ausgebildeten Leuten gemacht haben.»

Konflikte zwischen 'jungen Alten' und 'alten Alten'

Ein Picknicktisch unter einem Dach einem einem wahrscheinlich künstlich angelegten Fluss mit kurzgeschorenem Rasen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Freizeitbeschäftigung à la «The Villages»: Ein Picknicktisch wartet auf seinen Einsatz. flickr / Darryl Kenyon

Ironischerweise führt die fehlende Solidarität mit künftigen Generationen nicht mehr nur ausserhalb der Siedlungsmauern zu Problemen. Sie droht nun auch innerhalb der Alten-Reservate zum Konfliktstoff zu werden. Aktuelles Beispiel: Sun City im US-Bundesstaat Arizona. Die Rentnerstadt aus den 1960er-Jahren war einst Vorbild für «The Villages», ist aber inzwischen in die Jahre gekommen. «Die ‹jungen Alten› möchten renovieren und modernisieren, um den Siedlungskomplex auch für nachkommende Generationen attraktiv zu erhalten», erzählt der Publizist Andrew Blechman. «Doch den ‚alten Alten’ sind derlei Investitionen keinen Penny wert.» Sie wollten möglichst mit null oder 1 Dollar 50 auf dem Konto sterben. – «Die Idee einer neuen Generation ist Hoffnung. Kinder geben uns Hoffnung. Wir sorgen für sie, damit die Zukunft hoffentlich besser wird», sagt Blechman. «Was für eine Zukunft gibt es denn in einer Rentner-Siedlung?»

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