Töten ist menschlich

Das Töten ist eines der letzten grossen Tabus unserer Zeit. Die Sendung «HörPunkt» macht es deswegen zum Thema und spricht darüber – sechs Stunden lang. Es zeigt sich: Es braucht wenig, damit der Mensch zum Mörder wird.

Illustration eines Revolvers. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sowohl die Angst vor dem Getötetwerden als auch vor dem Töten sitzt tief in uns. Getty Images

Der Taxifahrer hat keine Chance. Das Seil überrascht ihn, während er das Wechselgeld zusammenklaubt. Blitzschnell von hinten über den Kopf gezogen. An den Hals, direkt über dem Kehlkopf. Das Seil spannt sich. Das Röcheln dauert unerträglich lange, aber eigentlich nur kurz. Die Augen quellen. Der Körper erschlafft. Ein Toter mehr auf der Welt.

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Das lange Gespräch übers Töten

Am 2.9. widmen sich Franziska von Grünigen und Bernard Senn im HörPunkt dem Thema «Das lange Gespräch übers Töten». Zu Gast ist der Neuropsychologe Thomas Elbert, der sich mit der Frage befasst, warum Menschen töten. Und es kommen Menschen zu Wort, die Erfahrungen mit dem Töten gemacht haben – ein Mörder etwa, oder der Direktor eines Schlachthofs.

Warum der junge Mann auf dem Rücksitz es getan hat, warum der Taxifahrer sterben musste? Er weiss es nicht. Langeweile? Triebstau? Frust? Der Film heisst «Ein kurzer Film über das Töten», gedreht hat ihn der Pole Krzysztof Kieślowski. Der Film, knapp 30 Jahre alt, ist zeitlos und der Anstoss für den HörPunkt «Das lange Gespräch übers Töten». Das Töten ist für Kieślowski eine moralische Tragödie.

Getötet wird oft, darüber gesprochen selten

Über den Tod wird inzwischen gesprochen. Immer öfter. Die Buchregale füllen sich. Wie aber ist das mit dem Töten? Die Zahl der Kommentare und Arbeiten dazu ist überschaubar. Dabei wird überall getötet, rund um die Uhr. Im Fernsehen, in Romanen, in der Phantasie, in den Zeitungen, im Internet. Und in der Realität sowieso. Rund eine halbe Million Menschen kommen laut einer UN-Studie pro Jahr gewaltsam zu Tode, Kriege nicht eingerechnet.

Das Töten ist ein Faktum. Es verweist auf eine abgründige Seite des Menschen. Auf die Tatsache, dass er Artgenossen sowohl zufällig als auch planmässig umbringt. Ein Alleinstellungsmerkmal: Die Natur kennt nichts Vergleichbares. Übrigens: auch Kinder töten. Töten ist menschlich. Und deshalb ein Tabu.

Die Erben des Brudermörders

Wir alle tragen das Wissen in uns, dass wir es tun könnten. Experimente zeigen: Es braucht nur wenig, um einen durchschnittlichen Menschen zum Killer zu machen. Die Massaker dieser Welt sind die Bestätigung der Studien und unsere Gänsehaut beim Krimischauen der sichtbare Beweis.

Die Angst, entweder umgebracht zu werden oder selber zu töten, sitzt tief. Nicht von ungefähr stammen wir – zumindest im christlichen Zusammenhang – von einem Mörder ab. Wir alle sind Nachfolger Kains, der seinen Bruder Abel erschlagen hat. Kein leichtes Erbe.

Sprechen über das Töten

Sendung zu diesem Artikel

  • Ein Mann sitzt mit nacktem Rücken zur Kamera, seine Finger sind rot eingefärbt.
    Radio SRF 2 Kultur 02.09.2015 09:00

    HörPunkt
    Das lange Gespräch übers Töten

    02.09.2015 09:00

    Töten ist eine unwiderrufliche Handlung. Sie wird gesellschaftlich geächtet und geahndet. Nur in wenigen Ausnahmefällen ist das Töten erlaubt. Der Akt des Tötens erschreckt und fasziniert zugleich. Obwohl medial tausendfach inszeniert, ist diese Handlung eines der letzten Tabuthemen unserer Zeit.