Warum die Lust am Töten in uns allen steckt

Sind Menschen, die in einen regelrechten Blutrausch verfallen, allesamt geborene Psychopathen? «Nein», schreibt Neuropsychologe Thomas Elbert, «die Lust an der Gewalt kann in jedem Menschen geweckt werden.» Das hat einen Grund.

Drei Kinder sitzen auf einer Kanone, einer trägt eine Waffe. Von unten rufen ihnen andere Kinder zu. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gespräche über Heldentaten können das Verlangen nach Kampf hervorrufen. Keystone

Zusatzinhalt überspringen

Zur Person

Zur Person

Thomas Elbert, 65, ist Professor für klinische Psychologie und Neuropsychologie an der Universität Konstanz. Seine Feldstudien zur Psychobiologie menschlicher Gewalt- und Tötungsbereitschaft führten ihn in viele Konfliktgebiete.

Warum sind Menschen seit jeher zu gewalttätigem und aggressivem Verhalten bereit, sogar zum Töten? Während Gewalt in den zahlreichen Krisenregionen der Welt oft kaum noch als abnormal wahrgenommen wird, werfen Gewalttaten in der eigenen gesellschaftlichen Mitte immer wieder Fragen nach den Gründen auf.

«Die appetetive Gewalt»

In Untersuchungen in Kriegsgebieten, vor allem in Ostafrika, aber auch in Mittelasien und Kolumbien, hat unser Team quantifiziert, auf welche Weise Menschen zur Gewaltbereitschaft geprägt werden. Dabei wurde ein Leitmotiv erkennbar: Neben der reaktiven Gewalt, die der Verteidigung und Gegenwehr dient, liegt eine andere Aggressionsform – die appetitive Gewalt – in der biologischen Anlage des Menschen begründet.

Die appetitive Gewalt scheint vor allem auf die evolutionäre Herausbildung des Jagdverhaltens zurückzuführen zu sein. Das Unterwerfen von Menschen kann motivieren, die Jagd auf Menschen sogar zum «Combat High» – zum Tötungs-Rausch – führen.

«Je mehr wir töteten, desto mehr kamen wir auf den Geschmack»

Wie beschreiben ehemalige Kämpfer ihren Durst nach kriegerischen Auseinandersetzungen? Eine typische Antwort bei Hunderten von Befragungen in den Kriegsgebieten Ostafrikas lautete: «Wir sassen zusammen, mein Onkel und ich, wir sprach über unsere Heldentaten und dann das Verlangen nach Kampf, ein drängendes Bedürfnis. Es konnte sieben Uhr abends sein, also wenn es schon dunkel war, dass wir die Gewehre nahmen und rausgingen zum Töten.»

Ähnlich äussern sich die Täter des Völkermordes in Ruanda – nachzulesen in «Zeit der Macheten» (2004) des Journalisten Jean Hatzfeld: «Je mehr wir töteten, desto mehr kamen wir auf den Geschmack, weiterzumachen. Wenn man die Gier ungestraft ausleben kann, lässt sie einen nie los. Man konnte sie uns an unseren vom Töten hervorquellenden Augen ablesen. […] Es war ein unvorhergesehenes Volksvergnügen.»

Zusatzinhalt überspringen

Das lange Gespräch übers Töten

Die Sendung HörPunkt widmet sich dem Thema «Töten». Zu Gast ist der Neuropsychologe Thomas Elbert, der sich mit der Frage befasst, warum Menschen töten. Es kommen zudem Menschen zu Wort, die Erfahrungen mit dem Töten gemacht haben.

Nicht nur Psychopathen töten

Auch die Aussagen des Militärpsychologen Dave Grossmann in «On Killing: The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society» (2004) entsprechen unseren Daten: «Dieser Erregungszustand ist wie eine Spritze Morphium zu bekommen – du schwebst umher, lachend, Witze machend, eine geniale Zeit habend, absolut selbstvergessen, die Gefahr um Dich herum nicht mehr wahrnehmend. […] Probleme treten auf, wenn Du Dir noch einen Schuss holen willst und noch einen und noch einen ...»

Unsere Erkenntnisse sind also nicht neu – unerwartet jedoch ist die Universalität über Kämpfer wie Kulturen: Menschen reagieren nicht nur in Notwehr und im wütenden Affekt auf Bedrohung und Angriff, sondern können unter bestimmten Umständen die Hemmung vor Gewaltausübung und grausamer Erniedrigung eines anderen Mensch überwinden. Personen, die mehrfach getötet und Grausamkeiten ausgeübt haben, können in einen Zustand lustvoller Gewaltausübung, ja in einen regelrechten Blutrausch verfallen. So wenig uns dieser Gedanke gefällt: Man muss kein geborener Psychopath sein – die Lust an der Gewalt kann in jedem Menschen geweckt werden.

Krieger mit Spass am Töten leiden weniger an Depressionen

Ein unangenehmes Forschungsergebnis, das sich in unseren Untersuchungen immer wieder abgezeichnet hat: Menschen in Kriegsgebieten, die im Kampf gelernt haben, über Kontrolle und Ausüben von Gewalt den Spass an Aggression und Töten zu finden, leiden weniger unter mentalen Belastungen wie posttraumatische Belastungsstörung und Depression – und umgekehrt.

Unsere Daten bestätigen die Ansicht von Albert Einstein, der sagt: «Die psychologische Wurzel des Krieges liegt meiner Ansicht nach in einer biologisch begründeten aggressiven Eigenart des männlichen Geschöpfes.» Zu relativieren ist allenfalls noch der Geschlechteraspekt: Zwar zeigen unsere Werte für Zivilisten einen Geschlechtsunterschied, ergeben aber wenig Differenzen zwischen Kämpferinnen und Kämpfern.

Sendung zu diesem Artikel

  • Ein Mann sitzt mit nacktem Rücken zur Kamera, seine Finger sind rot eingefärbt.
    Radio SRF 2 Kultur 02.09.2015 09:00

    HörPunkt
    Das lange Gespräch übers Töten

    02.09.2015 09:00

    Töten ist eine unwiderrufliche Handlung. Sie wird gesellschaftlich geächtet und geahndet. Nur in wenigen Ausnahmefällen ist das Töten erlaubt. Der Akt des Tötens erschreckt und fasziniert zugleich. Obwohl medial tausendfach inszeniert, ist diese Handlung eines der letzten Tabuthemen unserer Zeit.