Was denkt ein Schädlingsbekämpfer über den Tod?

Wenn sich Ameisen, Mäuse oder Schaben in den eignen vier Wänden tummeln, kommen Schädlingsbekämpfer wie Martin Stalder zum Einsatz. Der Chef von «Rentokil» befreit seine Kunden von dem Übel. Das ist sein oberstes Ziel. Dass er dafür Tiere töten muss, nimmt er in Kauf – mit Ausnahmen.

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Bildlegende: Ein Schädling ist ein Tier dann, wenn es zur falschen Zeit am falschen Ort ist – auch wenn es noch so niedlich ist. Imago/Blickwinkel

Herr Stalder, ein Wespen-Sommer liegt hinter uns – hat Ihr Telefon Sturm geläutet?

Oh ja, besonders der Juli war rekordverdächtig. Ich bin jetzt seit neun Jahren in der Schädlingsbekämpfung tätig, aber sowas habe ich noch nie erlebt. Unsere Techniker bekämpften pro Tag bis zu zehn Wespennester.

Ist das viel?

Extrem viel! Normalerweise bekämpft ein Techniker zwei Wespennester pro Tag.

Wie geht er vor?

Zuerst schaut er, wo sich das Nest befindet und wo die Einfluglöcher sind. Dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Wespen zu töten, etwa mit Pulver oder mit Spray.

Porträt Martin Stalder, von rechts wird sein Gesicht von der Sonne beschienen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Martin Stalder, Geschäftsführer beim Schädlingsbekämpfer Rentokil. zvg

Wespen werden in jedem Fall getötet?

Ja, weil sie besonders aggressiv sind. Anders ist das bei Bienen und Hornissen – die bekämpfen wir nicht. Hornissen sind in gewissen Ländern sogar geschützt.

Wovon hängt es ab, wie rigide Sie gegen Schädlinge vorgehen?

Fragt sich, wie man «Schädling» definiert. Für mich ist ein Schädling ein Tier, das – in Bezug auf den Menschen – zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort ist. Mäuse etwa sind nicht per se Schädlinge. Aber wenn sie eine Getreideernte verunreinigen, entsteht ein grosser Schaden für den Menschen. Dann töten wir die Tiere.

Worauf achten Sie beim Töten?

Wir verwenden ausschliesslich Präparate, die beim Bundesamt für Gesundheit registriert und tierschutzkonform sind. Das ist nicht überall so. In asiatischen Ländern etwa arbeitet man heute noch mit Leimbrettern, auf denen die Mäuse kleben bleiben. Das gibt's bei uns nicht.

Aber hat es einmal gegeben.

Ja, das war früher auch in der Schweiz gang und gäbe.

Wie häufig geraten Sie in Konflikt, dass ein Tier Schaden anrichtet, aber nicht getötet werden darf, weil es geschützt ist?

Das gibt es immer wieder, etwa bei Siebenschläfern. Die töten wir nicht. Aber stellen Sie sich vor, Ihre Alarmanlage geht einmal die Woche los, weil ein Siebenschläfer am Kabel herumknabberte. Das ist kein Zustand – und kostet den Besitzer viel Geld.

Was tun Sie dann?

Wir versuchen, Siebenschläfer lebendig einzufangen und in der Freiheit wieder zu entlassen. Dabei müssen wir tierschutzgesetzkonform vorgehen, sprich: eine Lebendfalle täglich kontrollieren, damit ein Tier nicht darin verendet. Zum Glück geschieht die Überwachung heute elektronisch. Wenn ein Tier in die Falle tappt, kriege ich eine SMS. Da kann ich zeitnah vorbeischauen.

Gibt es Menschen, die Mühe damit haben, dass Sie Tiere töten?

Es gibt Kunden, die sagen: «Die Mäuse müssen weg, aber ihr dürft sie nicht töten.» Früher, als wir die Mäusefallen noch nicht elektronisch überwachen konnten, bedeutete das: Wir mussten regelmässig vorbeischauen – das kostete. Für den Kunden hiess das abwägen, was wichtiger ist: das Gewissen oder das Portemonnaie.

Was ist mit dem Gewissen Ihrer Techniker – wie gehen die damit um, dass sie täglich töten?

Die Techniker sind sehr tierlieb, es fällt ihnen nicht leicht, zu töten. Aber weil sie ihre Arbeit als Dienstleistung am Menschen sehen, können sie gut damit umgehen. Kommt hinzu, dass sie nicht willkürlich, sondern nach Schema vorgehen.

Das heisst?

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Das lange Gespräch übers Töten

Die Sendung HörPunkt widmet sich dem Thema «Töten». Zu Gast ist der Neuropsychologe Thomas Elbert, der sich mit der Frage befasst, warum Menschen töten. Es kommen zudem Menschen zu Wort, die Erfahrungen mit dem Töten gemacht haben.

Sie werden nie nur aufgrund eines Telefons sagen: Jetzt geht's den Mäusen an den Kragen. Zuerst braucht es immer eine Inspektion, damit wir beurteilen können: Welcher Schädling ist das? Wie gross ist die Population? Woher kommt sie? Was ist das Problem in dem Gebäude? Ohne Inspektion machen wir gar nichts.

Und dann – wann greifen Sie ein? Wenn der Schaden genug gross ist für den Menschen?

Letzten Endes entscheidet der Kunde, ob er mit den Schädlingen leben will und kann. Manche haben keine Wahl: Ein Lebensmittelproduktionsbetrieb etwa kann sich eine Kontamination durch einen Schädling nicht leisten, egal, ob das Mäuse oder Schaben sind. Er muss Hygienevorschriften einhalten.

Haben sie auch schon den umgekehrten Fall erlebt: Dass Sie einem Kunden vom Töten abrieten?

Ja, zu Beispiel im Fall von Waldschaben. Wenn sich solche Tiere in ein Haus oder ein Restaurant verirren, sind sie innert 24 Stunden tot. Warum sollten wir dann ein Insektizid spritzen?

Und wenn der Kunde anderer Meinung ist?

Dann nehmen wir in Kauf, dass er uns in Zukunft nicht mehr anruft.

Sendung zu diesem Artikel

  • Ein Mann sitzt mit nacktem Rücken zur Kamera, seine Finger sind rot eingefärbt.
    Radio SRF 2 Kultur 02.09.2015 09:00

    HörPunkt
    Das lange Gespräch übers Töten

    02.09.2015 09:00

    Töten ist eine unwiderrufliche Handlung. Sie wird gesellschaftlich geächtet und geahndet. Nur in wenigen Ausnahmefällen ist das Töten erlaubt. Der Akt des Tötens erschreckt und fasziniert zugleich. Obwohl medial tausendfach inszeniert, ist diese Handlung eines der letzten Tabuthemen unserer Zeit.