Macht der Sprache Was wir meinen, wenn wir «Flüchtling» sagen

Nicht erst seit Donald Trump prägen Schlagworte die Politik. Für den Sprachwissenschaftler Kersten Roth ist klar: Wir müssen der Sprache besser aufs Maul schauen. Fünf Beispiele.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ob es populistisch ist, wie jemand einen bestimmten Begriff verwendet, entscheidet sich immer aus der Situation seiner Verwendung heraus, aus dem Kontext.
  • Typisches Merkmal für Schlagwörter: Der Aspekt, der die eigene Position stützt, wird hervorgehoben. Jene Gesichtspunkte, die nicht ins Konzept passen, bleiben ausgespart.
  • Nicht nur jeder Sprachgebrauch, auch die Sprachkritik verfolgt ein Interesse und bleibt an eine Perspektive gebunden.

Flüchtlingsstrom

Flüchtlinge in Schwimmwesten in einem Boot Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Flüchtlingsstrom: Ist immer wieder Gegenstand von Sprachkritik – aber nicht zwingend populistisch. Keystone

Der Begriff: Seit Beginn der syrischen Flüchtlingskrise ist «Flüchtlingsstrom» ein Dauerbrenner in den Medien. Auch weil ihn Politiker aller Couleur benutzen. Gerne wenig kritisch.

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Zur Person

Dr. Kersten Roth ist Privatdozent für Linguistik an der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf. Er hat das Buch «Politische Sprachberatung als Symbiose von Linguistik und Sprachkritik» verfasst und ist Mitherausgeber des Bandes «Wahl der Wörter – Wahl der Waffen? Sprache und Politik in der Schweiz».

Die Analyse von Kersten Roth: Schon der Begriff «Flüchtling» wird immer wieder zum Gegenstand von Kritik. Tatsächlich sind Wortbildungen auf «–ing», die von einem Verb abgeleitet sind und eine aktive Handlung ausdrücken (wie bei «Eindringling», «Schreiberling»), in der Regel negativ besetzt.

Der Wortbestandteil «Strom» ist metaphorisch und setzt eine beliebte Praxis fort, die im Diskurs um Zuwanderung seit Jahrzehnten besteht: nämlich den Rückgriff auf Ausdrücke aus dem Metaphernfeld «Wasser».

Ein «Strom» kann zerstörerisch alles mit sich mitreissen. Er kann aber auch Energie liefern. Hier wird in jedem Fall der Kontext entscheidend, und es wäre nicht zielführend, jede Verwendung von «Flüchtlingsstrom» als populistisch zu bezeichnen.

Waldsterben

Kranke Bäume, die einen ganz leicht bewölkten Himmel ragen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ging als Germanismus in den internationalen Diskurs ein: das Waldsterben – hier im Muotathal. Keystone

Der Begriff: «Waldsterben» wurde in den frühen 1980er Jahren zum zentralen umweltpolitischen Schlagwort, nachdem seit ab 1975 in verschiedenen Gebieten Mitteleuropas das grossflächige Absterben verschiedener Baumarten beobachtet wurde.

Die Analyse: Das Gegenstück zur «Schönfärberei» – ein Dysphemismus. Mit dem Waldsterben hat die deutsch(sprachig)e Umweltbewegung in den 1980er Jahren in dramatisierender und zuspitzender Weise auf Giftbelastungen in deutschen Wäldern hingewiesen.

Der rhetorische Effekt dieser Zuspitzung war immens (unterstützt durch die Bebilderung mit Ansichten kahler Hänge mit einzelnen toten Bäumen): «Waldsterben» ging als Germanismus in den internationalen Diskurs ein.

Entwicklungshilfe

Schwarze Kinder im afrikanichen Niemandsland essen aus einem Topf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nothilfe-Projekt für Kinder in Äthiopien: Der Ausdruck Entwicklungshilfe wird fast nicht mehr verwendet. Keystone

Der Begriff: «Entwicklungshilfe» polarisiert seit den 1990er Jahren. Für Kritiker ist Entwicklungshilfe die Wurzel einer neuen Abhängigkeit – in den Augen der Befürworter eine Verantwortung, die reiche Industrienationen wahrzunehmen haben.

Die Analyse: Bei «Entwicklungshilfe» scheint das Problem weniger ein sprachliches als ein sachliches. Der Ausdruck ist treffend für das, was man aus Sicht der Industrieländer meinte, als man begann, Entwicklungshilfe zu leisten. Er entspricht der damit bezeichneten Politik.

Von der Untauglichkeit und Kurzsichtigkeit dieser Politik haben sich inzwischen wohl die meisten politischen Kräfte in Europa überzeugt. Der Ausdruck wird im offiziellen Kontext deshalb immer weniger verwendet – wegen politischer, nicht wegen sprachlicher Einsicht.

Retortenbaby

Ein frisch geborenes Baby schreit sich die Lunge aus dem Leib. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Louise Brown: Auch das allererste Retortenbaby erblickte schreiend das Licht der Welt. Keystone

Der Begriff: «Retortenbaby» ist in der Regel eine abschätzig gemeinte Bezeichnung für ein Kind, das durch künstliche Befruchtung gezeugt wurde. Das erste Retortenbaby, Louise Brown, wurde im Juni 1978 in England geboren.

Die Analyse: Der Ausdruck dürfte von Beginn an nur von Gegnern des Versuchs künstlicher Befruchtungen verwendet worden sein. Obwohl man nicht sagen kann, dass er sachlich grundsätzlich unzutreffend ist, lenkt er doch die Aufmerksamkeit bewusst auf den Aspekt des Labors mit all seinen Assoziationen zu Frankenstein. Und er verknüpft ihn mit einem Wort, das wie kaum ein anderes für menschliche Zuwendung steht: «Baby».

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Die Macht der Sprache

Die Aspekte, die Befürwortern wichtig sein dürften, blendet er aus. Etwa, dass das genetische Material dieser Befruchtung kein künstliches und das Motiv in der Regel der Wunsch eines Paares nach nicht irgendeinem «künstlichen» ist, sondern eben «ihrem» Kind.

Interessant ist, dass der heute weitgehend neutral verwendete Terminus «In-vitro-Fertilisation» (Befruchtung im Glas) im Grunde den gleichen Aspekt betont. Nicht nur Sprachgebrauch, auch Sprachkritik ist eben immer perspektivisch.

Social Media

Eine Hand hält ein Smartphone, auf dessen Screen Facebook geschrieben steht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ist spezifisch für die deutsche Sprache: das Unbehagen am Begriff Social Media. Keystone

Der Begriff: «Social Media» steht für das sogenannte Mitmach-Web oder Web 2.0, das es den Usern möglich macht, Inhalte im Internet austauschen und kommentieren zu können.

Die Analyse: Man könnte jemandem, der im Deutschen von «Social Media» spricht statt den vorhandenen Ausdruck «Soziale Medien» zu verwenden, vorwerfen, mit einem Anglizismus imponieren zu wollen. Das greift aber (wie voreilige Anglizismenkritik so oft) wohl zu kurz.

Schaut man sich nämlich an, warum der Ausdruck «Soziale Medien» immer wieder zum Gegenstand öffentlicher Sprachkritik wird, sieht man: Das Problem in dieser Form ist spezifisch für die deutsche Sprache.

Der Vorwurf lautet: Der Ausdruck ist irreführend, weil die kommunikativen Verhaltensweisen in Facebook, Twitter & Co. oft gar nicht «sozial» seien, sondern eher «asozial» (wie im Falle der so genannten «Hate Speech»).

«  ‹Sozial› ist im Englischen nicht in gleicher Weise mehrdeutig wie im Deutschen. »

Diese Kritik lässt ausser acht, dass «sozial» im Deutschen (und «social» im Englischen nicht in gleicher Weise) mehrdeutig ist. Neben der Verwendung als Hochwertausdruck, bei der «sozial» etwas ist, das zum Nutzen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens passiert, ist «sozial» auch ein neutraler Beschreibungsbegriff. Er bedeutet: «auf eine Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft bezogen».

Und genau dieser Bedeutungsaspekt liegt dem Ausdruck «Social Media» und seiner Verdeutschung «Soziale Medien» zugrunde: Über soziale Medien «teilt» man Daten, Informationen und Meinungen mit anderen, zu denen man in irgendeiner Beziehung steht. Dagegen – und in diesem Sinne auch gegen das Wort – ist im Grunde nichts einzuwenden.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 31.1.2017, 06:50 Uhr