Ágnes Heller, jüdische Ungarin Wer hat Angst vor der Freiheit?

Ágnes Heller ist eine der letzten Zeitzeuginnen des 20. Jahrhunderts. Sie hat den Holocaust und den Stalinismus hautnah miterlebt. Heute kämpft sie für mehr Freiheit – auch in Ungarn.

Porträt Ágnes Heller. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ágnes Heller wurde 1929 in Budapest geboren. Sie ist eine der wichtigsten Philosophinnen der Gegenwart. Imago/EST&OST

Nur durch Zufall habe sie überlebt, erinnert sich die 88-jährige Ágnes Heller. Es war im Winter 1944. Damals war sie 15 Jahre alt. Zusammen mit ihrer Mutter und anderen Jüdinnen und Juden wurde sie aus dem Budapester Ghetto ans Ufer der Donau getrieben. Ein Erschiessungskommando erwartet sie.

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Zur Sendung mit Ágnes Heller

Mit Yves Bossart blickt Ágnes Heller auf ihr bewegtes Leben und verrät, was sie antreibt. Ein Gespräch über den Sinn des Lebens und die Liebe zur Freiheit.

Hinter ihrem Rücken standen die antisemitischen Pfeilkreuzler, ungarische Verbündete der Nazis. Die Gewehre im Anschlag. Ágnes blickt starr auf das vorbeiziehende Wasser der Donau und wartet auf ihren Tod.

Nur der Tod der anderen ist schlimm

Doch die Aktion wird abgebrochen. Warum, das weiss sie nicht. Das Erlebnis aber hinterliess traumatische Spuren: Noch Jahre später zog sie das Wasser der Donau magisch an, immer wieder wollte sie hineinspringen.

Erstaunlicherweise habe sie damals an der Donau die Angst vor dem Tod verloren, meint die Philosophin. Für immer. Die eigene Sterblichkeit bewegt sie seither nicht mehr.

Der Tod sei nur schlimm, wenn er andere trifft, Freunde und Verwandte. Ágnes Heller weiss, wovon sie spricht. Ihr Vater wurde in Auschwitz getötet.

Von einer Hölle zur nächsten

Der Holocaust, das war die «erste Hölle», erinnert sich die Jahrhundertzeugin. Kurz danach folgte die zweite: der Stalinismus.

Heller sympathisierte zunächst mit dem Kommunismus: 1947 trat sie der Kommunistischen Partei bei und wurde später auch Schülerin und Assistentin des marxistischen Philosophen Georg Lukács.

Mehr Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte

Doch am 23. Oktober 1956, heute der Nationalfeiertag in Ungarn, wurde sie Teil eines Ereignisses, das ihr Leben von Grund auf veränderte: Das Volk erhob sich gegen das sowjetische Regime.

Es kam zum Volksaufstand, zum Kampf für mehr Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte. Dieser Moment habe sie eigentlich politisiert, erinnert sich Ágnes Heller. Die Revolution sei zwar gescheitert, aber der Geist der Freiheit blieb dennoch lebendig.

Wer hat Angst vor der Freiheit?

Bis heute kämpft die engagierte Denkerin, aus Liebe zur Freiheit – eine Freiheit, vor der sich heute immer mehr Menschen fürchten. Sie haben Angst vor der Globalisierung, Angst vom Fortschritt abgehängt zu werden. Also sehnen sie sich nach Abschottung, nach starken Führern und den guten alten Zeiten.

Auch in Ungarn: Ministerpräsident Viktor Orban baue schrittweise die liberale Demokratie ab, meint Heller. Er beschneide die Medienfreiheit und versuche gar Universitäten zu schliessen.

Viktor Orban, der Machtmensch

Orban verwandle Ungarn in eine Diktatur, so die Philosophin. Sein Ziel? Macht, reine Macht, nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Selbstzweck. Auch der völkische Nationalismus, ebenso wie der Fremdenhass, seien bloss Instrumente, um die eigene Popularität zu steigern – Ideologien zur Vermehrung der Macht.

Ágnes Heller selbst hält sich fern von ihr, der Macht. Sie meint, Philosophen hätten in der Politik nichts zu suchen. Wenn sie sich politisch einmischt, dann als Bürgerin, nicht als Philosophin.

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Buchhinweis

Ágnes Heller: Von der Utopie zur Dystopie. Was können wir uns wünschen?, Edition Konturen, 2016.

Wir brauchen Dystopien, keine Utopien

Die Philosophen und ihre Utopien, davon hält Heller nicht sonderlich viel. Zu viele Grausamkeiten hat sie erlebt, die im Namen des Guten begangen wurden. Viel hilfreicher als Utopien seien Dystopien, so die provokante These ihres neueren Buches «Von der Utopie zur Dystopie».

Schreckensszenarien könnten uns davon abhalten, in eine falsche Richtung zu gehen, auch wenn wir die richtige nicht kennen. Eine Behauptung, die aufhorchen lässt, zumal von einer Jahrhundertzeugin, die zwei Höllen durchlebte und mit 88 Jahren noch jeden Morgen ins Wasser springt. Beim Schwimmen nämlich kämen ihr die besten Gedanken.

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