«Where next?» – Tony Hall und die neue BBC-Kultur

Der Ruf der öffentlich-rechtlichen britischen BBC ist seit 2012 stark ramponiert. Tony Hall, der neue Chef des Hauses, soll jetzt den Karren aus dem Dreck ziehen. Der erfahrene Journalist und Kulturmanager weiss genau, wie es weitergehen soll: auf keinen Fall so wie bisher.

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Bildlegende: Tony Hall an seinem ersten Arbeitstag bei der BBC in London am 2. April 2013. Reuters

Was da an Skandalen letztes Jahr ans Licht kam, war ungeheuerlich: jahrelanger sexueller Missbrauch von Minderjährigen in Einrichtungen der BBC, verübt von diverser TV-Prominenz; falsche Verdächtigungen von Politikern; gigantische Fehlinvestitionen in die eigene IT-Infrastruktur; serienweise Rücktritte von Führungskräften mit Abfindungen in Millionenhöhe.

Der letzte Intendant des Senders ging vor einem Jahr, auch er mit goldenem Handschlag – nach nur 54 Tagen im Amt. Seit April ist Tony Hall (61) neuer «Director General» der BBC. Der Ex-Nachrichtenchef der «Broadcasting Corporation» ist damit wieder dorthin zurückgekehrt, wo seine Karriere 1973 begann.

Kultur als Strategiekonzept

Schon 1999 kandidierte der erfahrene Journalist und Kulturmanager Hall für den Posten des Generaldirektors – damals ohne Erfolg. Zwei Jahre später verliess er den Sender und wurde Direktor der Royal Opera. Zuletzt war er für das Kultur-Begleitprogramm bei den Olympischen Spielen in London verantwortlich.

In einer Rede präsentierte Hall am 8. Oktober seine Reformpläne fürs nächste Jahrzehnt. Der Chef appellierte an die Mitarbeiter: «Die BBC muss wieder Topform erreichen – als beliebtester und mutigster Sender Grossbritanniens.» Halls Rede machte Schlagzeilen, sein Strategiekonzept mit dem Titel «Where next?» war nach ihrer Bekanntgabe das medienpolitische Thema Nummer eins auf der Insel. Dass Hall dabei dem Bereich Kultur grosse Bedeutung beimisst, wird niemanden überraschen.

Zusammenarbeit mit führenden Institutionen

BBC-Skandal fordert Posten des Generaldirektors

2:07 min, aus Tagesschau vom 11.11.2012

Das Budget für die Kulturprogramme soll um 20 Prozent aufgestockt werden. Geplant sind mehr Live-Übertragungen: aus Theatern und Museen und von Festivals. Hier kooperiert die BBC schon jetzt mit führenden Institutionen wie National Theatre, British Museum und den Tate-Galerien.

Vorgesehen sind ferner aufwändige, mehrteilige TV-Dokumentarserien zu britischer Literatur, Kunst und Geschichte, darunter «The Men Who Invented Scotland» und – in Zusammenarbeit mit der National Portrait Gallery – «The Face of Britain» über Porträtmalerei. Und das Shakespeare-Film- und Tonarchiv des Senders soll komplett digitalisiert werden: für die Schulen und Universitäten des Landes sowie für den Vertrieb über BBC Worldwide.

Mitbestimmung und Mitbesitz für Zuschauer

Dabei fasst Tony Hall den Kulturbegriff sehr weit. Seine Reformpläne erstrecken sich auch auf die «Kultur» innerhalb der eigenen Organisation und darauf, wie der Medienriese BBC das Verhältnis zu seinem Publikum gestaltet. Den Leuten mehr bieten fürs Geld heisst für den neuen Intendanten auch, die Hörer und Zuschauer mehr in die Programmplanung einzubinden. Halls Strategie zielt auf mehr Mitbestimmung und «Mitbesitz». «Das Publikum», sagte Hall, «ist nicht nur die Summe aller Gebührenzahler, sondern Mitinhaber eines Dienstleisters, der allen gehört.»

Eben dies ist der springende Punkt. Mit seinem Mitsprachkonzept reagiert der Director General auch auf alle Kritiker, die immer mal wieder vor dem «Auslaufmodell» eines gebühren-finanzierten öffentlich-rechtlichen Bezahlfernsehens warnen.

Tony Hall plant nicht weiter als bis 2022. Dann begeht die BBC ihr 100-jähriges Bestehen. Dass das krisengeschüttelte Imperium bis dahin durchhält, steht ausser Zweifel. Aber die Frage «Where next?» signalisiert schon jetzt eine andere: Wird es wirklich ein Geburtstag zum Feiern?