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Gesellschaft & Religion Wie Roger Willemsen am liebsten reist

Richtig reisen: Wie macht man das? Der Publizist Roger Willemsen verrät, warum er gerne ganz alleine in die Ferne schweift, ohne Reiseführer und Fotoapparat. Dafür mit Tagebuch. Ein Interview als Multiple-Choice-Test.

Collage: Im Vordergrund Roger Willemsen, dahinter Aufnahmen von Luzern, Afrika und Istanbul.
Legende: Roger Willemsen: «Man muss sich verlieren, um sich zu finden.» BILDMONTAGE / GETTY IMAGES / FLICKR Amanda Walker/Jeff Attaway/ Moyan Brenn

  • 1. Die Grossstadt

    ■ Paris ■ Istanbul ■ New York

    Istanbul im Abendlicht.
    Legende: Istanbul, die Stadt, in der zwei Kontinente aufeinandertreffen. Keystone

    Roger Willemsen: «Istanbul, denn es liegt ferner als Paris und New York zusammen. Diese Stadt, in der zwei Kontinente aufeinandertreffen, ist wie ein eigener Kontinent, mit allen Brüchen, die eine Reise vielversprechend machen.»

  • 2. Die Schweizer Stadt

    ■ Luzern ■ Genf ■ Zürich

    Blick auf die Stadt Luzern
    Legende: In Luzern war Roger Willemsen schon «mehrfach glücklich». Flickr/Lazlo Darczy , Link öffnet in einem neuen Fenster

    «Luzern, weil ich da schon mehrfach glücklich war, an den Ufern des Rotsees im Spätsommer, auf der Bühne des Kleintheaters ebenso wie unter dem Dachstuhl des liebenswerten Rebstocks.»

  • 3. Die Ferne

    ■ Südamerika ■ Afrika ■ Asien

    Zwei Hände auf einem erleuchteten Globus, der Afrika zeigt.
    Legende: «Afrika, immer wieder» Imago/Blickwinkel

    «Afrika, immer wieder Afrika, so lange Kraft und Mut reichen.»

  • 4. Die Erinnerung

    ■ Fotoapparat ■ Tagebuch ■ Gedächtnis

    Ein Bleistift in einem Buch eingeklemmt
    Legende: Schreiben: «Wie ein neuerliches, weiter reichendes Reisen». Flickr/Magic Madzik , Link öffnet in einem neuen Fenster

    «Tagebuch, nie ohne. Ich fotografiere nicht und dem Gedächtnis beginne ich zu misstrauen. Aber die Herstellung der Genauigkeit im Schreiben empfinde ich als beglückend, wie ein neuerliches, weiter reichendes Reisen.»

  • 5. Die Begleitung

    ■ Mit Partner ■ In der Gruppe ■ Alleine

    Ein Mann mit Rollkoffer in einem Bahnhof.
    Legende: Alleine fällt es leichter, zu verschwinden. Flickr/Transformer18 , Link öffnet in einem neuen Fenster

    «Alleine, denn so fällt es leichter, unsichtbar zu werden, zu verschwinden. Auch wagen Fremde rascher die Kontaktaufnahme, und in den Zeiten der Einsamkeit beobachtet man schärfer, sieht man klarer, scheint mir.»

  • 6. Das Fortbewegungsmittel

    ■ Zug ■ Auto ■ Fahrrad

    Ein Zug im Abendlicht.
    Legende: Im Zug kann man schreiben – ein entscheidender Vorteil für Roger Willemsen. Colourbox

    «Zug. Ich habe keinen Führerschein, und auf dem Fahrrad kann ich nicht schreiben. Aber im Abteil sitzend über die Dörfer zu kommen – ich habe das mal 30 Stunden lang in Mali und Burkina Faso gemacht – das hat hohen Nährwert für den Kopf und bleibt den Augen unvergesslich.»

  • 7. Die Zeit für Informationen

    ■ Reiseführer vor der Reise lesen ■ Reiseführer während der Reise lesen ■ Reiseführer danach lesen

    Eine Frau vor Schneebergen. In ihrem Rucksack steckt ein Reiseführer mit der Aufschrift "Argentina".
    Legende: Reiseführer gerne während der Reise lesen – aber nicht zu viel. Wikimedia

    «Reiseführer während der Reise lesen. Nur bei Bedarf, nur wenn der Augenschein nicht reicht, nur wenn der müde Schritt nach einem Geländer verlangt. Man darf sich aber nicht verführen lassen, Tourist zu werden, statt Flaneur zu bleiben.»

  • 8. Das Accessoire

    ■ Mit Buch ■ Mit Musik ■ Ohne alles

    Ein Mann mit Hut sitzt vor seinem Zelt an einem See und liest ein Buch.
    Legende: «Manchmal möchte man einen anderen Aggregatszustand annehmen.» Imago/All Canada Photos

    «Mit Buch. Manchmal versteht man Bücher an fremden Orten besser als an vertrauten. Manchmal möchte man in ein anderes Zeitmass eintreten oder einen anderen Aggregatzustand annehmen. Die Bücher bringe ich mit, die Musik, die ich höre, ist die meist lokale.»

  • 9. Die Wandlung auf der Reise

    ■ «Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.» (Johann Wolfgang von Goethe, 1749–1832) ■ «Je weiter du rennst, desto weniger kennst du. Der Weise versteht die Welt, ohne zu reisen.» (Laotse, 6. oder 4.–3. Jh. v. Chr.) ■ «Er, der unzufrieden ist an einem Ort, wird selten glücklicher an einem anderen Ort.» (Aesop, 620–564 v. Chr.)

    Ein Mann auf einem Felsen am Meer.
    Legende: «Das eigene Ich ist unausweichlich.» Imago/Westend61

    «Aesop hat Recht. Reisen warten auch mit der unausweichlichen Erkenntnis auf: Das eigene Ich ist unausweichlich, und dennoch changiert es, ändert die Farbe, verliert und gewinnt im Wechsel Kontur.»

  • 10. Das Sehen

    ■ «Toren bereisen in fremden Ländern die Museen, Weise gehen in die Taverne.» (Erich Kästner, 1899–1974) ■ «Eine Entdeckungsreise besteht nicht darin, nach neuen Landschaften zu suchen, sondern neue Augen zu bekommen.» (Marcel Proust, 1871–1922) ■ «Ich stelle mir bisweilen vor, wenn ich durch die Strassen gehe, ich sei ein Fremder, und erst dann entdecke ich, wieviel zu sehen ist, wo ich sonst achtlos vorübergehe.» (Rabindranath Tagore, 1861–1941)

    Eine Katze an einem Marktstand.
    Legende: Sich in den Blick der anderen versetzen – sogar in denjenigen einer Katze. Flickr/Vera & Jean-Christophe , Link öffnet in einem neuen Fenster

    «Wenn ich mich schon für einen von drei richtigen Sätzen entscheiden muss, dann für den dritten, umfassenden. Die Erneuerung des Blicks bedeutet ja auch, die Welt nicht mehr mit den Augen des Transitreisenden, sondern des Einheimischen, Sesshaften, Arbeitenden sehen zu können, wenn nicht sogar mit denen des Haustiers.»

  • 11. Das Zurückkehren

    ■ «Der Mensch bereist die Welt auf der Suche nach dem, was ihm fehlt. Und er kehrt nach Hause zurück, um es zu finden.» (George Moore, 1852–1933) ■ «Was ich beim Reisen am meisten liebe, ist das Erstaunen bei der Rückkehr. Es verklärt die albernsten Menschen und die nichtigsten Dinge.» (Henri Stendhal, 1783–1842) ■ «Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat haben.» (Theodor Fontane, 1819–1898)

    Brot.
    Legende: Ein Duft, eine Umarmung, ein Dialekt. Imago/Müller-Stauffenberg

    «Henri Stendhal, denn: Es gibt eine Romantik des Fernwehs, die irrt, und es gibt eine des Heimwehs, die es nicht minder tut. Und dennoch sagt einem das Heimkehren, dass ein Duft, eine Umarmung, ein Dialekt zu jenen Dingen gehörten, in denen man wurzelte, als Heimkehrer wurzelt man mit Freude selbst im Banalen

  • 12. Die Reise zu sich selbst

    ■ «Reisen ist, in jedem Augenblick geboren werden und sterben.» (Victor Hugo, 1802–1885) ■ «Was wunderst du dich, dass deine Reisen dir nichts nützen, da du dich selbst mit herumschleppst?» (Sokrates, 470–399 v. Chr.) ■ «Das Reisen führt uns zu uns zurück.» (Albert Camus, 1913–1960)

    Ein Mann mit Koffer an einem Bahnsteig.
    Legende: «Man muss in die Ferne gehen, um zu sich zu kommen.» Imago/Ralph Peters

    «Albert Camus. Das Paradoxons des Reisens: Man muss sich verlieren, um sich zu finden, muss in die Ferne gehen, um zu sich zu kommen, Wesentliches trennt sich vom Beiläufigen, Bleibendes vom Flüchtigen, also kommt man an, indem man sich fremd wird und sich aus diesem Winkel desto besser erkennt.»

Literaturhinweis: Roger Willemsen: «Die Enden der Welt». Fischer, Frankfurt am Main 2010

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