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Selbstbild und Selfies «Bitte bitte, liket mein Bild!»

Hat die Selfie-Kultur die Jugendlichen selbstverliebt gemacht? Oder scheu? Forscherinnen und Teenager geben Auskunft.

Legende: Video Dok-Film «Generation Selfie» abspielen. Laufzeit 51:30 Minuten.
Aus DOK vom 31.01.2019.

Lesedauer: 7 Minuten

Erwachsene unterscheiden: Es gibt eine virtuelle und eine wirkliche Welt. Jugendliche machen diese Trennung nicht mehr, sie sind mit den sozialen Medien aufgewachsen.

Das sagt Shpresa Kozhani. Die Kommunikationswissenschaftlerin erforscht, wie sich Bilder aus Instagram, Whatsapp und Snapchat auf die Körper- und Selbstwahrnehmung von Kindern und Jugendlichen auswirken.

Ein junger Mann sitzt auf einem Fahrrad und nimmt mit einem Smartphone ein Bild von sich auf.
Legende: Fotos mit Folgen: Perfekt inszenierte Selfies können den Schönheitsdruck steigern – für andere, aber auch für den Fotografierten selbst. Antoine Geiger

Die unentbehrliche Kommunikation

Gerade weil das virtuelle und reale Leben verschmelzen, sei auch die Kommunikation mit Bildern in den sozialen Medien für Jugendliche so wichtig, sagt Kozhani. Sie ist sicher: «Das hat Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung.»

Forschungsprojekt «Generation Smartphone»

Acht Erwachsene und acht Jugendliche aus der Deutschschweiz haben gemeinsam zur Smartphone-Nutzung von 30 Jugendlichen geforscht. Die Studie war qualitativ angelegt: Nicht Zahlen, sondern Aussagen der Jugendlichen zählten. Daten wurden etwa anhand von Whatsapp-Tagebüchern, Fragenbogen und Interviews erhoben.

Zahlreiche Ergebnisse sind dabei herausgekommen. Zum Beispiel, dass viele Jugendliche gegenüber dem Smartphone ambivalente Gefühle haben («es ist mein bester Freund und mein grösster Feind»). Oder dass Jugendliche ihre Smartphones sehr unterschiedlich nutzen, zum Beispiel je nach Alter: Vor allem jüngere Jugendliche spielen Games auf dem Smartphone, ältere Jugendliche verwenden es oft für die Schule.

«Generation Smartphone» war ein Kooperationsprojekt der FHNW und der ZHAW unter Mitarbeit der Medienfalle. Die Resultate wurden 2018 publiziert. Zur Studie., Link öffnet in einem neuen Fenster

In diesem Artikel berichten vier Jugendliche, die am Forschungsprojekt teilnahmen, über ihren Umgang mit Selfies.

Selfies stehen oft unter Beschuss: Zu viele gäbe es davon, sie stünden für Selbstverliebtheit, gar Narzissmus, lauten die Vorwürfe. Und: Filter und Bildbearbeitungsprogramme, die den Teint ebnen, die Figur verschlanken und Augen vergrössern, würden die Realität verzerren.

Nadja, 17 Jahre

«Mein letztes Selfie habe ich vor ein paar Stunden gemacht. Ich habe es aber nur einer Person per ‹Snap› geschickt. Selbstdarstellung ist mir nicht mehr wichtig.

Früher war das anders. Da habe ich schon auch Selfies gepostet und mich gefreut, wenn ich Likes und Kommentare dafür bekam. Und ich war enttäuscht, wenn es wenige oder keine gab. Dann habe ich das Bild wieder gelöscht. Es ging darum, möglichst viele Likes und Kommentare zu generieren. Sodass alle sehen konnten: Aha, die ist beliebt!

Natürlich wusste ich, dass das keine echte Anerkennung ist. Manche Leute haben bei mir Bilder kommentiert, mit denen ich im echten Leben nicht einmal geredet habe. Wenn die dann in einem Kommentar geschrieben haben: ‹Wow, mega schönes Bild›, dann wusste ich, sie tun das nur, damit ich bei ihnen auch kommentiere. Es ist ein Tauschhandel.»

Das Bearbeiten des eigenen Aussehens ist nicht nur ein Jugendphänomen. Auch Erwachsene nutzen die sozialen Medien, um ihr Leben perfekt zu inszenieren.

Aber bei Jugendlichen können diese Inszenierungen stärkere Auswirkungen haben, sagt Sarah Diefenbach, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Zwei weibliche Teenager sitzen auf einer Mauer und nehmen Selfies von sich auf.
Legende: Es gibt immer jemand, der sich besser inszeniert: Vor allem bei jungen Mädchen besteht das Risiko, dass sie durch das Posten von Selfies ihr Körperbild negativ beurteilen. Antoine Geiger

Gefährliche Inszenierung

Sarah Diefenbach erklärt: «Jugendliche befinden sich in einer sensiblen Phase der Identitätsfindung. Wenn man sich in den sozialen Netzwerken mit anderen Menschen vergleicht, ist das im Vergleich zu früher, wo es diese Medien noch nicht gab, gefährlicher.»

Denn es gebe immer jemanden, der einen nochmals übertrumpfe. Zudem lasse sich oft nur schwer abschätzen, wie wirklichkeitsnah oder verzerrt die Selbstdarstellung des anderen ist.

Leonie, 19 Jahre

«Der Begriff ‹Generation Selfie› passt mir nicht. Er tut so, als würden wir alle mit dem Handy vor dem Gesicht rumlaufen und uns pausenlos fotografieren. Dabei nutzen wir das Smartphone für viele andere Dinge.

‹Generation Social Media› wäre passender. Ich bin zum Beispiel auf Instagram, aber ich mache praktisch keine Selfies von mir. Es interessiert mich nicht, was Leute im Internet von mir denken. Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht selbstbewusst genug, um ein Bild von mir zu posten. Ich bin lieber im echten Leben zufrieden mit mir und meinem Charakter.

Klar gibt es Leute, die wenig Selbstbewusstsein haben und die versuchen, Anerkennung per Social Media zu bekommen. Aber ich habe auch Kolleginnen, die analog sehr selbstbewusst sind und Freude daran haben, Bilder von sich zu posten. Sie wissen: Hey, hier sehe ich gut aus! Und das ist ja auch keine Schande. Im Gegenteil, ich finde das souverän. Und es zeigt: Die Social Media Nutzung ist individuell. Unsere Generation ist divers.»

Wächst der Druck, perfekt aussehen zu müssen, kann das Folgen haben. Es gibt Studien, Link öffnet in einem neuen Fenster, die belegen: Vor allem bei jungen Mädchen besteht das Risiko, dass sie durch das Posten von Selfies ihr Körperbild negativ beurteilen.

Selfies propagieren zudem oft ein (hetero-)normatives Bild von Menschen – weisse, schöne, fitte Menschen.

Raffael, 18 Jahre

«Ich bin kein Fan von Selfies. Aber klar, auf Snapchat verschicke ich schon Bilder von mir an Kollegen. In meiner Klasse sind es vor allem die Jüngeren, die Selfies posten und auf Likes hoffen. Eine Kollegin von mir hat mal ein Selfie gepostet, danach ist sie in der Klasse rumgegangen und hat um Likes gebettelt: ‹Bitte, bitte liket mein Bild.›

Manche benutzen Filter, die einen schöner machen: Grössere, leuchtendere Augen, makellose Haut. Ich finde das schade. Das hat niemand nötig.

Ich finde es toll, wenn Leute echte Bilder von sich posten und dazu stehen, wie sie aussehen. Das nimmt einem den Druck: Alle dürfen so aussehen, wie sie aussehen – niemand muss perfekt sein, um sich zu zeigen. Auch das ist eine Seite von Social Media. Wir gehen offen mit dem Thema Körper um, wir sind aufgeklärter. Wir wussten, was in der Pubertät auf uns zukommt, bevor es so weit war.»

Die Folgen des einseitigen Menschenbildes, das Selfies zeichnen, können Cybermobbing sein. Oder chirurgische Eingriffe, die auf den Schönheitsvorstellungen eines Snapchat-Filters beruhen.

Ist das Selfie also ein Teufelswerkzeug? Sicher nicht nur. Denn solche Beispiele sind drastisch und nicht an der Tagesordnung.

Es komme darauf an, wie ein junger Mensch im Leben steht, sagt Wirtschafspsychologin Sarah Diefenbach. Das heisst: Eine Jugendliche kann sich in den sozialen Medien verlieren, gerade weil sie beispielsweise eine depressive Verstimmung hat – und nicht unbedingt umgekehrt.

Finni, 17 Jahre

«Die Bezeichnung ‹Generation Selfie› klingt narzisstisch. Vielleicht sind wir das ja auch. Auf Social Media geht es vor allem um Selbstdarstellung. Man kann ein Bild von sich posten und dieses quasi ausmalen wie man will.

Ich glaube, dass man das eigene Körperbild anders wahrnimmt, wenn man ständig von Fotos perfekter Körper umgeben ist. Man fühlt sich dann schlechter im eigenen Körper. Gerade bei jungen Frauen kann das ein Auslöser sein, dass man mit sich selber unzufriedener ist.

Es ist auch schwer, sich davon zu distanzieren. Schliesslich ist das Smartphone unser Ebenbild. Unser Arm ist quasi die Nabelschnur, die uns mit dem Smartphone verbindet. Es ist perfekt auf uns angepasst. Drum ist es auch so tragisch, wenn wir es verlieren – als würde uns ein Körperteil abgehackt!»

Die extremen Folgen von Selfies sind nicht der Normalfall. Dazu kommt: Das Phänomen ist noch jung, und die Forschung dazu steckt noch in den Kinderschuhen. «Meistens beginnt man bei der Erforschung eines neuen Phänomens mit den negativen Punkten», sagt Shpresa Kozhani.

Selfies helfen bei der Selbstfindung

Gerade in der Phase der Identitätsbildung können Jugendliche Selfies auf eine positive Weise nutzen, sagt Kozhani: «Man kann damit spielen und die eigene Identität bilden, auch mal Reaktionen testen.» Selfies als Hilfe für die Selbstfindung.

Jungendliche sitzen am Boden und Blicken in Smartphones.
Legende: Mehr als reiner Narzissmus: Indem Jugendliche ihr eigenes Auftreten im Netz selber gestalten, erarbeiten sie sich auch eine Medienkompetenz. Antoine Geiger

Rahel Heeg geht noch einen Schritt weiter. Die Soziologin hat das Forschungsprojekt «Generation Smartphone» geleitet. Sie erklärt: «Die Jugendlichen lernen, ihre Selbstdarstellung bewusst zu managen.»

Indem sie ihr eigenes Auftreten im Netz selber gestalten, erarbeiten sich junge Menschen eine wertvolle Medienkompetenz. Denn die Tatsache, dass man durch die Selfies gesehen und bewertet wird, spüren die Jugendlichen ständig – egal ob sie den Raum als virtuell oder real wahrnehmen.

Sind wir Suchties? Jein! – Tipps und Strategien der Jugendlichen

Nadja:

Wenn ich mit Freunden esse, machen wir manchmal einen «Handystapel». Alle schalten ihr Smartphone auf stumm und legen es in die Mitte auf den Tisch. Wer zuerst nach seinem Smartphone greift, hat verloren und muss zum Beispiel ein Getränk bezahlen.
Raffael:
Wer ein Bild von sich postet, muss damit rechnen, dass auch negative Kommentare kommen können. Es gibt halt Leute, die aus purem Frust so kommentieren. Das sind bestimmt nicht deine Freunde. Man darf das nicht persönlich nehmen. Sogar Victoria-Secret-Models haben negative Kommentare unter ihren Bildern.
Finni:
Bei Bildern gilt die Faustregel: Poste nur, was du auch deiner Oma zeigen würdest. Und weil ich selbst genervt davon war, wie abhängig ich vom Smartphone bin und von all den Verlockungen, die es mit sich bringt, habe ich nun keines mehr. Ich habe jetzt wieder ein altes Nokia und fühl mich befreit.

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