Die Bundesverfassung wird 165 Jahre alt – und kaum einer feiert

Am 12. September 1848 trat die Schweizerische Bundesverfassung in Kraft und begründete eine Staatsform, die es in den umliegenden Ländern nicht gab und die vielen damals als «spektakulär und revolutionär neu» galt.

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Der Weg zur Bundesverfassung von 1848

2:10 min, vom 11.9.2013
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Claude Longchamp

Politikwissenschaftler und Historiker, Institutsleiter gfs Bern, Lehrbeauftragter der Universitäten St. Gallen, Zürich und Bern.

Fragt man Historiker, die sich alle mit Schweizer Geschichte beschäftigen, nach der Bundesverfassung, dann wird schnell klar: Die Bewertung der historischen Fakten ist unterschiedlich. Es herrscht jedoch Einigkeit darüber, dass die Verfassung der «grosse Wurf» des 19. Jahrhunderts ist, auf den die Schweiz eigentlich stolz sein könnte. Die Bundesverfassung sei wegweisend für die politischen Prozesse zur Neuorientierung bis weit ins 20. Jahrhundert, befindet Claude Longchamps.

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Thomas Buomberger

Freier Journalist und Historiker, Projektentwickler, Buch- und Filmautor, aktuell Leiter eines Projekts zum 1. Weltkrieg.

Ein geglücktes Stück Schweizer Geschichte

«Eine alte behäbige Struktur mit einer Tagsatzung und unfähig zur Reform» (Thomas Buomberger), sei abgelöst worden «durch eine neue staatsbildende liberale Demokratie nach amerikanischem System mit zwei Kammern» (Jakob Tanner), also mit einer staatstragenden Gewaltenteilung. Darin unterschied sich die Schweiz von Beginn an von anderen Ländern: Sie verzichtete auf eine zentralistische Allmacht.

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Jakob Tanner

Ordinarius für Allgemeine und Schweizer Geschichte am Historischen Seminar und der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich.

Die Schweiz sei damals fast beneidet worden, die Bundesverfassung galt als «revolutionär neu und einmalig». Eine solche Reform sei «auch für die liberalen Kräfte Europas ein grosses Anliegen gewesen aber nicht gelungen, weil der Bruch von einer monarchistischen Staatsform mit einer starken konservativen Aristokratie nicht geleistet werden konnte.» (Thomas Maissen)

Die historischen «Treiber»

So unselig und bitter der Sonderbundskrieg auch gewesen ist erinnern Historiker daran, dass er mit 86 bis 150 Toten, im Verhältnis zu vergleichbaren Bürgerkriegen, ohne grosses Blutvergiessen ausgekommen sei. Der amerikanische Sezessionskrieg habe zum Beispiel 620'000 Tote gefordert.

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Sonderbundskrieg

1845 schlossen sich die Innerschweizer Kantone sowie Freiburg und Wallis zum Sonderbund zusammen, um sich gegen die Freischarenzüge zu wehren und ihren katholischen Glauben gegen die reformierten Kantone zu verteidigen. Nach der Niederlage gegen das eidgenössische Heer kapitulierte der Sonderbund. In der Folge entstand 1848 die Bundesverfassung.

Die Folge des Sonderbundskriegs war die Bundesverfassung, die die Schweiz zu einem Bundesstaat einte.

Die «Gewaltentrennung im Zwei-Kammern-System, die Unabhängigkeit der Gerichte, die Rechtsvereinheitlichung im Bundesgericht» (Longchamp) seien weitere Faktoren für die gelungene Errichtung eines Bundesstaates gewesen.

Es seien in ihr «Selbstverständlichkeiten festgeschrieben» worden, womit sich viele einverstanden erklären konnten. Und die Unterlegenen des Sonderbundskriegs seien berücksichtigt worden. Es ist keine Verfassung der Sieger: «Von daher gibt es auch keine Denkmäler – eher Grabsteine.» (Tanner)

Durch die Bundesverfassung wurde in der Schweiz ein einheitlicher Wirtschaftsraum etabliert und der beginnende Aufschwung «hat die Menschen schnell aus der Armut geführt, Spitzenwerte sind erreicht worden, es gab rasch mehr Ein- als Auswanderungen.» (Jakob Tanner)

Konfliktdeeskalation als Staatsstruktur

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Thomas Maissen

Historiker, Direktor des DHI Paris, Verfasser der «Geschichte der Schweiz» und «Schweizer Geschichte im Bild».

Schlicht «genial» ist für Thomas Buomberger und Thomas Maissen die Tatsache, dass die Konflikt-Deeskalation in der Staatsstruktur verankert wurde, «pragmatisch sehr klug». (Maissen) Eine Meinung, der sich auch Longchamp und Tanner anschliessen.

Das Zweikammernsystem garantierte die Souveränität der Kantone, so dass hier für die Unterlegenen des Sonderbundskrieges eine Chance zur Eigenbestimmung verfassungsgemäss verankert wurde mit «souveränen Kantonen». Die Verfassung ermöglichte «religiöse und sprachliche Freiräume, sie ist pluri-kultural». (Longchamp)

Thomas Maissen formuliert das anders: «Der Föderalismus wurde durch das Zweikammernsystem im Parlament abgebildet. Der Föderalismus bewahrte den Schein der Souveränität der Kantone. Souverän ist, wer die Kompetenz hat, also entscheidet, wer was entscheiden kann. Das war seit 1848 der Bund.»

Originär schweizerisch

Undatiertes Erinnerungsblatt von Johann Jakob Leuthy zur ausgesprochenen Annahme der neuen Bundesverfassung Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Undatiertes Erinnerungsblatt zur ausgesprochenen Annahme der neuen Bundesverfassung Keystone

Wegweisend bis heute ist das Kollegialsystem, das den Bundesrat auszeichnet. Das ist das «einzig wirklich originär Schweizerische», wie Claude Longchamp sagt. Das gebe es sonst nirgendwo, dass unterlegene Parteien in der Regierung vertreten seien und dass nicht ein einzelner Präsident den Ton angebe, sondern ein repräsentativer Querschnitt durch die Bevölkerung.

Eine breitere Akzeptanz und Identifikation der Bürger werde durch dieses System ermöglicht. Dies sei zwar erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Zauberformel etabliert worden, nehme aber 1848 seinen Anfang. Man könne daran sehen, dass solche Prozesse über Generationen gehen.

Tiefe Verletzungen

Reibungslos verlaufen diese Veränderungen selten. Der Nachhall bei den unterlegenen Zentralschweizer Kantonen habe lange angehalten. Claude Longchamp zitiert seinen Freiburger Historikerkollegen Urs Altermatt, der in diesem Zusammenhang von «Ghettoisierung» sprach. Die Verletzungen seien so tief gewesen, dass sie über Generationen nur langsam überwunden werden konnten.

Thomas Maissen sieht das hingegen völlig anders: «Die katholischen Kantone zelebrierten ihre Niederlage, sie schmückten das Ghetto mit einem Trauerflor aus und konnten katholisch-konservativ sein bis über die Ohren – bis der reformierte Pfarrerssohn Christoph Blocher und die SVP diese Klientel ins national-konservative Lager hinüber zogen.»

David und Goliath

Einig sind sich die Historiker dahingehend, dass bis 1891 kein 1. August gefeiert wurde, erst die Feier der Stadt Bern, die 1891 ihren 700. Jahrestag beging, liess den Ruf nach einem nationalen Fest laut werden. Man habe sich auf den 1. August geeinigt, um damit den Helden der Innerschweizer Kantone Wilhelm Tell zu feiern, um die Mythen der Innerschweiz zu integrieren, um die alten Geschichten aus dem Sonderbundskrieg zu begraben.

Es sollte nicht noch zusätzlich der Tag der Sieger, sondern ein identitätsstiftender Tag der Verlierer gefeiert werden, um der «Ghettoisierung» entgegen zu wirken: «Goliath ist auf David zugegangen.» (Longchamp)

Und heute?

Könnte die Bundesverfassung als exemplarisches Beispiel für Länder gelten, die ethnisch, kulturell und religiös zersplittert sind? Länder, die in polarisierten Lagern verfeindet nach einer politischen Lösung suchen?

Thomas Buomberger findet die Frage nach Analogien, also den Versuch die religiösen Differenzen von damals mit heutigen Glaubenskriegen oder ethnischen Auseinandersetzungen in Beziehung zu setzen «rundheraus Blödsinn». Die Verhältnisse seien gänzlich andere, man könne «historische Kontexte nicht 1:1 in aktuelle Konzepte überführen.» (Maissen)

Die Schweiz sei damals in einer gänzlich anderen politischen Situation gewesen als einige Länder Nordafrikas und Arabiens heute. In denen stünden demokratische Glaubenskräfte gegen korrupte Militärregime auf. Die aktuellen fundamentalistischen Auseinandersetzungen mit einer langen Tradition an gegenseitigen Verletzungen und ungezählten Opfern können kaum analog gesetzt werden.

Der Clou

Am Schluss besteht jedoch bei den vier Historikern die Überzeugung: Wenn man nur die grundsätzliche Konfliktstruktur der Situation in der Schweiz im Jahr 1848 anschaue, dann sei es gelungen, die Koexistenz verschiedenster politischer, kultureller und religiöser Lager in einer Verfassung zu ermöglichen.

«Der Clou war, dass in einer säkularen Verfassung keine Religion und keine zentralistische Regierung festgeschrieben wurde, sondern durch die Formulierung von Freiräumen politisch integriert wurde.» (Longchamps)

Dies sei deeskalierend gewesen, denn es könne in einem Land, das nur von Siegern dominiert werde, auf Dauer keinen Frieden geben. Diese Erkenntnis könne heute noch wegweisend sein.

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Der Freisinn und seine Gegner - «Sternstunde Philosophie» vom...

57 min, vom 29.8.2013

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