Pension als Sinnkrise: Was bleibt, wenn die Arbeit wegfällt?

Es ist der 9. April 1971, ein Karfreitag, das Schweizer Fernsehen sendet ein Fernsehspiel. Herr Keller geht in Pension – und das Entsetzen steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er stürzt in eine Krise, mit ihm seine ganze Familie: Endlich haben sie Zeit füreinander. Anzufangen wissen sie nichts damit.

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Archivperlen

Das Archiv von SRF ist ein fulminanter Fundus, ein audiovisuelles Gedächtnis, in Schwarz-weiss oder Farbe, analog oder digital. Wichtiges und Unwichtiges, Überholtes und allzeit Gültiges, Alltag und grosse Weltgeschichte.

Im Player von SRF sind eine Vielzahl von «Perlen», die Ihnen online zugänglich sind sowie im Archivkanal auf Youtube.

Der Film «Fünfundsechzig: Die Rente» hat eine All-Star-Besetzung: Geschrieben hat das Fernsehspiel Alfred Bruggmann, inszeniert hat es Franz Matter, und Wolfgang Büttner spielt den Walter Keller.

Die Geschichte setzt ein bei der verlogenen Abschiedsfeier von dem Angestellten Walter Keller, der in Pension geht. Der verhasste Abteilungsleiter hält eine Rede. Ein Toast wird ausgebracht: «Auf die Zukunft.»

Walter Keller steht das Entsetzen in den Augen. 51 Jahre hat er der Firma «treu gedient, praktisch nie gefehlt. Aber ab heute werden Sie uns fehlen. Viel Glück! Geniessen Sie den wohlverdienten Ruhestand, die hohe Direktion lässt sich auch von Ihnen verabschieden.»

Der Autor Bruggmann zitiert die Sätze, die ein Berufsleben lang Sinn stiften und bringt die Sinnblase zum platzen: das «treue Dienen», der «wohlverdiente Ruhestand». Worthülsen.

«Auf die Freiheit!»

Es gibt Augenblicke in diesem Fernsehspiel, die sind selbst nach 45 (!) Jahren vernichtend wahr: Wenn Walter Keller nach Hause kommt, angedudelt, mit einem Strauss Blumen und krampfhaft Frohsinn verbreitend, dann bringt auch er einen Trinkspruch aus:

«  51 Jahre Arbeit liegen hinter mir und vor mir liegt ... vor mir liegt die Freiheit. Auf die Freiheit! »

Von heute aus gesehen ist dieses Fernsehspiel eine präzise Studie eines Mannes, der 51 Jahre «gedient» und alles um sich vergessen hat, seine Familie und sich selbst. Jetzt steht er vor etwas, das er Freiheit nennt und das blanke Nichts meint.

Seine Frau war jahrelang daheim, klassische Rollenaufteilung. Auch ihr Leben wird sich mit der Pension ändern. Ihre Schwiegertochter fragt sie: «Freust du dich nicht?» Frau Keller erwidert: «Ja, doch. Ich habe mich jahrelang darauf gefreut, jetzt habe ich Angst davor.»

Nahaufnahme des Schauspielers Wolfgang Büttner, schwarzweiss Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wolfgang Büttner spielt im Fernsehspiel «Fünfundsechzig» einen Mann, der in eine tiefe Lebenskrise stürzt. SRF

«Ich habe mich für die Familie geopfert»

Die Kellers haben sich vor Jahren aus den Augen verloren. Jetzt müssen sie wieder lernen, miteinander zu leben. Später werden sie den anderen verantwortlich machen dafür, dass ihnen ihr eigenes Leben entglitten ist. Sie werden die Sätze sagen wie: «Ich habe das alles doch nur für euch gemacht.» Oder: «Ich habe mich für die Familie geopfert.»

Das Fernsehspiel beschreibt verschiedene Phasen des Niedergangs: den verkrampften Frohsinn, die Resignation, die Wut, den schleichenden Verlust von Struktur und Sinn.

Rentner – was nun?

Das Thema «Pension als Sinnkrise» ist damals in den 70er-Jahren neu. In den 80ern ist die Problematik erkannt. Es gibt Berichte über die innerfamiliären Konflikte, über Ehekrisen, über die ganz einfache Frage: Rentner – was nun? Das Thema bleibt ein Dauerbrenner bis heute, mit Initiativen wie etwa «Rent a Rentner».

Heute versucht man der Pension als grosse Sinnkrise vorzubeugen. Das machen Unternehmen, indem sie versuchen, ab Anfang 50 die Mitarbeitenden vorzubereiten. Aber die grosse Sinnfrage bleibt. Eine Beraterin beschreibt diesen Moment so: «Das ist, als ob man zu einem Marathonläufer mittendrin sagt: ‹Bleib mal stehen!›»

Es gibt die Klugen, die beizeiten vorgesorgt haben, die hat auch die Sportmittelindustrie entdeckt. Und es gibt die, die noch eine Aufgabe haben und in einer funktionierenden Partnerschaft leben. Es gibt aber auch die, die das Thema vor sich her schieben. Fachleute warnen seit Jahren vor der Grenzsituation «Pensionierung», die von der emotionalen Belastung her mit dem Verlust eines geliebten Menschen vergleichbar sei. Die Entwicklung der letzten 20 Jahren habe das noch verschärft: Motivierte Mitarbeiter sind gefragt, die sich identifizieren und engagieren mit Haut und Haaren. Arbeit als Sinnstifter habe so einen fast religiösen Status erlangt. Abgeklärter kann man sagen: Sie ist zumindest probates Mittel, unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen. Wie zum Beispiel: Was macht eigentlich Sinn im Leben?

Der Chef einer Werbeagentur hat Ende 2015 auf «Spiegel Online» einen Artikel zur Work-Life-Balance veröffentlicht: 10 Tipps fürs entspannte Berufsleben. Das sind quasi seine «Zehn Gebote», wie ein Geschäft erfolgreich zu führen sei. Er hat daraufhin eine Flut von Mails erhalten. Der Tenor fast aller Mails ist derselbe: Gebot Eins bis Neun haben alle geschaft, nur das Zehnte Gebot mache Probleme. Es lautet: «Liebe deine Familie. Aber nie deinen Job.»