Unglaublich, wie sehr sich der Begriff «Identität» verändert hat

1. Februar 1968. Am Zürcher Schauspielhaus ist Premiere – Max Frischs «Biografie: ein Spiel». Frisch stellt darin die Frage nach der Identität. Die heutige Sicht auf diesen Begriff ist ganz anders. Sie spiegelt die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten 50 Jahre wider.

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Archivperlen

Das Archiv von SRF ist ein fulminanter Fundus, ein audiovisuelles Gedächtnis, in Schwarz-weiss oder Farbe, analog oder digital. Wichtiges und Unwichtiges, Überholtes und allzeit Gültiges, Alltag und grosse Weltgeschichte.

Im Player von SRF sind eine Vielzahl von «Perlen», die Ihnen online zugänglich sind sowie im Archivkanal auf Youtube.

Max Frisch stellt in seinem Stück «Biografie: ein Spiel» die existentiellen Fragen: Was ist Biografie? Was ist Identität? Wie frei ist der Mensch? Das ist sein Thema wie schon in «Gantenbein», «Stiller», «Homo Faber».

Die zweite Chance im Leben

Die Hauptfigur erhält die Chance, ihr Leben zu ändern. Wie in einem Schachspiel kann sie einen Zug zurück nehmen, um ihrem Leben einen anderen Verlauf zu geben. Frisch hat ein Experiment geschrieben: Wie geht der Mensch mit der zweiten Chance um?

Frisch zeigt, dass vieles im Leben eher von Zufällen abhängt als von einem sinnstiftenden Plan. Wir haben immer die Wahl. Allerdings ist keine radikal neue Biografie möglich, noch nicht einmal ein radikaler Richtungswechsel scheint möglich – nur kleine Variationen. Verkürzt gesagt, bleibt der Mensch im grossen Ganzen auf dem einmal eingeschlagenen Lebensweg.

Und heute?

Biografien sind heute gestaltbarer, als es sich Frisch in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Biografie heisst ursprünglich Lebensbeschreibung. Diese Beschreibung ist die Identität. Heute werden Leben täglich umgeschrieben.

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Buchhinweis

Eric Lippmann: «Identität im Zeitalter des Chamäleons», V&R 2013

Eric Lippmann beschreibt in seinem Buch «Identität im Zeitalter des Chamäleons», wie viel sich verändert hat, wenn es um Biografie und damit Identität geht. Die Möglichkeiten haben sich exorbitant vervielfacht, schreibt Lippmann.

Die Multi-Options-Gesellschaft

Früher hatte man einen Job, einen Partner, einen Heimatort. Die soziale Herkunft zeichnete Wege vor. Die von Frauen im Besonderen. Heute: alles anders.

Mann geht durch ein Labyrinth aus hochkant aufgestellten Papierbögen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Biografie heisst Lebensbeschreibung. Heute wird sie jeden Tag aufs Neue umgeschrieben. Reuters

Die Möglichkeiten, radikale Richtungswechsel vorzunehmen, sind ständige Option: Deshalb spricht man von Multi-Options-Gesellschaft. Biografien haben heute zahlreiche Brüche. Das gehört mittlerweile dazu.

Was einem in den 60er-Jahren noch zum Nachteil gereicht, ist heute chancensteigernd auf einem Arbeitsmarkt, auf dem Flexibilität ein hoch gehandelter Wert ist.

Identität muss heute tagtäglich neu bestimmt werden: Die alten Referenzpunkte Arbeit, Familie, Ethnie, Glauben, Besitz, soziale Herkunft sind weit weniger determinierend, als es bei Max Frisch noch den Anschein hatte.

Das digitale narrative Selbst

Das digitale Zeitalter hat eine neue Spielwiese eröffnet: virtuelle Identitäten. Eine niederländische Studentin geht vor wenigen Wochen auf eine Reise. Die gibt sie auf Facebook bekannt. Sie stellt Fotos von unterwegs ins Netz. Alles erfunden. Ihre Amsterdamer Wohnung hat sie nie verlassen.

Mann in Spiegelung vor einer Wand aus Videoscreens mit Frauengesicht stehend. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die virtuelle Welt als Spielwiese, als biografischer Sehnsuchtsraum. Reuters

Hat die Reise nun stattgefunden oder nicht? Alle haben sie geglaubt. Dokumentiert ist sie auch. Das ganze entpuppt sich als Experiment für ihre Examensarbeit. Zur realen Biografie kommen heute die virtuellen Identitäten.

Wenn man von der virtuellen Identität in die Wirklichkeit wechselt, kann das schon mal ins Auge gehen: Ein Kennenlernportal löscht eine Akademikerin gleich bei der Anmeldung, als sie bei Alter «50+» angibt. Danach macht sie sich zehn Jahre jünger.

Zweiter Anlauf der verjüngten Akademikerin: Sie kreuzt «40+» an. Klappt. Die beiden Doktortitel solle sie aber besser weglassen, das mache Männern unnötig Angst. Sagt der Algorithmus. Sie streicht die beiden Doktortitel und lernt nur Dünnbrettbohrer kennen, die ihr die Welt erklären. Blöd.

Ich bin, was ich glaube zu sein

Frau vor Zerrspiegel Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Identität setzt sich heute aus Teilzeitidentitäten, auch virtuellen, zusammen. Reuters

Identitäten werden erschaffen. Es zählt manchmal nicht, wer wir sind, sondern was wir gerne wären. Dieses digitale Sehnsuchts-Konterfei wird zum festen Bestandteil einer Biografie. Und viele glauben diesem Profil: Ich bin, was ich glaube zu sein.

Während sich die Stückfiguren bei Frisch auf einem vorgezeichneten Weg befinden, ist heute jeder seines Schicksals Schmied und probt schon mal im Netz.

Während der Begriff «Identität» bei Frisch noch im Singular existiert, ist er heute Plural. Teilzeitidentitäten. Vor Jahren stand auf einem Berliner Bretterzaun der Satz: Wer bin ich heute und wenn ja, wie viele?

Von heute aus gesehen ist Max Frischs Stück alt. Aber gerade in seiner Verstaubtheit fungiert es als formidabler Referenzpunkt, um zu begreifen, wie viel sich verändert hat. Wie turbulent unsere Zeit ist, in der alles machbar ist und auch machbar zu sein hat. Eine Zeit, in der sich ehemals sicher geglaubte Konstanten in Luft auflösen.

Das ist alles nur eine Generation her. Ein Höllentempo. Eigentlich unglaublich.