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Der Archivar Vor 50 Jahren: «Schund gehört verbrannt!»

Mai 1965. Jugendliche, die als Musterschüler gelten, schlagen Nasen blutig und Fensterscheiben ein. «Schund- und Schmutzliteratur» sei daran schuld, meint ein Lehrer und gründet ein Komitee. Erfolgreich: Der «Schund» wird eingesammelt und in Brugg verbrannt.

Ein VW-Bus fährt durchs Aargauische, auf dessen Dach Megaphone. Endlose Durchsagen: «Wildwest-Heftli, deutsche Illustrierte, Pornografisches» sollen zur Sammelstelle gebracht werden. Später werde der Schund verbrannt.

«Lassie», «Mickey Maus», «Paris Match», «Quick» aber auch «Der Werkmeister», eine unbedenkliche Handwerkerzeitschrift, werden abgegeben.

VW Bus mit Megafonen und der Aufschrift: «Kampf dem Schund».
Legende: 1965 – die Aktion für mehr geistige Sauberkeit im Kanton Aargau. Keystone

Initiant der Aktion ist der Badener Gewerbeschullehrer Hans Keller. Der begeistert Jugendliche für mehr geistige Reinheit. Was die unter Schund verstehen, ist nicht immer herauszubekommen. Einer meint, die «Defination» (nein, das ist kein Schreibfehler) habe ihnen Lehrer Keller gegeben, man möge den doch fragen.

An einem Samstag dann, bei Nacht, ein Fackelzug: Der Erziehungsdirektor spricht zur Heftliverbrennung – eine gespenstische Szenerie.

Der Jugendliche – das unbekannte Wesen

Monate vorher. Die Presse macht publik: Musterschüler mutieren zu Schlägern. Niemand findet eine Erklärung. Der Jugendliche – das unbekannte Wesen. Die «NZZ» schreibt am 7. April von einem «Franz, der seine Mutter ins Gesicht schlägt.» Zwei Tage zuvor hat er einem Klassenkameraden die Faust mitten auf die Nase gesetzt.

Dabei war der «liebe Franz» Monate zuvor ein Musterschüler: In der Singstunde «zeigte er sein weiches Gemüt», im Lager habe er seiner ganzen Klasse auf dem Klavier eine halbe Stunde lang vorgespielt.

Und jetzt das!

Wenig später ist der Franz mutiert von Dr. Jekyll zu Mister Hyde. Die Erwachsenen suchen händeringend nach Erklärungen. «Heftli werden in seinem Zimmer gefunden.» Zur Rede gestellt erklärt er: Er habe vielleicht «so 250 davon gelesen», und weil sein Taschengeld nicht ausreicht, habe er getauscht. Sie hätten gar einen Lesezirkel gegründet.

Erst jetzt fällt der Mutter auf, wie sich «seine Sprache über Monate verändert hat». Einmal habe sie etwas zu ihm gesagt und er habe geantwortet: «Quetsch deine Empfindungen nicht breit!» Jetzt hat die Mutter eine Erklärung für die garstigen Worte ihrer Leibesfrucht: Die Westernheftli sind schuld. Schund muss als Universalerklärung herhalten für das, was zwischen den Generationen knirscht. Und so brennt er dann, der Schund, in Brugg.

«Sittlich Gefährdendes» wurde immer wieder verbrannt

Grosses Feuer, Hefte werden verbrannt, Jugendliche davor.
Legende: Schund-Verbrennung in Brugg im Mai 1965. Keystone

Dem Schmutz und Schund soll bereits in den 1920er-Jahren etwas entgegengesetzt werden – mit Jugendliteratur herausgegeben vom Schweizerischen Jugendschriftenwerk. Dummerweise werden diese Hefte gerne getauscht – nicht nur, aber auch – im Verhältnis 2:3, zweimal Schund gegen dreimal Schriftenwerk.

«Sittlich Gefährdendes» wird immer wieder verbrannt – nicht nur in der Schweiz sondern auch in der DDR und in der BRD.

Der Schund erklärt aber doch nicht alles. Der deutsche Regisseur Wolfgang Becker erinnert 1993 an die frühen 60er-Jahre in seinem Film «Kinderspiele»: eine miefige Zeit, mit viel Prügel durch Eltern und Lehrer, Repression, Ratlosigkeit der aufkommenden Sexualität gegenüber.

Und heute?

Schund ist längst salonfähig geworden. Manche beklagen dies als Verramschen der Kultur. Ohne Bewertung lässt sich beschreiben, dass die klaren fundamentalen Abgrenzungen zwischen «U», «E» und Schund seit langem in Auflösung begriffen sind: In den 60er-Jahren hätte man wohl keinen Opernliebhaber in einem Musical oder Rockkonzert angetroffen, heute kaum noch ein Problem. Triviales, was früher bildungsbürgerliches Kopfschütteln ausgelöst hätte, gilt heute als «gehobene Badewannenliteratur».

Der Kulturbegriff hat sich verändert

«Pulp Fiction», heisst wörtlich übersetzt «Schund». Der Film lässt noch heute Filmafficionados ins Schwärmen geraten, dabei ist das gute Stück über 20 Jahre alt. Was früher gar nicht ging, bezeichnet man heute als «Trash». Das war anfänglich eine Anti-Ästhetik. Das «Anti» kann man sich mittlerweile sparen, «Trash» ist eine Marke. All das ist heute nicht mehr Bestandteil einer Jugend- sondern einer Erwachsenenkultur.

Die heutigen 40er und 50er sind auch die Popkulturellen und WG-Erfahrenen, die «Forever Young» sind. Deren Kulturbegriff ist ein radikal anderer als noch der, der in Brugg Heftli abfackelte.

Die heutige Jugendkultur hingegen tanzt schon mal Break-Dance zu Johann Sebastian Bach. Manch Alten gefällt's. Sie haben die Grenzen fundamentaler Geschmacksfragen überwunden, von denen die Jungen gar nichts mehr wissen.

Archivperlen

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