Alles ist gratis - nichts ist gratis

Man lockt uns in der Fussgängerzone mit Gratis-Drinks und im Netz winken Gratis-Reisen. Aber gratis ist das nicht, denn im Gratisangebot steckt immer auch eine klare Aufforderung zum Kauf. Und der Preis, den wir zahlen heisst Verführung.

Von der Rolltreppe aus schaut ein Mann mit Einkaufswagen herunter auf eine Menschenmasse, die vor einem Apple-Store wartet. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Menschenmasse steht in Rom für das neue iPhone Schlange: Hinter Gratis-Angeboten verbergen sich Knebel-Verträge. Reuters

Der Bummel durch die Einkaufszone, der Streifzug durch die Shopping-Mall, das Schlendern durch eine Bahnhofshalle: Alles ist heute ein Gang durch die Welt der Gratisangebote. Gratis ist das Handy beim Abo-Abschluss, gratis das Softgetränk an der Rolltreppe, gratis das Benzin für Tausende von Kilometern beim Autokauf. Gratis ist auch das Online-Inserat, gratis der Download von Filmen, gratis der Zugang zu allen möglichen Social Media.

Gratis ist überall

Nur hängt an jedem Gratisangebot eine Verführung, die wir vielleicht nicht wahrnehmen, die sich erst im Nachhinein zeigt. Beim Gratis-Handy ist es die knallharte Verführung zum Abschluss eines Abos mit langer Laufzeit, das Gratisangebot für Sportsendungen bedingt den Kauf eines Fernsehmodems, bei den unentgeltlichen Social-Media-Angeboten läuft das Werbebanner immer mit und schreit geradezu nach Beachtung.

Gratis ohne Gegenleistung gibt es nicht

Denn im heutigen Wirtschaftssystem ist das Geschenk nicht mehr eine Geste, eine Freundlichkeit, eine zuvorkommende Handlung. Es ist eben das «gratias agere», das vorangestellte Danke sagen für eine spätere Gegenleistung. So gesehen ist das Gratisangebot immer ein absichtsvolles, enthält in jedem Fall eine Aufforderung, eine Verführung - man will mich locken, will mich haben, will mich einbinden als Konsumenten. Und gratis ist ohnehin immer schon mit einberechnet in die Kosten für Marketing, für Werbung. Und in den Kalkulationen der Unternehmen ist das abgegebene Mitbringsel, das kleine Plus bereits mit einberechnet im Kaufpreis für das eigentliche Produkt oder Angebot.

Wir zahlen für gratis, in jedem Fall

Und deshalb hat gratis auch jede Unschuld, alles Spielerische verloren. Es geht eigentlich immer nur um das eine – um den Kauf. Beim Zugreifen bereits merken wir, in welcher Logik wir gefangen sind, welche Botschaft der gratis Softdrink für uns bereithält, so wie auch die Probe für ein neues Eau de Cologne. Das abgegebene Produkt spricht zu uns, wenn wir es zum Mund führen, wenn wir es sanft auf die Haut tupfen. Es sagt: Kauf mich.

Einzig einen Bereich gibt es, der ganz ausserhalb steht: Es sind die abgeblätterten Gartenmöbel, der zerschlagene Clubtisch, der zerbeulte Computer, die am Trottoirrand stehen mit dem Schild drauf «gratis abzugeben». Dieses gratis hat etwas Reines, etwas Unkomplizenhaftes, denn die Gegenstände, die da auf die Strasse gestellt werden, stehen ausserhalb des wirtschaftlichen Kreislaufs. Sie sagen einfach: Nimm mich mit. Hier wird gratis ganz einfach zu dem, was es in der Übersetzung bedeutet - unentgeltlich.