Ein kulturpolitischer Sündenfall? Wirbel um René Burris Archiv

Der international gefeierte Schweizer Fotograf René Burri hat sein privates Archiv dem «Musée de L'Elysée» in Lausanne übergeben. Die Westschweizer Medien freuten sich über diese grosszügige Leihgabe. Die Deutschschweiz fragt irritiert, warum das Archiv nicht an die «Fotostiftung Schweiz» ging.

Rene Burri bei der Pressekonferenz im «Musée de l`Elysée». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Burris Privatarchiv geht nach Lausanne. Der Nachhall in der Deutschschweiz über die Entscheidung ist gross. Keystone

So laut der Jubel in der Westschweiz auch zu vernehmen war, so sehr wundert man sich in der Deutschschweiz und fragt, ob nicht die «Fotostiftung Schweiz» der bessere Ort gewesen wäre für das Burri-Archiv.

 

Mit der «Fotostiftung Schweiz» verbindet René Burri eigentliche eine innige Geschichte, war es doch seine erste Frau, Rosallina Burri-Bischof, die 1971 die Stiftung mit gründete. Die älteste Fotoinstitution der Schweiz hat das Ziel, die wichtigsten Werke der Fotografie dem Vergessen entreissen und der Öffentlichkeit in Ausstellungen und Büchern zugänglich machen.

«Dinge müssen sich ergeben - wie in der Liebe»

René Burri, der eben 80 geworden ist und fast so berühmt ist wie Le Corbusier, den er porträtiert hat, hat für sein Archiv trotzdem dem «Musée de l'Elysée» den Vorzug gegeben. Mit der «Fotostiftung Schweiz» habe er schon so oder so enorm viel zu tun: «Dass das mit mir und der Fotostiftung nicht zustande gekommen ist, ist weder ein Fehler der Fotostiftung noch von mir, aber es ist wie in der Liebe, da müssen sich Sachen ergeben und hier ist es halt anders gelaufen.»

René Burri vor einer seiner Fotoserien, in diesem Fall vor den berühmten Fotos Che Guevaras. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Burris Ikonen finden sich bald in Lausanne wieder. Keystone

30'000 Bilder umfasst René Burris Archiv, das jetzt in Form einer privaten Stiftung ins «Musée de l'Elysée» kommt – als Dauerleihgabe für 20 Jahre. Zudem ist der Kanton Waadt grosszügig und zahlt der René-Burri-Stiftung jährlich 200'000 Franken für die Stelle eines Konservators, der das enorme Archiv aufarbeitet.

Das freut den preisgekrönten Magnum-Fotografen, obwohl er gleichzeitig ein bisschen bedauert, dass nicht die «Fotostiftung Schweiz» zum Handkuss gekommen ist.

Keine konkreten Verhandlungen

Der Direktor der «Fotostiftung Schweiz», Peter Pfrunder, ist allerdings erstaunt: Man habe in der Fotostiftung zwar gewusst, dass René Burri nach einer Lösung für sein Archiv suche, mit der Fotostiftung habe es jedoch «keine konkreten Verhandlungen gegeben».

Dass das René-Burri-Archiv nun ist Lausanne ist, ist für Peter Pfrunder kein Problem: Die Schweiz ist klein, die elektronischen Wege kurz und das Archiv des «Magnum»-Fotografen bleibt in der Schweiz. Natürlich sei es immer schön, grosse Namen zu haben – aber, so Pfrunder, nicht um jeden Preis.

Der kulturpolitische Sündenfall

Die Aufarbeitung eines Archivs ist eine riesige Arbeit – vom Konservieren bis zur Vermittlung. Da sind Investitionen nötig. Um das fotografische Erbe der Schweiz zu bewahren, erhält die «Fotostiftung Schweiz» vom Bund jährlich 1,2 Millionen Franken – in der Stiftung lagern über 70 Archive und Nachlässe.

Dass ein Kanton mit öffentlichen Kulturgeldern, immerhin 200'000 Franken, die Aufarbeitung eines Privat-Archivs eines Fotografen finanziert und die kommerzielle Vermarktung aber weiterhin über die Fotoagentur läuft, ist für Peter Pfrunder, den Direktor der «Fotostiftung Schweiz», ein kulturpolitischer Sündenfall – erst recht, weil es sich nur um eine Dauerleihgabe handelt.