Eine Enzyklopädie der Arbeit: Farockis filmisches Vermächtnis

Die Workshops von Harun Farocki waren bei jungen Künstlern auf der ganzen Welt gefragt. Nach seinem Tod ist nun sein letztes Werk an der Ruhrtriennale zu sehen. «Eine Einstellung zur Arbeit» ist aus dem Material von jungen Künstlern hervorgegangen. 60 Kurzfilme zum Thema Arbeit.

Frau sitzt in einem Naturkundemuseum auf einem Stuhl. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Arbeitsporträt: Eine Museumsaufsicht in Łódź bei der Arbeit braucht Konzentration und Sitzfleisch. Magda Kulak

Maximal zwei Minuten, keine Schnitte! Das war die Vorgabe, die Harun Farocki und seine Partnerin Antje Ehmann den jungen Medienkünstlern auf den Weg gaben, um Arbeit in ihrer Heimat darzustellen. So sind über 400 Kurzfilme in 15 Städten auf fünf Kontinenten entstanden, von Bangalore bis Buenos Aires: Zu sehen sind Fischer, Polizisten, Textilarbeiter, Verkäufer, Stadtplaner oder Museumswärter bei der Arbeit.

Passt perfekt ins Programm der Ruhrtriennale

Die erste Präsentation des Films «Eine Einstellung zur Arbeit» versammelt eine Auswahl von 60 Kurzfilmen. Sie sind zu sehen auf zehn Videoscreens in einem Saal im Essener Folkwang Museum im Rahmen der Ruhrtriennale.

Menschen stehen vor Filmleinwänden in einem Ausstellungsraum. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Antje Ehmann/Harun Farocki: Eine Einstellung zur Arbeit Installationsansicht Museum Folkwang, 2014. Ruhrtriennale/ Achim Kukulies, 2014

Diese Triennale ist die Dritte und Letzte von Heiner Goebbels. Der künstlerische Leiter setzt auch dieses Mal auf Grenzüberschreitung der Sparten: Film, Performance, Installation oder Musiktheater lassen sich in manchen Produktionen nur schwer auseinanderhalten.

Ein Künstler wie Harun Farocki, dessen Filme oft visuelle Essays sind, wandte sich der Videokunst zu, um damit ein noch genaueres Hinschauen zu erreichen. Sein aktuelles Projekt passt perfekt in das Programm.

Enzyklopädie der Arbeit

Trotz der engen Vorgaben für die jungen Filmer ist eine Fülle unterschiedlicher, oft überraschender Bildsequenzen entstanden: Eine Kamera beobachtet etwa die Arbeit eines Fischers unter Wasser. Eine andere blickt einem Arbeiter in einer Textilfabrik ins Gesicht. Worin genau seine eintönige Arbeit besteht, sehen wir nicht. Eine Frau zündet gebückt eine Kerze auf einem kleinen Altar an. Erst als sie aufsteht und die Kamera mit ihr hochfährt, sehen wir, dass sie an einer Ladentheke verkauft. Auf einer Wiese weiden Arbeiter Schrottautos aus. In einem Naturkundemuseum langweilt sich eine Wärterin, Architekten entwerfen am Computer einen neuen Stadtteil, dem eine Favela weichen muss.

Rio de Janeiro gehört mit seiner brachialen Umgestaltung im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft zu den Städten, in denen besonders spannende Filmdokumente entstanden sind. Im indischen Bangalore oder in Hanoi prallen gegensätzliche Lebensformen aufeinander. Aber auch unspektakuläre Videos, wie Bauarbeiter, die sich für ihre Arbeit umkleiden, können fesseln.

Eines der wichtigsten Themen von Harun Farocki waren die Bedingungen der Arbeit, ihre Formen und Inhalte. Insofern ist dieses Projekt, das auch weitergehen soll, wirklich ein Vermächtnis des verstorbenen Künstlers. Eine Art unendliche Enzyklopädie der Arbeit.