Festival für junge Fotografie Frische Blicke auf die Welt: Nachwuchsfotografen in Paris

In Paris findet zum 7. Mal das Festival der jungen europäischen Fotografie statt. Fünf Hingucker – auch aus der Schweiz.

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«Circulation(s)»

Das Festival für junge europäische Fotografie findet bis zum 5. März 2017 im Kulturzentrum 104 in Paris statt.

Es ist ein bewegtes Bild. In der Eingangshalle des Kulturzentrums «104» geben Jugendliche ihre Breakdance-Künste zum Besten.

Früher ein Bestattungsunternehmen, ist das «104» heute ein lebendiger Ort, wo der Pariser Bourgeois auf den Typen aus der Banlieue trifft – und wo seit 2011 jährlich das «Circulation(s)», ein Festival für junge europäische Fotografie stattfindet.

51 Künstler sind dieses Jahr geladen und stellen ihre Werke aus – unter ihnen auch vier Schweizer.

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Schweizer Fotografie

  • Aus Alltag wird in Sabine Weiss' Fotos Poesie: Die 92-jährige Fotografin ist international ein Star, hierzulande aber wenig bekannt. Ein Porträt.

Das Weltgeschehen im Fokus

Von dokumentarisch bis plastisch, von humorvoll oder ernst – die Auswahl des Festivals ist breit. Für Marion Hislen, Direktorin der Festivals, ist die Vielfalt «eine bewusste künstlerische Entscheidung, um ein möglichst breites Spektrum zu zeigen.»

Doch auch in der grossen Vielfalt fällt Marion Hislen eine Tendenz auf: «Die Fotos sind in diesem Jahr politischer geworden. Sie kommentieren das, was um sie herum geschieht. Sie kritisieren das Weltgeschehen.»

Hier deshalb eine Auswahl an jungen Fotografen, die die Welt aus einem spannenden Winkel zeigen – mal mit Augenzwinkern, mal mit ernsten Blick, immer mit Botschaft.

1. Ludovica Bastianini: «In your place»

Ein Mädchen mit einem Schleier aus Spitze. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ja zu sagen, ohne entscheiden zu können: Das ist für viele Mädchen Realität. («In your place» von Ludovica Bastianini») Ludovica Bastianini

Was, wenn Ihr minderjähriges Kind verheiratet würde? Diese Frage stellte sich die italienische Fotografin Ludovica Bastianini für ihr Projekt «In your place». Sie hat junge Mädchen in westlichen Modezeitschriften fotografiert – und mit Spitze aus der Garderobe ihrer Mutter versetzt.

«In your place» zeigt, was man nicht sehen will. Das Projekt ist ein politisches Statement, das eine ernste Tatsache in Erinnerung ruft: Denn weltweit werden über 13 Millionen Mädchen zwangsverheiratet.

2. Michele Borzoni: «Looking for a job»

Menschen auf Rängen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grossereignis Arbeitssuche: In diesen Rängen findet das Rennen um die Arbeitsplätze statt. Michele Borzoni

Um fit für den Arbeitsmarkt zu sein, braucht es heutzutage fast schon übermenschliche Kräfte. In Italien ist die Situation besonders hart. Über 3‘000‘000 Arbeitslose zählt das Land.

Das Ziel vieler Italiener ist deshalb ein Job bei der Regierung. Die beliebten Plätze sind aber rar. Das Rennen um die sicheren Jobs zeigt der italienische Fotograf Michele Borzoni in «Looking for a Job» – ein kritischer Kommentar auf die Arbeitswelt.

3. Stéphane Winter: «Die Winter»

Die Familie Winter verkleidet. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lustig sein vor der Linse, wenn der Sohn sie ablichtet: Das waren sich die Winters gewöhnt. Stéphane Winter

Im Kontext des Weltgeschehens werde seine Geschichte als eine schöne Integrationsgeschichte gedeutet, sagt Stéphane Winter. Doch der Westschweizer, der als 1-Jähriger aus Südkorea von zwei Schweizern adoptiert wurde, sieht in seinen Fotos jedoch vorallem die «positive Geschichte einer ganz normalen Familie».

Sein Projekt «Die Winter» ist eine Art unkonventionelles Familienalbum, das er mit 14 Jahren begonnen hat. Ein schräges, intimes Porträt einer Familie des 20. Jahrhunderts.

Stéphane Winters Fotos sind auch in der Schweiz zu sehen. Ab 7. April 2017 in der Coalmine in Winterthur.

4. Frédérique Bretin: «Je suis morte à Auschwitz et personne ne le voit»

Ein Moorgebiet bei Auschwitz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Düstere Landschaft mit dunkler Geschichte: Hier wurde die Asche der Holocaust-Opfer verstreut. Brétin Frédérique

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ist ein sichtbares Mahnmal des Holocaust. Doch statt das Offensichtliche zu fotografieren, hat die Französin Frédérique Bretin ein anderes Sujet gewählt: die Moorgebiete, wo während des Zweiten Weltkriegs die Überreste der Opfer des Konzentrationslagers verstreut wurden. Eine Fotografin, die da hinschaut, wo die meisten nicht mehr als Moor sehen.

5. Alan Knox: «Universal Sympathy»

Ein Foto, das mit Asche gemacht wurde. Es ist schwarz-weiss. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Keine Astronomie, sondern Asche: Für sein Projekt hat der Engländer die Überreste seines Grossvaters benutzt. Alan Knox

Himmlisch sind die Fotos von Alan Knox auf den ersten Blick. Schnell kehrt man jedoch auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn man erfährt, wie die Werke entstanden sind: Denn was wie Sternenstaub aussieht, ist die Asche seines verstorbenen Grossvaters. Der 21-jährige Brite hat aus seinen Überresten Kunst gemacht. «Universal Sympathy» ist ein bewegendes Projekt – eine packende Momentaufnahme der Endlichkeit.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 8.2.2017, 16.50 Uhr.