Hanna Bekker vom Rath zeigte heimlich «entartete Kunst»

Die Kunstsammlerin Hanna Bekker vom Rath setzte sich während der NS-Zeit für die Expressionisten ein: Sie vermittelte Werke ins Ausland und rettete damit wichtige Gemälde. Das Zentrum Paul Klee präsentiert ihre Sammlung in der Ausstellung «Zwischen ‹Brücke › und ‹Blauer Reiter ›».

1933 verbaten die Nationalsozialisten eine in Frankfurt geplante Ausstellung des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff. Spontan veranstaltete Hanna Bekker vom Rath die Schau in ihrem Haus in Hofheim. Die Sammlerin schätzte den Mitbegründer der Künstlergruppe «Die Brücke», und sammelte seine Werke seit einigen Jahren.

Die Ausstellung im kleinstädtischen Hofheim zog zwar einige Besucher an, verkaufen kann Hanna Bekker vom Rath aber nichts. Nur an sich selbst: Kurzerhand versetzte sie eine wertvolle Perlenkette ihrer Grossmutter, um ein Kunstwerk zu bezahlen.

Kunstbegeistert und engagiert

Zwei unbekleidete blaue Figuren kauern nebeneinander auf dem Boden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Gemälde «In der Daemmerung» (1912) des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff. Keystone

Hanna Bekker vom Rath hatte viel Gespür für künstlerische Qualität und einen wachen Blick für die politische Realität. Die Tochter einer wohlhabenden Frankfurter Familie setzte sich als Sammlerin und Vermittlerin für expressionistische Künstler ein. In den Jahren der Nazi-Diktatur wurde sie zur unerschrockenen Schutzpatronin für viele offiziell verfemte Kunstschaffende.

Eine Ausstellung im Zentrum Paul Klee in Bern offeriert einen Einblick in die hochkarätige Sammlung der Kunstfreundin. Der Termin der Ausstellung könnte günstiger kaum sein: Seit Wochen beschäftigt der Fund der Sammlung Gurlitt die Öffentlichkeit.

Gegenbild zu Gurlitt

Kunsthändler Hildebrand Gurlitt hatte offenbar von den Zwangsverkäufen unter den Nazis profitiert. Sohn Cornelius Gurlitt hütete in seiner Wohnung über 1400 Meisterwerke, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs als verschollen galten. Die Geschichte der Hanna Bekker vom Rath liest sich da wie ein Gegenbeispiel. Sie hat sich für verfemte Kunstschaffende eingesetzt. Sie hat diese durch Werkankäufe sowohl finanziell wie moralisch unterstützt.

Das «Blaue Haus» als Anziehungspunkt

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Ausstellung

Die Ausstellung «Zwischen «Brücke» und «Blauer Reiter». Hanna Bekker vom Rath als Wegbereiterin der Moderne» ist bis 23. Februar 2014 im Zentrum Paul Klee in Bern zu sehen.

«Sie war resolut und charmant», erinnert sich Marian Stein-Steinfeld, die Enkeltochter und Leiterin des Hanna Bekker vom Rath-Archivs. 1920 heiratete Hanna vom Rath gegen den Willen ihrer Familie den Musikschriftsteller Paul Bekker, den sie ein Jahr zuvor bei einer Kundgebung der Sozialdemokraten kennengelernt hatte. Die Ehe hielt zehn Jahre. Das Paar zog nach Hofheim bei Wiesbaden in das «Blaue Haus». Die Fachwerkvilla wurde zum wichtigen Anziehungspunkt für Kunstschaffende. Sie fanden dort Unterkunft und Arbeitsmaterial. Der Expressionist Karl Schmidt-Rottluff hatte sogar ein eigenes Atelierhaus im Garten.

Konspiratives Kunstnetzwerk

1940 mietete Hanna Bekker vom Rath eine Wohnung in Berlin, in der sie geheime Ausstellungen organisierte. Überall in Deutschland fanden solche Ausstellungen im Verborgenen statt. Der Kunsthändler Günther Franke in München zum Beispiel vertrat offiziell Künstler der deutschen Romantik. Doch, so erzählt Marian Stein-Steinfeld «am Ende des Galerieraumes war ein Vorhang, auf dem stand ‹Betreten verboten!›, und dahinter wurde die nicht genehme Kunst gezeigt.»

Hanna Bekker vom Rath war Teil eines konspirativen Netzwerkes von Kunstfreunden, das Informationen nur an ausgewählte Interessierte weitergab.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs eröffnete die umtriebige Kunstfreundin eine eigene Galerie in Frankfurt. Und sie begann, die lange verbotene und verborgene Kunst des deutschen Expressionismus im Ausland bekannt zu machen. Ausstellungsreisen führten sie ab 1952 nach Südamerika, Südafrika, Asien. Die Bilder transportiere sie der Einfachheit halber ohne Rahmen, ohne Passepartouts im Koffer. «Heute würde sich jeder Restaurator die Haare raufen», sagt Marian Stein-Steinfeld. Die hochkarätigen Werke haben all diese Abenteuer gut überstanden, wie die sehenswerte Ausstellung im Zentrum Paul Klee zeigt.