Im Schaulager wird das Heimelige unheimlich

Das Schaulager in Münchenstein / Basel ist als Ausstellungsort für grosse Formate konzipiert. Auf kleinem Raum zeigt es nun eine Begegnung zwischen Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow: Die Arbeiten der beiden Künstler verbergen hinter oft harmlosem Anschein Unheimliches und Bedrohliches.

Das riesige Parterre des Schaulagers ist fast leer. Nur eine begehbare weisse Box steht in der Weite. Ein Gehäuse mit drei Räumen für ein Kammerstück, das mit sieben Skulpturen besetzt ist. Die Werke stammen von der deutschen Künstlerin Katharina Fritsch und ihrem weissrussischen Schüler Alexej Koschkarow. Es sind Skulpturen, die überwiegend für diese Ausstellung entstanden sind und die in einen spannenden Dialog miteinander treten.

Unheimliches Begrüssungskomitee

Wie im Kammerstück oder in der Kurzprosa bleibt auch in dieser Klein-Schau vieles nur angedeutet. So stehen im ersten Raum drei fast lebensgrosse Figuren von Katharina Fritsch. Zwei Frauen und ein Mädchen in langen Kleidern und Kopftüchern, slowakischen Folklorepuppen nachempfunden. Wie ein Empfangskomitee wirken sie.

Ein Komitee allerdings, das die Besucher nicht gerade willkommen heisst. Die Figuren, aus grellgelbem Kunststoff gegossen, haben keine Gesichter: Unheimlich wirkt ihre Präsenz. Den Puppen gegenüber steht ein Ofen aus dicken, weissen Kachelelementen, der die Form einer explodierenden Handgranate hat. Gemütlichkeit sieht anders aus.

Die Kaiserin und der Fluss

Um Gemütlichkeit geht es in diesem kunstvoll komponierten Kammerstück auch nicht. Das zeigt schon der rätselhafte Doppeltitel: «Zita – Щара» (sprich: Schtschara). Zita meint die letzte österreichische Kaiserin, die nach 1918 ins Schweizer Exil ging und nie eingesehen hat, warum sie nach dem Ersten Weltkrieg nicht weiterleben und -herrschen konnte wie bisher. Schtschara ist ein Fluss in Weissrussland, der in beiden Weltkriegen Schauplatz von Kämpfen war.

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Die Ausstellung

Die Installation «Zita – Щapa» ist noch bis zum 2. Oktober im Schaulager in Münchenstein bei Basel zu sehen.

Geschichte als Bühnenbild

Die europäische Geschichte bildet das Bühnenbild, vor dem Fritsch und Koschkarow ihre perfekt durchgearbeiteten Skulpturen aufbauen. Die Strohpuppen im Riesenformat, in denen das Heimatliche und das Unheimelige sich unlösbar miteinander verbinden. Der Handgranatenofen, eisig weiss und brenzlig zugleich.

In einem der Nebenräume hat Koschkarow eine Art Bunker aufgebaut, dessen Sockel ein labyrinthisches Treppenhaus bildet. Gegenüber steht eine Holzskupltur, die ein «Schtetl» zeigt, eine jener jüdischen Siedlungen, die durch den Nationalsozialismus von der europäischen Landkarte entfernt wurden.

Dieses «Schtetl» sieht so niedlich aus, als käme es aus dem Land der Spielzeugeisenbahnen. Wäre da nicht die überdimensionierte Axt, die mitten im Dorf in einem Baumstumpf steckt – dort, wo traditionell ein grosser Baum steht, unter dem gerichtet und gefeiert wird.

Eine latente Gefahr durchzieht die Schau

Schaut man vom «Schtetl» aus zurück durch die kleine Raumflucht, so sieht man die drei übergrossen Puppenfiguren und dahinter einen grellblauen Sarg, den Katharina Fritsch auf leuchtend orangefarbene Böcke gestellt hat. Die Farbe des Gestells ähnelt jener von Warnwesten, wie sie von Bau- oder Bahnarbeitern getragen werden. Deutlich klingt hier das Motiv einer latenten Gefahr an, das die ganze Ausstellung durchzieht.

Mal mehr mal weniger deutlich verweisen die Arbeiten von Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow auf ideologische Entgleisungen und kriegerische Auseinandersetzungen, die den europäischen Kontinent im 20. Jahrhundert erschüttert haben. Im Zusammenspiel erzeugt das eine atmosphärisch packende und undidaktische Reflexion über Krieg, Flucht und Chauvinismus.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 11.07.2016, 17:22 Uhr